Krakau (das 1. Mal - 2011), Uncategorized

Wenn aus Kleinbürgern Partytouristen werden

Touristen sind ein spannendes Phänomen, vor allem diejenigen, die daheim ein an sich spießbürgerliches Leben führen, das zwar ordentlich, aber stinklangweilig ist und dann zum Feiern in die Ferne fahren.
Das sind diejenigen, die auf Mallorca am Ballermann plötzlich auf dem Bartisch die schlechtsitzenden Hüllen fallen lassen oder in Berlin einen Drogen-Alkohol-Cocktail mixen, damit sie sich beim Aufwachen, nicht mehr an all die supergeilen Weiber, mit der sie nach einer Hammerparty im Bett waren, erinnern. Dürfen sie ja gerne machen (so lange sie nach dem Cocktail nicht ausgerechnet mich davon überzeugen wollen, dass wir füreinander geschaffen seien, während der Blick sich im Ausschnitt verfängt).
Auch in Krakau gibt es viele Touristen. Und in Krakau gibt es ein ausgelassenes Nachtleben. Die Touristen vertragen die polnischen Bierpreise, das heißt einen halben Liter für durchschnittlich 1,30 Euro, nicht gut, denn es führt dazu, dass sie dauerbetrunken sind. Und ständig auf Klo müssen, aber das ist mehr ein individuelles Problem, als eines für die Gemeinschaft, wenn man davon absieht, dass von Betrunkenen benutzte Toiletten nicht mehr gut brauchbar sind.
Ich mach mir jetzt nicht die Mühe, die Frauen aller Nationen einzeln zu beschreiben, wenn die betrunken genug sind, werden sie alle lasziv und halbnackt und strahlen mit verschwommenem Blick und Entenschnute in die Gegend. Die Kerle sind da individueller.
Nehmen wir beispielsweise einmal die Engländer. Für die Leute von der Insel ist es billiger, sich in einen Billigflieger zu schwingen und das Wochenende in Krakau durchzufeiern, als das gleiche daheim zu tun. Außerdem kennt sie hier keiner. Am zweiten Tag wachen sie morgens um elf verkatert auf, zwängen sich in enge Latexanzüge, setzen Frauenperücken auf und ordern in einem der Restaurants am Rynek grölend das erste Bier um gegen den Kopfschmerz anzutrinken. Dabei wollen sie möglichst viel Aufmerksamkeit, denn ringsherum sollen auf jeden Fall alle mitbekommen, dass diese jungen Männer, von denen die eine Hälfte sich gedankenverloren am – entschuldigt die Ausdrucksweise – Sack krault und die andere Hälfte sich erfolglos in Eroberungspose wirft, unendlich viel Spaß haben.
Die Franzosen lassen im Hipster-Style lieber raushängen, dass sie unendlich cool und individuell sind und für diese ganze Abstürzerei viel zu nobel. Sie hocken also nüchtern mit Ghettoblaster an gut besuchten Plätzen auf dem Boden, rauchen Zigarren und pusten unendlich gelassen und mit einem verruchten Ausdruck in den Augen den Rauch in Richtung schlanker polnischer Beine, die an ihnen vorbei stöckeln.
Die Portugiesen sieht man nur im Nachtleben, wo sie dann möglichst viele Mädels gleichzeitig zu sich einladen. Bewundernswerter Weise schaffen sie es zur selben Zeit mit einer zu tanzen und einer anderen zu knutschen, ohne dass eine von beiden es merkt. Wobei ich glaube, dass die auch bei sich zu Haus so drauf sind.
Amerikaner zeichnen sich dadurch aus, dass sie ab Mitternacht stockbesoffen der Mittelpunkt jeder Tanzfläche sind, die Arme in die Luft reißen und ihr Shirt in die Menge wirbeln. Während sie sich den ganzen Club zu Freunden machen, vergessen sie meistens am Ende ein Mädel mit nach Haus zu nehmen. Auch, weil sie dazu neigen, lange vor Ende der Party in irgendeiner Ecke einzuschlafen.
Bleiben die Spanier, die sind hier überall. Spanier ähneln den Portugiesen, was das Gebalze angeht, nur trinken sie mehr. Alles durcheinander. Bier, Wodka, Schnaps, Spiritus. Auf seltsame Weise schaffen sie es trotz eines sehr selbstverliebten Gehabes, das sie an den Tag – bzw. die Nacht – legen und das sich mit steigendem Alkoholpegel verdoppelt und verdreifacht, immer, von Mädchen umringt zu sein. Für die spanische Selbstüberschätzung hab ich abschließend übrigens noch ein prägnantes Beispiel: Es war im Winter, ich war mit Freundinnen tanzen. Irgendwann kam einer zu mir und reichte mir einen Drink. Er prostete mir zu, ich ihm nicht. Er war alt. „Ich bin Spanier“, sagte er. „Ich bin Deutsche“, sagte ich. „Was machst du hier?“, fragte er. „Ich arbeite“, sagte ich. „Du arbeitest? Wie alt bist du denn?“, fragte er wieder. „18“, sagte ich und überlegte einen Fluchtplan. Er beugte sich zu mir und ich schob seine Hand von meiner Hüfte. „Sag mal, hättest du Lust auf ein Erlebnis mit einem reifen und erfahrenen Mann?“, fragte er und sah mit dem lüsternden Blick noch älter aus. Ich floh ohne Plan. Später erfuhr ich von meiner Freundin, die sich vorher einfach so mit ihm unterhalten hatte, dass er in einem Büro arbeitete. Und dass er daheim gerade geheiratet hatte. Seine Tochter war 4 Monate alt.
Auch Kleinbürger wollen nun mal manchmal ein bisschen Spaß. Dürfen sie gerne haben. Solang sie nur mich damit in Ruhe lassen.

 

Für dich vielleicht ebenfalls interessant...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.