Türkei (2011)

Frauen und Männer

Ich habe mich an den Strand gesetzt, dort, wo die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter rauchend ihre Mittagspause verbringen und lerne türkisch.

Zwei der Frauen sprechen mich an. Sie wissen, wie ich heiße und wie alt – jung – ich bin. Sie wissen, dass ich türkisch lerne und aus Deutschland komme und toll und hübsch bin. Aber was sie wirklich interessiert, wissen sie nicht. Aber das stört sie nicht, denn sie können ja fragen. Nach drei Wochen habe ich mir die Fragen schon mindestens zwanzig Mal angehört. Von teilweise wildfremden Leuten.

Die Fragerei beginnt harmlos.

„Wie gefällt dir die Türkei?“

„Wunderschön!“

Dann geht’s langsam an’s Eingemachte. Frauen fragen dann: „Wer ist hübscher/netter/besser – türkische oder deutsche Männer?“

Antwort: „Sie spinnen alle.“ Die türkischen Männer werden mit drei Worten beschrieben: kiskanç (eifersüchtig), kendini beğenen (eingebildet) und yorucu (anstrengend). Volle Zustimmung von seiten der Frauen.

Männer, mit unübertrumpfbarem türkischen Stolz, plustern sich auf und stellen fest:“ Türkische Männer sind viel toller als deutsche, oder?“ (wehe, du widersprichst mir).

Ich wiege den Kopf hin und her und kann mich von den Türken nicht vollkommen überzeugen lassen.

Diese Unentschlossenheit zieht eine weitere Frage mit sich: „Bist du verheiratet?“ Unvorstellbar, warum ich sonst keine Türken mögen könnte.

Auch nach dem 10. Mal schockiert mich diese Frage noch und ich stelle entrüstet mein Alter fest, das eigentlich alle kennen. Schulterzucken. Vorsichtig dann: „Hast du wenigstens einen Freund?“

Nunja, nach türkischer Lebensphilosophie sollte ich langsam wirklich Torschlusspanik bekommen. Noch keine Familienplanung begonnen? – Kein Problem. In der Türkei regelt das ein ganzes Hotel für mich und schlägt vor, ich solle in der Türkei bleiben, viele hübsche Kinder bekommen und glücklich werden.

„Ich bin glücklich“, sage ich.

„Also hast du einen Freund“, stellt Ömer (40) fest und zieht an seiner Zigarette.

„Ich bin glücklich, weil die Sonne scheint, weil ein Wind weht und weil meine Arbeit Spaß macht“, erkläre ich.

Ich ernte anerkennende, aber verständnislose Blicke (die spinnen die Deutschen, aber irgendwie ist es schön, allein glücklich sein zu können).“Aber du bist allein.“

„Ich bin nicht allein. Ich habe Freunde. Ganz normale Freunde.“

Das wird langsam zu viel interkulturelle Verständigung – und zu viel für mein türkisch. Ich setze die Unterhaltung abends mit Ömer auf deutsch fort.

„Warum hast du viele Freunde? Einer reicht doch!“ Ömer schaut mich schockiert an.

„Ich bin ja mit denen nicht zusammen. Wir reden nur oder gehen zusammen feiern oder so.“

„Jungs und Mädchen?“

„Ja!“ Ich sehe ein, dass es WIRKLICH genug interkulturelle Verständigung – oder wenigstens den Versuch dessen – gegeben hat.

Am nächsten Tag kommt Ibo (21) auf mich zu. „Warum redest du mit Ömer?“

„Ich rede mit wem ich will.“

„Bist du mit Ömer zusammen?“

Ich kriege einen Lachanfall und fange mich, als ich Ibos skeptischen Blick sehe.

„Ömer ist 40, verheiratet und hat ein Kind. Wir haben nur geredet.“

Ibo nickt.

„Ich bin Deutsche. Und deutsche Frauen reden auch mit Männern, wenn sie nicht mit ihnen ins Bett wollen.“

Ibo nickt, aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob er mich verstanden hat.

Interkulturelle Verständigung ist kompliziert, wenn man sie auf einer Sprache betreibt, die man erst zwei Wochen lernt.

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