Krakau (das 1. Mal - 2011), Uncategorized

Liebe in der Swietlica

Der Frühling macht alle liebeskrank. Auch die Stöpken zwischen 5 und 10, mit denen ich tagein tagaus meine Zeit in der „świetlica”, meinem Schulhort, verbringe.
Heute betrete ich den Raum. Alles dreht sich um Sophie (10), mehr jedoch um ihr neues Iphone. Ostergeschenk. Ich setze mich zu den Kindern auf den Teppich hinten in der Ecke. Sophie drückt Niklas (9) einen Kuss aufs Haar, strahlt mich mit rosa Wangen an und schmiegt sich an ihn. Niklas schiebt sie etwas beiseite, denn sie liegt auf dem Arm, den er auf dem Iphone liegen hat. Patricia (9) beugt sich zu mir und flüstert: „Sie liebt ihn, aber er liebt sie nur, weil sie ein Iphone hat.” „Ja”, sage ich und zucke mit den Schultern. „So ist das.” „Was ist denn aus deinem amerikanischen Freund geworden?”, frage ich Sophie. Sie lässt einen Moment von dem genervten Klassenkameraden ab. „Ich hab jetzt schon drei”, erklärt sie und wirft sich stolz in die Brust. Dann zählt sie an den Fingern ab und spricht extra langsam, um sicher zu gehen, dass ich sie verstehe. Bei mir weiß man ja nie. „Dan und dann noch Peter in Amerika. Und dann noch Wuju in Thailand.” Wieder ein Küsschen für Niklas.
„Und wie unterhältst du dich mit denen?”, frage ich. Das interessiert mich wirklich.
„Auf englisch natürlich!” Ich ernte einen Blick, der mir bescheinigt, dass ich wirklich sehr blöd bin.
„Aber du sprichst kein Englisch”, erinnere ich sie vorsichtig, denn ich will schließlich ihr junges Glück nicht zerstören.
Sophie zuckt mit den Schultern. „Ich kann I love you”, erklärt sie. „Und bei allem andern hilft mir meine Mama.” Dann schaut sie mich etwas von oben herab und sehr, sehr altklug an. „Wahre Liebe braucht keine großen Worte. Aber das wirst du auch noch lernen, wenn du mal eine Beziehung hast. Du verjagst garantiert jeden Jungen. So ist das.”
Danke auch, denke ich.
„Sei nicht traurig”, tröstet Paricia. „Du bist einfach zu gut für die Jungs.”
„Ich bin nicht traurig”, sage ich und ziehe die Augenbrauen hoch. „Sehe ich traurig aus?”
Patricia mustert mich von oben bis unten. „Nein, eigentlich nicht. Nur sehr hübsch.”
Später lese ich Agathe(7) eine Geschichte vor. „Marie, wen liebst du?”, fragt Agathe.
„Ich liebe dich, das weißt du doch!”, antworte ich und will weiter lesen. Agathe schlägt die Hand gegen die Stirn. Sie denkt, ich sei zu blöd, um sie zu verstehen. „Neeeeein”, ruft sie. (das klingt auf polnisch übrigens viel eindrucksvoller – niiiiiiiääää). „Wen willst du küssen, heiraten und dann mit ihm Kinder kriegen?”
„Ich bin viel zu jung zum Kinder kriegen und Heiraten.” Ende der Debatte.
Dankenswerterweise kommt in dem Moment Alexandra (6) in Tränen aufgelöst zu mir. „Michael schaut die ganze Zeit zu mir”, schluchzt sie. Tatsächlich grinst der Erstklässler ununterbrochen herüber und schaut schnell zu Boden, wenn er sich ertappt fühlt. „Der mag dich bestimmt”, tröste ich. „Ja!”, ruft sie (was auf polnisch tack, tack, tack!!! klingt). „Das ist ja das Problem. Der liebt mich und lässt mich gar nicht mehr in Ruhe und schaut mich immerzu an.” Die Tränen laufen ihr übers Gesicht. „Bitte tu doch was, Marie.”
Ich versuche also, Michael zu erklären, wie das läuft mit unerwiderter Liebe.
Und wie ging Sophies Liebesabenteuer auf dem Teppich aus? „Niklas, jetzt sei doch auch mal nett zu mir!”, bettelte Sophie. „Sonst darfst du auch mein Iphone nicht mehr haben.”
Niklas schaut zu ihr, schaut auf das Iphone, schaut zu ihr, reicht ihr das Iphone: „Na, sooo toll ist das nun auch nicht.” Und geht. So ist das.

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