Krakau (das 1. Mal - 2011), Uncategorized

Gegenwart und Geschichte: Gespräche

Ein junger Germanistikstudent, Nähe Breslau

                „Der Neffe meines Großvaters ist als Deutscher geboren, hat unter den Russen die Deutschen hassen müssen und ist irgendwann als polnischer Immigrant in Kanada gestorben. Mein Vater war Schlesier, hat als Kind „Fang den Juden“ gespielt und sich gewundert, dass er plötzlich kein Deutsch mehr sprechen durfte.

Ich finde es gut, dass ich wieder genau so aufwachsen kann, wie es mir gefällt. Deutsch ist eine tolle Sprache, die deutsche Kultur finde ich beeindruckend und die deutsche Geschichte spannend. Wir könnten viel mehr davon mitnehmen und davon profitieren, wenn wir uns nicht ständig wegen Vergangenem anfeinden würden. Das bringt doch niemandem etwas.“

Drei junge Journalisten, Masuren

Nach dem EM-Spiel Polen-Griechenland auf dem belebten, wunderschönen Marktplatz Krakaus

                „DAS hier ist Polen. Jedenfalls war es das so lange Zeit. Ein strahlendes Land voller Kultur und Reichtum, das die Menschen gerne bereisen und schätzen. Wo die Wirtschaft boomt und die Menschen stolz sind auf das, was sie haben. Aber unfairerweise ist es nicht mehr das, was es war. Es wurde durch Kriege und Fremdherrschaft und Nationalismus und Kommunismus zerstört, die ein deprimiertes Volk zurückgelassen haben und das Einzige, was die Leute heutzutage noch herzieht sind die Frauen und der Alkohol.“

Die Großmutter einer Freundin, Posen

                „Ich verstehe nicht, warum Menschen heute noch immer Hass gegen die Deutschen schüren. Ihr jungen Leute könnt nichts dafür. Und ihr könnt auch nichts dafür, dass ihr eine schöne Jugend habt und es Euch gut geht. Ich hatte eine grauenvolle Jugend als Zwangsarbeiterin und mein Bruder war in Auschwitz und danach kamen die Russen und das kommt mir fast noch schrecklicher vor, weil es näher liegt und nicht ganz so unvorstellbar ist. Aber das ist Geschichte und ich kann es nicht ändern. Aber jetzt lebe ich und ich lebe gut und ich kann meine letzte Zeit genießen und mich darüber freuen, dass ihr es so gut habt. Man darf die Geschichte nicht vergessen, aber noch viel wichtiger ist die Gegenwart, denn was immer die Vergangenheit gegeben hat, das Glück der Gegenwart kann sie ausgleichen. Merk dir nur eines, Marie: Die wichtigste Sache ist lieben und geliebt werden. Immer.“ Sie lächelte mich an und drückte mir einen Kuss auf die Stirn. „Du machst es richtig, Marie. Lerne die Menschen kennen. Die Welt bräuchte mehr Menschen wie ich.“

Eine Schülerin, 9 Jahre, Krakau

                „Marie, meine Mama hat mir erzählt, du seist eine Freundin von Adolf Hitler. Wer ist Adolf Hitler? Meine Mama hat auch gesagt, das sei ein böser Mensch.“

Wie reagiert man auf eine solche Frage? Noch dazu in brüchigem Polnisch.

                „Auf keinen Fall! Das…“

                „Fantastisch, ich hab eh nicht geglaubt, dass du mit bösen Menschen befreundet seist. Spielen wir Memory?“

Frühjahr 2012

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