Krakau (das 1. Mal - 2011), Uncategorized

Was wirklich mal gesagt werden muss: Aspekte

Es gibt immer diese Dinge in unserem Leben, die wir nicht erwähnen, wenn wir erzählen, weil sie klein und unbedeutend sind. Keine bahnbrechenden Dinge, nichts, was Aufruhr oder Freude erzeugt, einfach nur kleine Aspekte am Rande des Geschehens. Und dennoch sind es die Dinge, die das Leben in ihrer Summe einen facettenreichen, teilweise poetischen Rahmen geben, selbst wenn man mit gekonnter Poesie an sich nichts am Hut hat.

Alltagspoesie
Alltagspoesie

Das sind die kleinen gelben Blümchen, die unscheinbar aus all dem frischen Gras in der Innenstadt hervorragen und allenfalls von Hunden beschnuppert werden, ehe das Herrchen achtlos darüber trampelt.
Das ist das schlappe Schneeglöckchen, das ich am ersten Frühlingstag in der Tram finde und zu Hause in dem dicken Märchenbuch mit goldbeschriftetem Einband trockne.
Das sind die strahlenden Forsythienbüsche, die eine schöne Erinnerung an die Gärten in meiner norddeutschen Nachbarschaft wecken.
Ich würde niemals von dem erdignassen Geruch im Bus erzählen, denn alle würden darüber – durchaus berechtigt – nur die Nase rümpfen. Aber dieser Geruch gehört dazu. Ist vertraut. Inzwischen.
Und dann dieser eine ganz besondere Blick der Nonnen, die mit spitzen gerümpften Näschen und ihren Hauben hervorschielen und mit zusammengekniffenen Lippen mustern, was ihnen begegnet. High Heels zum Beispiel. Oder Miniröcke. Oder junge Pärchen, die auf Parkbänken bei Vogelgezwitscher ineinander verschmelzen. Darüber erzähl ich aber nur deshalb nicht so viel, weil ich Sorge vor einem Blitz aus dem Himmel habe, der mich rachelüsternd erschlägt.
cimg5717Was sich auch schwer in einen spannenden Kontext bringen lässt, ist dieses Gefühl, das mich einnimmt, wenn ich nach getaner Arbeit an dem kleinen Bushäuschen mit den eingestaubten Bänken und den zersprungenen Scheiben stehe und zu dem bewaldeten Hügel sehe, über dem die Klostertürme ragen. An diesem Hügel betrachte ich den Jahreswechsel, was mich gleichzeitig froh und traurig stimmt, bis sich der blauweiße Bus um die Kurve den Hügel hoch schiebt und schnaufend vor mir hält, wenn ich ihn armwedelnd dazu auffordere.
Ich erzähle, wenn mir ein Blumenverkäufer charmant eine bunte Blume aus all seinen Sträußen schenkt, aber all die freundlichen Gesichter und Blickkontakte zwischen Tür und Angel bleiben unerwähnt, dabei wissen wir alle, wie glücklich diese Zwischenmenschlichkeiten uns machen. Zucker, Honig, Gold – was immer man bevorzugt –  für unser Selbstbewusstsein.
dsc02619Oh, und da ist diese kindliche Freude in mir, wenn der Drache, der am Fuße des Krakauer Schlosses haust, morgens Feuer für mich spuckt. Ihr mögt mich jetzt vielleicht für verrückt erklären, sollt ihr halt.
Ich muss auch einmal loswerden, dass ich keinen Kartoffelbrei mehr sehen kann, weil ich das seit November durchschnittlich 4,5 Tage die Woche esse (Ferien ausgenommen), aber ich mich dafür umso besser fühle, wenn ich auf Polnisch Pierogi* im Restaurant bestellen kann.
Wenn ich aber mal zwischen all dem Polnisch deutsche Worte höre, so bleibe ich versonnen stehen und lausche, bis die Stimmen vorbei sind. Ein bisschen Heimat steckt immer in uns, es ist schön, das zu spüren.
Und was bleibt sonst noch zu sagen?

Der Rynek vom Turm der Marienkirche
Der Rynek vom Turm der Marienkirche

Das unbeschreibliche Glücks- und Heimatgefühl auf dem Rynek, wenn ich als eine von vielen die Schönheit genieße und etwas von der Pracht in mir speichere, für später, für traurige Momente.
Und dass es noch so viel mehr Aspekte, Facetten und Momente zu erzählen gibt und alles gut bleibt, solange sie nur ein Bestandteil unser aller Leben bleiben.

*polnische Spezialität, gefüllte Teigtaschen ähnlich wie Maultaschen

Restaurants im jüdischen Viertel Kazimierz
Restaurants im jüdischen Viertel Kazimierz

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