Krakau (das 1. Mal - 2011)

Gedanken über Zeit

Zeit. Ihr wollt mich also über Zeit sprechen hören. Über Lebenszeit noch dazu.

Und warum ich? Ach so, weil ihr meint, ich hätte die Zeit. Die Zeit, über Zeit zu sprechen. Weil ich mir die Zeit nehme, zu sprechen.

Weil ich mir die Zeit nehme, zu leben.

Weil ich, wenn ich über Zeit rede, nicht auf die Uhr schaue.

Weil ich nachdenke, ehe ich antworte und ihr keinen atemlosen Hast in meiner Stimme hören werdet.

Nun gut, unterhalten wir uns also über Zeit.

Ich scheue mich davor, die Zeit zu definieren; die „Zeit“ als Begriff. Ich definiere die Zeit darüber, was ich aus ihr mache. Wie ich die Zeit, die der filigrane Zeiger meiner Armbanduhr zählt, in Lachen und Liebe und Leben umwandeln kann.

Unser Leben besteht aus Zeit und unser Leben wird bestimmt von Zeit. Ja, das ist richtig. Es besteht nicht an erster Stelle aus Druck, Wettbewerb und Terminen. Sondern das ist, was wir aus dem Leben machen. Unser Leben wird lebenswert, wenn wir die Zeit bestimmen und nicht die Zeit uns.

Ich sehe Euch die Augenbrauen hochziehen und die Stirne runzeln. Aber das sei irgendwie paradox. Unklar. Und unlogisch. Mögt ihr einwerfen. Es stimmt vielleicht, Zeit ist eine abstrakte Sache. Schwer zu greifen.

Bestimmen wir unsere Zeit, genießen wir sie und füllen wir sie mit Großartigkeit, so verfliegt sie und wir haben nicht genug. Halst das Leben uns Arbeit und Probleme auf, bleibt die Zeit stehen, damit wir möglichst lange etwas davon haben. So läuft das, meint ihr. Wie einfach ihr es Euch macht.

Wir müssen nicht darüber streiten, dass das Leben nie ganz einfach ist und dass wir niemals dort stehen werden, wo wir sagen können: „Ich habe mein ganzes Leben keine Träne vergossen und mir ist nicht eine Minute langweilig gewesen.“

Doch ist es das, wofür uns die Zeit gegeben ist? Um uns selbst Makellosigkeit vorzuspielen, wo keine Makellosigkeit möglich ist?

Ich schüttle den Kopf und ihr dürft mitmachen.

Das Leben lebt von der Vielseitigkeit, mit der wir unsere Zeit gestalten.

Als ich ein junger Teenager war, wollte ich eine aalglatte, filmreife Karriere. Als alter Teenager möchte ich Glück und Zufriedenheit. Wie bekomme ich Glück und Zufriedenheit? Durch das Bewusstsein dafür, dass ich Zeit habe und nicht durch die Angst davor, dass ich Zeit verschwende.

Das Glück kommt, wenn ich einmal in der Woche eine Party genieße und nicht, wenn ich vor Müdigkeit auf der fünften betrunken in einer Ecke einschlafe, weil ich überall Partyqueen sein musste.

„Ja, aber Facebook“, ruft ihr entsetzt. „Alle werden Fotos haben außer mir!“ Entschuldigt, das ist nicht meine Art, aber ich werde dazu nur etwas von oben herab lächeln.

Glück und Zufriedenheit finden sich im Maß und in der Ausgeglichenheit der Handlungen. Wir arbeiten, wir entspannen. Wir treffen Freunde, wir sind allein. Wir hören Musik, wir genießen die Stille. Wir lachen, wir weinen. Wir denken, wir denken nicht. Wir gehen in die Welt, wir kommen wieder nach Hause.

„Ja, aber die Zeit! Wie soll man das managen, wir versinken doch in Arbeit“, jammert ihr ratlos. Natürlich braucht ein Leben Planung. Planung in Form von Vorstellungen, von Träumen und manchmal in Form von Listen und Kalendern. Aber habt ihr mir zugehört? Aufmerksam?

Ausgeglichenheit ist das Zauberwort. Die Ausgeglichenheit zwischen Spontanität und Plan. Zu spontan kann haltlos werden und die Zeit verrinnt wie Sand. Zu strukturiert wird zu einem unverrückbaren, einengenden Felsengebirge.

Dazwischen findet man den festen Sand, den es braucht, um Traumschlösser zu bauen. Und zwischendurch nehmt ihr euch dann die Zeit, eure Werke zu betrachten. Und vielleicht merkt ihr, dass euch eine Substanz zur Vervollständigung fehlt. Dann besorgt sie, die Welt ist groß, es wird sie geben.

Oder ihr wollt irgendwann das ganze Bauwerk verändern, dann schließt das Alte ins Herz, streicht den Sand glatt und beginnt von vorn, immer mit dem Wissen, dass Zeit nicht verschwendet wurde, wenn es Euch nur lächeln lässt. Oder das, was ihr daraus mitnehmen konntet, euch das Lächeln einfacher macht.

April 2012

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