Türkei (2011)

Luftverkehr

Als ich Ende Juni von Bremen nach Izmir fliege, bin ich nie zuvor in meinem Leben in der Türkei gewesen und weiß nicht einmal, was „Hallo“ auf Türkisch heißt. Das mag so klingeln, als wenn ich mit der Türkei nichts am Hut haben wolle und nur schnelles Geld bei schönem Wetter machen wollte. Aber das ist falsch. Ich war nur vorher erst mit Abi schreiben, dann mit feiern und dann mit reisen beschäftigt.

Dann war ich plötzlich an diesem Flughafen, durch die Sicherheitskontrolle, hinter einer Glasscheibe meine Freunde, auf der anderen Seite der Glasscheibe ich. Heulend. Da ich – wie vorbildlich – zwei Stunden vorher eingecheckt hatte, wartete ich und weinte.

Ich war also heimwehgebeutelt, völlig am Ende und wollte nur Ruhe. Pustekuchen.

In meinem Flugzeug hatte ich einen Fensterplatz. Neben mir saß eine türkische Omi. Es klingt nicht nett, was ich jetzt schreibe und das tut mir leid, denn es ist sicher eine entzückende Frau! Diese Omi war viel türkische Omi, hatte viel Parfum aufgetan und wollte viel mit mir reden. Sie kannte auch viele der anderen Passagiere, teile sich mit ihnen viel essen und wollte viele der Kinder auf ihren Schoß nehmen. Die einzige, die von nichts viel hatte, war ich. Ich hatte wenig Platz, wenig Feierlaune und wenig Luft, weil mir der Omiarm auf meinem Brustkorb die Luft abschnürte.

Ich landete nachts um 12 deutsche Zeit unter tosendem Beifall und Gejubel meiner überwiegend türkischen Mitfliegerinnen und Mitflieger (mindestens 15 Minuten Applaus dafür, dass der Pilot seinen Job ausgeführt hat – Klasse), bekomme meinen Pass gestempelt und bin heilfroh, dass ich noch lebe. Ich glaube, wenn ich irgendwann einmal mit einem Flugzeug abstürzen sollte, dann wird es eines sein, das voll mit Türkinnen und Türken ist. Bei keinem Flug zuvor standen so viele der Passagiere auf dem Gang (sonst kann man sich so schlecht unterhalten), wurde Übergepäck so gelassen hingenommen und wurden sämtliche Sicherheitsvorkehrungen so konsequent ignoriert („Hey du, ich leg jetzt mal auf, unser Flugzeug ist gestartet und die Verbindung wird so schlecht!“). Dieser Flug ist eine einzige Gaudi, schade nur, dass mir nicht nach Feiern zumute ist, denn der Arm der türkischen Omi neben mir auf meinem Brustkorb drückt irgendwann nicht nur auf Brustkorb sondern auch auf die Blase – aber ich komme nicht an ihr vorbei, denn sie versteht kein Deutsch.

Ich stehe auf türkischem Boden, schwitze mich mitternachts tot, will nur sterben und ärgere mich, dass ich kein türkisch kann. Denn dann könnte ich meinem Taxifahrer erklären, dass meine seltsame Gestik „können Sie bitte anhalten, ich müsste mich übergeben“ bedeuten soll. Das hat aber später weniger mit meinem Flugsituation als mit den türkischen Straßen zu tun.

 

Zwei Monate später steht mein Rückflug an.

Mein Flug geht um 16 Uhr. Um 14.45 bin ich am Flughafen, mein Gepäck ist um 15.15 Uhr mit 5 kg Übergepäck (ohne Extrazahlung) aufgegeben. Mein Boarding Pass sagt mir, dass jetzt das Boarding beginnt. Passkontrolle und Sicherheitskontrolle liegen noch vor mir. Um 15.25 ist mein Pass gestempelt. Ich schlendere durch den Duty Free Shop Richtung Sicherheitskontrolle. Um 15.35 bin ich dort angelangt. Vor dem Fenster flimmert die Startbahn vor Hitze. Das Boarding hat noch nicht begonnen.

Das Flugzeug startet um 16.30 Uhr. Wir werden gebeten, uns anzuschnallen, unsere Tische hochzuklappen und unsere Handys auszuschalten.

Wir landen mit 10 Minuten Verspätung in Hamburg. Niemand klatscht. Ich klatsche ein bisschen im Takt mit den Regentropfen an meinem Fenster.

Für dich vielleicht ebenfalls interessant...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.