Türkei (2011)

Kulturelle Unterschiede

Ins Kinderhaus kommen tagein tagaus zwischen 10 und 50 Kinder. Einige sind schwarzhaarig, die meisten blond. Einige sind türkisch, die große Mehrzahl ist deutsch.

Ipek (4) wird nicht verstanden, als er eine Geschichte erzählt. „Warum redet der so?“, fragt Alma (7). „Ist der Ausländer?“

„Du spinnst!“, sagt Helen (6). „Der ist Inländer. Du bist Ausländerin.“

Alma nickt verstehend und malt eine türkische Flagge.

Abends gibt es Kinderessen. Um 18.45 ist Schluss, alle Kinder weg, alle Tische sauber und abgeräumt – Teller für Teller wurde von den Kleinen stolz in die Küche aufgeräumt.

Ein Tisch ist voll gestellt und verschmutzt. „Hier saßen die Türken!“, sagt Ayşe (41,Türkin) böse. „Ich hasse Türken.“

Später spielen deutsche und türkische Kinder im Garten. Khan (8) möchte Krieg spielen. „Krieg ist scheiße“, sagt Pauline (6) und geht malen. Khan spielt Krieg und keiner spielt mit. „Türken spielen immer Krieg“, sagt Ayşe. „Ich hasse Türken.“ Sie kräuselt den Mund und sieht, dass Bauklötze herum liegen. Ipek und Otto (4) haben damit gespielt. Ayşe schmettert wütend los. Ipek grinst sie schelmisch an. Otto beginnt zu weinen. Ich tröste Otto. Er schnieft.

„Der verweichlicht“, sagt Ayşe. „Deutsche wollen immer nur zu Mama und Papa.“

Otto will nicht zu Mama und Papa. Otto will nur nicht angeschrien werden.

Am nächsten Tag sitzen wir im Market. Elli (3) will ein Eis, aber Mama sagt: „Nein.“ „Warum?“, fragt Elli und zieht eine Schnute. „Weil du schon eines hattest und es gleich Essen gibt“, erklärt Mama. „Ich will aber dann nachher eins.“ „Du kriegst morgen eins.“ Elli nickt und geht.

„Deutsche Eltern müssen immer diskutieren und fühlen sich dann super pädagogisch“, sagte Nadine (23, deutsche Pädagogin) und schaut Elli und Mama böse hinterher.

„Die Türken sagen einfach Nein und wenn das nicht sitzt, gibt’s einen Klaps“, sagt Gürkan (36, Türke). „Die verweichlichen nicht!“

„Meine Eltern haben auch immer mit mir geredet und Kompromisse gesucht“, sage ich. „Ich find das wichtig.“

„Ja, und jetzt schau, was aus dir geworden ist“, sagt Gürkan und lacht.

Nadine zieht ihre Augenbrauen hoch, mustert mich und schlürft schweigend ihren Tee.

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