Junge Power

Von der Notwendigkeit des Träumens

Wenn es um Europa geht, war ich immer eine Idealistin, Träumerin, Utopistin. Ich habe es nur nicht gewusst, jedenfalls nicht in dem Gewicht, dem ich ihm vielleicht hätte zumessen sollen. Ein Kind oder eine Jugendliche zu sein, war schön, denn meine Träume wurden unterstützt. „Denke groß!“ „Beflügle deine Fantasie!“

Ich hatte großes Glück, denn meine Eltern standen immer hinter mir, sogar wenn meine Gedanken noch so abwegig erschienen. So zog ich als junge Erwachsene also aus: selbstbewusst, gestärkt, voller Tatendrang. Richtung Europa.

Das Ausland kennen zu lernen, stand für mich außer Frage, denn es wäre eine Schande gewesen, die Chancen, die sich mir präsentierten, nicht wahrzunehmen.

Die Möglichkeiten, die vor mir lagen, waren alle verknüpft mit Europa, mit Neuem, Aufregendem. Mit etwas, das ich teils kannte und unbedingt noch viel weiter kennen lernen wollte.

Ich sah in Europa eine Zukunft für die Träume meines Lebens: Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, Nachhaltigkeit, Frieden. Große Begriffe, die mir stets wichtig und nie unerreichbar vorgekommen waren . Europa, das war Zukunft für mich.

Ich hatte also Europa eingebettet in die Gemeinschaft der Europäischen Union als das Idealkonzept meiner Zukunft entdeckt und je tiefer ich in neue Kulturen eintauchte, desto mehr lernte ich es lieben.

Nun bin ich kein naiver Mensch und gehe nicht mit Scheuklappen durch die Welt. Ich las Zeitung, ich sah fern und vor allem hörte ich andere Menschen reden. Ich sah auch einiges mit meinen eigenen Augen. Ich wusste über die Ungerechtigkeiten sei es innerhalb der Union oder an ihren Grenzen und vor allem wusste ich über die Krise. Zunächst machte mir das keine Sorgen. „Fantastisch“, dachte ich. „Jetzt ist die Zeit gekommen, in der wir beweisen können, dass es hier bei Weitem nicht nur um finanzielle Machenschaften und administrative Kompromisse geht.“

Das war zeitgleich mit meinem Studienbeginn. Ich merkte, dass mein Europa sich in eine falsche Richtung bewegte, also beschloss ich, mitzumischen. Knowhow und Dabeisein, das war alles, was ich meiner Meinung nach brauchte, um mein Wunscheuropa zu vertreten; ein Europa der Menschen und Werte. Natürlich möchte ich die Wirtschaft nicht ausklammern, aber sie sollte nicht im Vordergrund stehen.

Ich war also dabei, oder versuchte es zumindest, und häufte Wissen an. Und merkte plötzlich, dass meine Ideen und Vorstellungen lange nicht so selbstverständlich waren, wie ich lange angenommen hatte.

Ein Untergangsszenario nach dem Anderen geisterte durch die Medien; die Griechen, Spanier und Italiener wurden zu Feindbildern erkoren; eine Gruppe von selbsternannten Patrioten hielt eine „Alternative für Deutschland“ für die einzige Lösung. All das machte mich traurig.

Sprachlos machte mich Anderes. Die Stimme verschlug es mir auf einem Forum zur Zukunft Europas, voller Leute, die voll hinter dem System Europa stehen und politisch einem mittig-linken Spektrum zugeordnet werden können. Plötzlich war dort vom „Nutzen und Wert“ von Staaten die Rede, sie wurden miteinander verglichen und gegeneinander aufgewertet. Es ging viel um Geldpakete und Rettungsschirme, gelegentlich sogar um Menschen. Aber für die Zukunft sah man eher rot.

„Ein vereintes Europa? Seien Sie ehrlich, solange die Franzosen dabei sind, versauen die’s uns eh. Und habe ich das richtig gehört, Sie wollen die Hegemoniestellung Deutschlands in Europa riskieren, das kann unmöglich ihr Ernst sein.“

Mir wurde der Hals eng.

Ich kann kein optimales Modell zur Rettung Europas präsentieren. Das möchte ich auch gar nicht, denn ein starrer Rahmen mit erklärtem, unflexiblen Ziel kann nicht die Lösung sein.

Aber ich möchte ein Europa, in dem Menschen unter gleichen Voraussetzungen gerne nebeneinander miteinander leben. Ich habe genug junge Menschen aus ganz Europa getroffen, um zu wissen, dass meine Wünsche nicht bloße Luftschlösser sind. Das Problem, das die Europäische Gemeinschaft gerade gegeneinander aufbringt und das System zum Erstarren bringt, liegt nicht in naiven, zu hoch angesetzten Träumen. Das Problem ist der Umgang mit den Träumen.

Ich nenne mich inzwischen ein bisschen erwachsen und ich habe von der Welt außerhalb sozialer Netzwerke und meiner Peergroup schon einiges mitbekommen.

Die Welt ist ungerecht, intransparent und schlicht und ergreifend desillusionisierend.

In einer meiner Vorlesungen kamen wir auf die Ziele der Aufklärung – die Entzauberung der Welt durch Verstandesgebrauch – zu sprechen.

Ich wurde ziemlich schnell und ziemlich brutal entzaubert. Ich habe es nur nicht sofort gemerkt. Meine Entzauberung führte zu Pessimismus und Misstrauen.

Ich zuckte buchstäblich zusammen, als ich plötzlich merkte, dass ich mich in die Richtung derjenigen bewegte, die ihre revolutionären Träume vor Jahren begraben hatten, weil ihnen die Energie fehlte, gegen den Strom zu denken und zu schwimmen.

Als Kind hat man schnell und einfach Träume. Irgendwann verlieren wir die Fähigkeit zu träumen und denken nur mehr an das, was nahe liegt. Das ist gemütlich und ungefährlich. Wir müssen unsere Gedanken nicht verdrehen, laufen nicht Gefahr für mutmaßliche Hirngespinste ausgelacht zu werden und können nicht enttäuscht werden. Um die großen Dinge kümmern sich die Anderen, über die wir allenfalls meckern. Verantwortung für alles Versagen liegt bei ihnen, ein Grund mehr, noch lauter zu motzen.

Und irgendwann steht am Ende ein dröges System ohne Rückgrat, dem die Leidenschaft und die Brisanz von verwirklichten Träumen fehlt.

Ich bin wieder dran an meinen und habe sie noch ausgebaut.

Ich gebe alles für ein Europa, in dem wir alle in Gerechtigkeit und Frieden unter dem Schutzmantel der Demokratie und der Menschenrechte leben können und ich möchte eine Gesellschaft, in der Träume nicht als weltfremde Zeitverschwendung, sondern als mutige Innovation angesehen und gefördert werden.

Und dann, ganz am Ende wünsche ich mir, dass ich in einem Schaukelstuhl auf einer Veranda in der Abendsonne sitze und lächle und erzähle: „Als ich so alt war wie ihr, da wurde mir gesagt, ich sei eine Träumerin, Idealistin, Utopistin. Schaut euch um, meine Lieben, schaut all das, diese Freiheiten, an, alles, das ihr nicht greifen könnt, aber das so selbstverständlich euer Leben ausmacht. Für euch ist es die Realität. Für mich ist es ein Traum, der wahrgeworden ist, weil ich ihn mir nicht habe nehmen lassen.“

Juni 2013

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