Türkei (2011)

Tag und Nacht

Vor zwei Jahren war da dieser türkische Gastschüler eine Woche bei uns in einer beschaulichen Kleinstadt im Norden Deutschlands zu Besuch.

Er kam Montagmittag an und hatte Montagabend Hunger.

Es war viertel vor zehn und er fasste den Entschluss, dass er einen Sandwich essen wolle. In unserem Haushalt fehlten Wurst und Brötchen.

Also wollte eben dieser Gastschüler einkaufen fahren.

„Das schaffst du nicht mehr“, erklärten wir ihm. „Es ist beinahe zehn Uhr.“

„Und?“, fragte er und zog sich seine Schuhe an.

„Der Supermarkt schließt um zehn.“

Er vergewisserte sich zehn mal und zog kopfschüttelnd seine Schuhe aus.

Vor zwei Wochen fasste ich den Entschluss, dass ich meinen Kühlschrank auffüllen müsse, um über den Tag zu kommen. Ich fragte, wo ich am besten einkaufen könne, denn genau dafür beschloss ich, meine Mittagspause zu nutzen.

Man nannte mir Orte und fragte mich, wann ich plante, zu gehen.

„Morgen Mittag.“

„Mittags?? Geh doch abends!“

„Ja, aber ich arbeite bis elf Uhr.“

Man sah mich an und verstand mein Problem nicht. Ich verstand nicht, warum man mein Problem nicht verstand. Am nächsten Tag war es mir mittags zu heiß, um zu gehen und ich beschloss, an einem kühleren Tag einzukaufen.

Einige Tage später verschlug es mich abends mit meinen Kleinen nach Ören. Wir waren um neun im Ort. Um uns herum tobte der Bär. Der Himmel war zappenduster, doch Plätze und Straßen waren hell erleuchtet. Männer, Frauen, Kinder und Hunde streunten herum und belebten den tags verschlafenen Ort.

„Sind die nicht müde?“, fragte mich Rosa (10) und zeigte auf drei kleine Kinder, die seelenruhig auf der Straße saßen und mit blinkendem Plastikzeugs spielten.

Es war elf Uhr abends, ich gähnte, rieb mir die Augen und zuckte mit den Schultern.

„Seid ihr nicht immer tierisch müde?“, frage ich die Kellner, die nach Feierabend  um halb eins hinter der Bar sitzen und die Beine hoch legen. „Warum? Ich schlafe jede Nacht fünf Stunden. Das ist doch super.“

Ich schlucke. „Eigentlich sind acht Stunden Schlaf doch wichtig.“

Schulterzucken.

Zwei Wochen später sitze ich noch nachts um zwei am Strand und lese oder schwätze hier und da mit der ein oder anderen Person oder erkunde die Umgebung. Morgens beginnt mein Tag um neun. Mittags gibt es eine oder zwei Stunden Power-Napping.

Denn das wahre Leben, das habe ich inzwischen gelernt, beginnt in der Türkei dann, wenn die Deutschen ihre Rolläden herunter lassen und die Bürgersteige hochziehen.

 

Für dich vielleicht ebenfalls interessant...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.