Krakau (das 1. Mal - 2011), Uncategorized

Kulturschock

Ich habe mich damals entschieden, nach Polen zu gehen. Jetzt wo es Winter und dunkel und kalt wird, frage ich mich: „Warum?“. Es gibt so viele andere schöne Länder in diesem Europa, in denen die Sonne keinen Urlaub nimmt. Aber dann erinnere ich mich. Ich wollte nach Osteuropa, um was anderes, was neues kennen zu lernen. Ich wollte einen wirklichen Kulturaustausch. Und jetzt bin ich hier. In Polen. Mit Spaniern und Franzosen und Italienern. Und ein paar Polen.

Was soll ich sagen: Ich habe Bücher gelesen, Filme geschaut, Erfahrungen ausgewertet. Kurzum, ich habe alles getan, um einen Kulturschock abzuwenden. Ich lernte, zurückhaltend aufzutreten, ich übte mich im polnischen „sch“ und war ebenso zuvorkommend und freundlich wie all die Polinnen und Polen.

Ich lehnte allerdings auch viel Wodka ab und konnte mich mit der Schüchternheit polnischer Männer nicht abfinden, aber man muss ja eine fremde Kultur auch nicht komplett übernehmen und alles in allem kann ich mich ganz wunderbar mit der polnischen Kultur und Mentalität identifizieren.

Und dann kamen die Spanier und die Franzosen und die Italiener und immer mehr Spanier. Und plötzlich spürte ich den Kulturaustausch. Es begann bei der Belehrung über polnische Pünktlichkeit. „Ihr seid bitte pünktlich. Und pünktlich heißt, nicht später als 15 Minuten.“ Kollektives Stöhnen. Für mich kein Problem.

Es ging weiter im Bus. Busse in Polen sind ein Phänomen. Sie haben die Eigenschaft, vollkommen überfüllt und dennoch mucksmäuschenstill zu sein. Sobald zwei Südländer einsteigen, ist es um die Ruhe geschehen. Und misstrauische oder mahnende Blicke sind völlig egal.

Und schließlich endet es in, naja, nennen wir es an dieser Stelle „Paarverhalten“.

Ich bin ja einiges gewohnt aus der Türkei, aber das hier ist Polen, mit Männern, noch zurückhaltender als die Deutschen es sind. Und dann treffe ich auf all diese Südländer, die frei nach dem Motto „Jeder mit jedem und das möglichst täglich in möglichst offenen Beziehungsmustern“ leben, sehe viel zu viele halbnackte Spanier in meinem Schlafzimmer und muss mir anhören, dass ich prüde sei, nur weil ich in einem baumwollenen Snoopy-Nachthemd und nicht in einem schwarzseidenen Negligé schlafe.

Ich möchte wirklich nicht wissen, was für einen Kulturschock all diese Südländer hätten, angenommen, sie würden es sich zu Herzen nehmen. Ich möchte nicht gemein sein, aber manchmal scheint mir, sie sind so damit beschäftigt, den Kälteschock zu überwinden, dass für Kulturannäherung wenig Zeit bleibt. Ich jedenfalls habe meinen Kulturschock hier in Polen, wenn auch nicht mit Polen. Mehr davon hätte ich vielleicht in Spanien, aber ist schon gut, dass ich in Polen bin.

Auch wenn’s kalt und dunkel ist.

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