Türkei (2011)

Einsam? Gemeinsam!

Morgens, 8 Uhr Ortszeit, durchschnittlich 25 Grad. Ich wickle mich in mein Handtuch und begebe mich auf den Weg in Richtung Strand.

„Günaydın.“ Nachtrezeptionist auf dem Heimweg pfeift beim Anblick meiner Badeanzugsfigur anerkennend durch die Zähne.

„Günaydın.“ Die Kellner karren Brot zum Buffet.

„Günaydın.“ Zimmermädchen beginnen ihre Arbeit.

An der Küche vorbei, an der Bar vorbei, Kellner vom Hotel nebenan abwimmeln.

Ab ins Meer. Schwimmen. Raus aus dem Meer.

Kellner vom Hotel nebenan abwimmeln. „Du schwimmst jeden Morgen allein, du bist doch so hübsch!“ Wie gesagt – abwimmeln.

Kaffee an der Bar abholen.

In der Morgensonne schlage ich mein Buch auf und lese. Oder ich schreibe. Alternativ.

Allmorgendlich begegnet mir der Nachtstrandwächter (57), wenn er seinen Posten verlässt. „Marie, Marie, warum sitzt du hier so allein?“

„Ich bin gerne allein!“

Trübseliges Kopfschütteln. „Hach Marie, sei nicht traurig – wir finden einen schönen Türken für dich.“

„Ich bin nicht traurig, aber ich möchte alleine sein.“

„Ich hab einen Sohn, der passt zu dir.“

Ich kenne seinen Sohn. Er passt vielleicht sogar zu mir. Er ist Pazifist. Eine Rarität sozusagen. Ich lächle. „Ich möchte aber gerade alleine sein.“

Ich glaube, der Nachtwächter glaubt, ich sei krank, denn er tuschelt besorgt mit den Kellnern.

Abends nehme ich mir mein Reisetagebuch und wandere zum Strand. Man lässt mich an der Bar nicht vorbei.

„Wo möchtest du hin?“

„An den Strand“

„Da komme ich mit“, sagt Ömer (40) und steht auf.

„Ich wollte eigentlich schreiben“, erkläre ich. „Und da will ich lieber alleine sein.“

„Aber Marie, du bist zu jung und zu hübsch, um allein zu sein. Bleib doch einfach hier.“

Ein anderer Kellner pflichtet ihm bei. „Wenn du schon allein sein willst, dann wenigstens gemeinsam mit uns.“

„Ja, denn gemeinsam ist das Leben schön!“

In der unendlichen Weite der Bucht von Edremit bekomme ich langsam Platzangst. Ich bleibe hinter der Bar und versuche, zwischen Tassengeklapper und Tür-und-Angel-Gesprächen gescheite Worte zustande zu bekommen. Es gelingt mir nicht.

Nachmittags in gesellschaftlicher Runde – hier ist an jeder Ecke eine gesellschaftliche Runde oder wenigstens eine Person, die mit mir eine gesellschaftliche Runde eröffnen möchte – werde ich plötzlich gefragt, ob ich das Personal nicht leiden könnte, weil ich es so meiden würde. Natürlich erschreckt mich das (da wurde mir vor einer Woche noch nachgesagt, ich sei ein Flittchen, weil ich mich mit allen Männern unterhalten würde und nun das). Ich versuche also, mich daran zu gewöhnen, dass es allein sein nicht gibt.

Eines Abends schaffe ich es, vor der Rezeption ein ruhiges, einsames Fleckchen zu finden. Ich bin sogar eine dreiviertel Stunde alleine dort. Ganz allein. Dann kommt Ömer.

„Marie, warum sitzt du immer so einsam herum?“

„Ich bin nicht einsam. Ich möchte nur allein sein. Nicht reden. Nur für mich sein.“

Ömer winkt ab. „Ach. Einsam. Allein. Alles das Gleiche.“

Am nächsten Tag schnappe ich mir mein Türkischwörterbuch. Und siehe da: Einsam -yalnız. Allein – yalnız.

Wer kann das denn ahnen? Einsam. Allein. Alles das Gleiche!

 

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