Türkei (2011)

Wenn Mann Frau sucht

Wenn ich rückblickend auf die jungen Türken blicke, kann ich die Strategien, die sie nutzen, um ein Mädel – in diesem Fall mich – in ihr Bett zu kriegen, immer besser durchschauen. Das ist schön.

Da war dieser junge Koch, der mich eines Abends nach Feierabend auf dem Parkplatz anflehte, etwas mit ihm trinken zu gehen. Wir kannten uns 9 Tage. Ich sagte nein und wandte mich zum Gehen. Er hielt mich am Ärmel zurück, blickte mir mit großen, dunklen Augen in die meinen blaugrauen, seufzte schwer und sagte: „Marie. I love you.“ Ich weiß nicht, was mich mehr überraschte. Der Satz an sich oder die Tatsache, dass er englisch sprach. In meiner Überraschung reagierte ich jedenfalls sicherlich nicht so, wie er es sich erhofft hatte. Ich zog die Augenbrauen hoch, grinste spöttisch, sagte „Teşekkür ederim“ und ging.

Ich glaube, dieses „danke“ hat in ihm irgendeinen Ehrgeiz geweckt, denn alle naselang konnte ich mir nun die Schönheit der Türkei zeigen lassen. Das wunderbare Meer, die wunderbaren Sterne, die wunderbare Landschaft. Er machte auch auf die wunderbaren Männer – insbesondere ihn – aufmerksam und bemerkte, wie wunderbar sich die Schönheit der deutschen Frauen – insbesondere die meine – in die türkische Kulisse einfüge. Hin und wieder verlieh er durch Gesten und Worten seiner himmelsgroßen Liebe für mich Ausdruck. Hätte ich all das mitgeschrieben (und verstanden) was ich zu hören bekam, hätte ich einen Dreigroschenroman füllen können. Viele Mädchen nennen so etwas Romantik – ich nenne es Kitsch.

Irgendwann merkte er, dass er mich so nicht beeindrucken konnte. Er änderte die Strategie. „Ich hab ein Haus, ein Auto, einen guten Job – Heirate mich!“ Ich lehnte dankend ab. „Ich lerne deutsch für dich, du hast ein Zimmer für dich, du kannst studieren.“ Immerhin meine Annäherung mit dem für ihn bis dorthin vagen Begriff „Emanzipation“ hatte Früchte getragen. Er erklärte mir deutlich, wie gerne er mich abknutschen würde und ich erklärte ihm deutlich, dass er das leider würde lassen müssen und verließ die Kühlkammer, in der die meisten dieser Gespräche abliefen. „Heirate mich“, schlug er vor. „Jetzt. Sofort“

Ich zeigte ihm einen Vogel.

„Im Herbst!“

„Da bin ich in Polen.“

„Nein, du bleibst einfach hier. In meinem Haus ist Platz für dich!“

Ich versuchte, immer nur dann zu lachen, wenn er nicht in der Nähe war und schmunzelte in seiner Gegenwart.

Ab einem bestimmten Moment an ließ er mich in Frieden. Türkische Männer sind schwer davon zu überzeugen, dass sie keine Götter sind, aber dumm sind sie nicht.

Der junge Koch ist bei den Mädels immer gut dabei, ein richtiger türkischer Klischeemacho, der enge, metallisch schimmernde Anzüge trägt, wenn er tanzen geht, ein fettes Auto fährt, Tarkan rauf und runter hört und auf Facebook ein ganzes Album hat, in der er stolz mit Waffen aus seinem Vaterlandsdienst posiert. Bei den meisten Gästemädels kommt er sofort gut an, wenn er sie bei der Poolparty antanzt und ihnen auswendig gelernte Sätze ins Ohr raunt.

Er fährt dann die deutsche-Mädchen-Schiene – so viel habe ich inzwischen begriffen. Das bedeutet: viel Urlaubsromantik mit Sonnenuntergang und Strandspaziergang bei Vollmond und große Gefühle. Eine spannende, fremde Kultur und endlich mal etwas anderes als verklemmte, schüchterne deutsche Jungs – er ist der perfekte Urlaubsflirt.

Für alle, die nicht ganz so freizügig leben und lieben, gibt’s die türkische Masche: Verbindlichkeit, Sicherheit, Heirat. Und Sex natürlich erst in der Hochzeitsnacht (natürlich).

Ach ja. Kurz vor Schluss erfuhr ich am eigenen Leib eine dritte Strategie. Ich wollte sie erst „betrunkener-Mann-Strategie“ nennen, aber er war stocknüchtern.

Also nenne ich sie „blöder-Mann-Strategie“.

Es war auf der Tanzfläche. Poolparty. Ich mittendrin zwischen Gästen, Personal und engagierten Tänzern.

Er tanzte. Ohne mich. Ich tanzte Ringelreihen mit vier blonden Mädels auf Bauchnabelhöhe. Er tanzte mich an.

„Hey Marie. Beach?“

Meine Antwort wäre Nein gewesen, doch mich interessierte, ob er verraten würde, was er vorhatte. „Warum?“

„Sex.“

Na also. Blöde Strategie. „Nö.“

„Warum?“

Die blödeste Frage – noch blöder als die ganze Strategie an sich – auf ein solches Nein ist sicherlich „Warum?“.

Ich ersparte mir die Antwort, schenkte ihm ein Lächeln und ließ mich von einem der türkischen Tänzer meinen Ringelreihenmädels entführen.

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