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Was hält uns in Europa zusammen?

Früher, da sagte man mir in der Schule: „Sei nicht so neugierig. Du wirst alles genau dann lernen, wenn es an der Zeit ist.“  Ich habe meinen Lehrern nicht geglaubt.

Später, da sagte man mir: „Überleg dir genau, was du tun willst. Bleib auf der sicheren Seite.“ Ich habe gemacht, was ich wollte.

Heute, da sagt man mir immer wieder: „Geh in die Wirtschaft. Dann wirst du was.“ Ich habe mich gegen Wirtschaft entschieden.

Sicherheit ist wichtig und ich schätze die Sicherheit Europas.

Wirtschaft ist ein zentrales Thema und ich weiß um die Wichtigkeit.

Es gibt viele Menschen, die sich Dinge wie Rettungsschirme und Sparpakete überlegen, und imposante Theorien an die Wand malen. Das ist gut.

Doch Wirtschaft ist nicht alles. Eine Gesellschaft besteht nicht nur aus juristischen Personen und Wirtschaftssubjekten. Eine Gesellschaft besteht elementar an erster Stelle aus Menschen. Aus natürlichen Personen. Diese Menschen sollten Werte zusammenhalten, keine Wirtschaftsbündnisse. Die theoretische Tatsache, die Europäische Union habe sich zunehmend von einer Wirtschafts- zu einer Werteunion entwickelt sollte unter jungen Europäerinnen keine Überraschung auslösen sondern mit Praxisbezug zu belegen sein.

Die Krise ist hier, die Krise tobt und schlägt um sich, um es mit den Medien zu sagen. Es ist eine Wirtschaftskrise. Es liegt auf der Hand, dass eine Union, die vordergründig durch gemeinsame Finanzpolitik zusammen gehalten wird, zerbricht, wenn ihre wirtschaftlichen Bündnisse vor die Hunde gehen. Selbst wenn Europa ohne Europa nichts ist – soll heißen, dass ein jeder Mitgliedsstaat der Europäischen Union als Global Player ohne das europäische Bündnis scheitern gar nicht in Frage kommen würde – scheinen dies die Mitgliedstaaten nicht zu sehen und versuchen, sich im nationalen Rahmen zu etablieren. Macht wird zum vordergründigen Antrieb. Aber Macht hält keine Gemeinschaften zusammen.

Wir können die Krise nicht verhindern, aber wir können das Zerbrechen der Union verhindern. Ich habe mir auch schon oft sagen lassen, ich solle den Mund nicht allzu weit aufreißen, ich sei doch noch so jung. Aber was auf dem Spiel steht, ist zu viel. Also sage ich laut und deutlich – und das geht an alle – dass es nicht schwer ist, die Union zusammenzuhalten. Es ist sogar leicht.

Wir müssen nur etwas anderes in den Mittelpunkt stellen.

Wie wäre es denn beispielsweise damit, die Bürgerinnen und Bürger der Union ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken? Bei mehr als einer halben Milliarde, da sollte Kapazität für positiven Wandel, für Veränderung sein. Dafür muss eine Verbindung geschaffen werden zwischen der Union und ihren Bürgern. Hier und da ein Projekt, Europa in die Schulen, ins Studium, ins Leben.

Wo es ums positive menschliche Miteinander geht, geht es um Gegenseitigkeit und nicht um asymmetrische Machtverhältnisse. Oder überhaupt um Machtverhältnisse. Menschen, die in Freundschaft miteinander leben, strukturieren ihr gemeinsames Leben durch gegenseitige Werte.

Und ist es nicht genau das, was die Union erreichen soll? Weshalb man ihr sogar den Friedensnobelpreis verliehen hat? Für ihre Werte und für den Wunsch nach Gemeinsamkeit und Frieden? Genau.

Und wie ich bereits versprochen habe, ist es nicht schwer, innereuropäische Freundschaften zu schließen. Für die große Masse der aktuellen Politikmachenden, Zielgruppe 50+: ein kleiner Exkurs zum Thema Freundschaften schließen im 21. Jahrhundert:

A aus Land a besucht Land b für einen Monat, trifft B in einer Strandbar und unterhält sich bei ein, zwei landestypischen Drinks. A und B werden Freunde auf facebook. C, Freundin von A, wollte schon immer in Land b. A vermittelt einen Schlafplatz bei D, einem Freund von B. A würde nach ihrem Besuch bei D niemals auf die Idee kommen, Land b sei ein Störfaktor in der stringenten Wirtschaftlichkeit ihres eigenen Landes, sondern freut sich über die Gastfreundschaft. So einfach kann’s sein.

Was uns in Europa noch zusammen hält, sind die Menschen, die Europa ausmachen. Wir müssen uns auf diese Menschen konzentrieren. Zusammenhalt und Gemeinschaft kann es nur unter Bekannten geben. Also müssen wir zu Bekannten werden.

Um zurück zu meinen Lehrern zu kommen. Um uns aus unseren sicheren nationalen Sphären zu bewegen, brauchen wir Mut. Und Neugierde. Neugierde kommt nicht von irgendwoher. Aber Neugierde kann leicht hergestellt werden. Und wen die Neugierde treibt, der wird kein Hindernis in Ländergrenzen sehen und Freunde überall finden. Der wird Sprachen lernen, Kulturen erleben, mal hier und mal dort leben. Der wird Europa in ganzer Vielfalt erleben und bereichern.

Ich habe mich dafür entschieden, gegen den Strom zu schwimmen, um Europa kennen zu lernen und habe Europa lieben gelernt.

Eine Stadt, ein Fleck, ein Land sind mir nicht mehr genug. Ich schätze Europa, den bunten Kontinent.

Dass meine Patentante aus Frankreich kommt, dass ihr Mann in Brüssel arbeitet, dass mein Liebster Ire ist und dass all meine Freundinnen und Freunde überall in Europa leben.

All das sind Dinge, die Europa zusammenhalten. Noch und hoffentlich auf immer.  

Mai 2013

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