Türkei (2011)

Coole Jungs

Karlo ist vier. Karlo ist der absolute Mädchenschwarm des Kinderhauses.

Er stapft morgens durch die Holztür, legt seinen Discman ab, kurz bevor er den Kunstrasen betritt und sich nach Freunden umschaut.

Er sucht nicht lange. Die Mädels stürmen auf ihn zu und fallen ihm um den Hals. Karlo grinst. Die großen Jungs heben die Hand. „Hey Karlo. Na, was geht?“

„Alles klar“, ruft Karlo. „Wollen wir kicken?“

Nachmittags sitzt Karlo am Pool und hört Salsa und Samba auf seinem Discman. Ein kleiner Blondschopf mit Hertha-Trickot und Badehose, die großen Kopfhörer über die Ohren gestülpt. Er beobachtet ein blondes Mädel, das sich gerade für den Pool fertig macht. Karlo grinst und nickt.

„Der wird später mal ein Frauenheld“, stellen wir fest. „Der ist nicht nur supercool, der ist auch noch charmant und hilfsbereit.“ Wenn es darum geht, aufzuräumen, ist Karlo immer dabei. „Ist doch eh klar!“

Karlos bester Freund ist Jannik. Jannik ist 13. „Karlo ist der Coolste hier!“, sagt Jannik und erntet Zustimmung. Der Zweitcoolste ist Jannik, der munter über die Anlage läuft, immer eine Gruppe um sich herum. „Cool sein ist cool“, sagt Jannik. „Aber zu cool ist uncool.“

Abends sind die Großen und ich im Ort. Am Straßenrand kauern auf einer Holzkiste sehr verschreckt kleine Kaninchen. „Marie, kaufst du das?“, fragt Jannik.

„Das kann ich nicht kaufen!“

„Bitte, das stirbt doch sonst!“

„Aber ich kann es nicht kaufen, ich kann es ja schlecht in meinem Schrank verstecken.“

Jannik steht mit großen Augen vor den kleinen Tieren und beißt sich auf der Lippe herum.

Drei Tage später haben seine Schwester und er 80 türkische Lira zusammen gesammelt, um das Kaninchen, das nicht zum Verkauf steht, zu kaufen.

Am selben Tag gibt es Probleme im Kinderhaus, zwischen den großen Jungs und einem anderen, der Autist ist und eine Panikattacke nach der anderen bekommt. Während des Konfliktgesprächs muss sich Jannik immer wieder ein Lachen verkneifen, bis er von den coolsten Jungs – den federführenden Jungs der Ferien-Gang ermahnt wird. Als sich die Gruppe im gegenseitigen Einverständnis aufgelöst hat, kommt er zu mir: „Ich muss da einfach immer lachen, wenn ich den seh. Das mach ich gar nicht mit Absicht.“

„Ist trotzdem daneben, egal, ob dus mit Absicht tust oder nicht“, sagt Vincent (13) und geht.

Abends sitzen die Jungs beim Kinderessen alle gemeinsam an einem großen Tisch.

Später kommen sie zu mir. „Er ist eigentlich voll okay. Und wir spielen auch mit ihm. Aber dürfen wir trotzdem ein bisschen lästern und lachen, wenn er nicht da ist?“

„Warum?“, frage ich.

„Weil er anders ist. Und witzig.“

Ich zucke mit den Schultern. „Cool find ichs nicht.“

„Das ist okay. Niemand ist perfekt. Nichtmal wir ganz Coolen.“

 

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