Krakau (das 1. Mal - 2011), Uncategorized

Europa und ich

Ich habe seit Anbeginn meines Lebens mit Europa gelebt. Für mich unterschieden sich einzelne Länder nur durch ihre jeweilige Sprache. Ich erinnere mich noch an die Einführung des Euros, vor allem deshalb, weil einer unserer Nachbarn Silvester einen Hundert-Mark-Schein an eine Rakete band und in die Luft feuerte, was ich ziemlich unvorstellbar fand, gemessen an all dem Eis, das da einfach verballert wurde. Mein Opa sammelte Geld und ich muss sagen, viel hübscher als den Euro fand ich die meisten anderen Scheine nicht. Ich blieb meinen Briefmarken treu und freue mich heutzutage darüber, wenn ich kein Geld wechseln muss, um rasch auf der Durchreise etwas am Bahnhofskiosk zu kaufen. 

Meine Mama sammelt die Raupe Nimmersatt von Eric Carlé, das unterscheidet sich im Übersetzungsdetail, womit wir wieder ganz am Anfang wären: Europa, das war für mich immer ein Haufen Länder mit gleichen Menschen und verschiedenen Sprachen.

Der erste Grenzübertritt, den ich erlebte, war in die Schweiz, weil ich als Kind da unten wohnte. Ich muss sagen, ich mochte das, denn es war immer ein bisschen aufregend, auch wenn die Zollbeamten meinen Pass noch weniger sorgfältig prüften als heutzutage das Flughafenpersonal in Irland.

Aber was bringt ein Kind dazu, den europäischen Einheitsgedanken mitzunehmen? Vielleicht war es mir nie wichtig, deutsch zu sein, weil man mich ohnehin nie für eine Deutsche hielt, das mag mit den Slawischen Wangenknochen meiner Ur-Vorfahren zu tun haben. In dem Dorf meiner Grundschule im schwärzten, tiefsten Niedersachsen waren meine Familie und ich ohnehin daher die Fremden, weil wir zugezogen und damit anders waren.

Dazu kam meine Patentante. Meine Patentante ist eine wunderbar kreative, lebensfrohe Südfranzösin, die ihren deutschen Mann vor Ewigkeiten in seinem Auslandssemester kennen gelernt hat. Heutzutage leben sie in Brüssel, er arbeitet für die EU Kommission, und sie haben zwei entzückende zweisprachig aufgewachsene Söhne.

Patriotismus und Nationalismus war in meiner Familie vehement bekämpft, herrührend von dem politischen Widerstand meiner Urgroßeltern im Dritten Reich; meine Eltern standen immer für  solidarische Werte und Gemeinschaft ein.

Europa kam also praktischerweise schon immer zu mir, ohne dass ich mir große Mühe hätte machen müssen.

Meine erste europäische Begegnung hatte ich mit 15 dank einer internationalen Planspielkonferenz. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen aus ganz Europa. Sie wohnten bei uns, sie lebten mit uns und sie waren gleichzeitig verwirrt und fasziniert von der deutschen Kleinstadtordnung und unserem Ampelsystem.

Kurz danach fuhr ich zu einem Taizé-Treffen in Polen. Zigtausend junge Erwachsene, die gemeinsam redeten, aßen, lachten und sangen. Es gab verschiedene Gruppen von Menschen, die zueinander fanden, aber diese Gruppen waren definiert durch Interessen und Charakter, nicht durch Nationalitäten oder Sprachen.

Im Sommer darauf besuchte ich einen Franzosen von diesem Treffen in der Bretagne – Kost und Logis unter Freunden ist natürlich frei.

Mein Abi nahte und ich wusste, dass ich nicht gleich studieren wollte. Ich entschied mich für den Europäischen Freiwilligendienst. Von Deutschland hatte ich vorerst genug, ich wollte raus aus meiner kleinen, engen Stadt, aber die Welt, dachte ich, kann ich mir später noch anschauen. Erst wollte ich kennen lernen, was so nah lag.

Ich lebte und arbeitete in Polen, lernte die Sprache und schaffte Vorurteile durch meine einfache Präsenz aus dem Weg.

Ich reiste herum, mit dem Bus von Land zu Land, das Nachtlager bei Freunden oder bei Fremden, die Freunde wurden.

Im Ausland wird man immer wieder auf seine Nationalität reduziert. Ich kam mir niemals so Deutsch vor, wie in Polen. Im Grunde unterscheidet mich nichts von meinen polnischen Freundinnen. Aber wenn ich ihnen sage, dass ich auch zielstrebiger und strukturierter als ein Großteil meiner deutschen Freundinnen sind, dann lachen sie und glauben mir nicht. An sich ist es mir auch egal. Es ist nicht so, dass ich verleumde, Deutsche zu sein – ich habe vor allem die Sprache sehr gern – aber es ist nicht wichtig für mich um die Frage nach meinem Sein und meinen Wünschen zu beantworten.

Ich fühle mich dort daheim, wo ich offen aufgenommen werde; ich verstehe mich gut mit Menschen, mit denen ich reden und diskutieren kann; ich lerne gerne andere Sprachen und freue mich, wenn jemand meine Sprache lernt; ich bin unglaublich dankbar über offene Grenzen.

Ich lebe in Europa und kann es mir etwas anderes nicht vorstellen. Ich bin an sich ein toleranter Mensch, aber was ich nicht verstehe, ist wie irgendjemand etwas gegen dieses freiheitliche System haben kann, das so unglaublich viele Vorteile birgt. 

Mai 2013

 

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