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Japan, Land der Gegensätze

Japan ist ein faszinierendes Land. Ich habe den Flughafen verlassen – Flughäfen sind neutrales Gebiet – und wurde erschlagen von der Andersartigkeit. Die Luft roch anders und fühlte sich anders an. Klebrig, süß, stickig, bis meine Lungen sich nach einigen Minuten daran gewöhnt hatten und begonnen, tiefer zu atmen als normalerweise. Doch hier soll es nicht um die Gegensätze zwischen Japan und Deutschland, oder Japan und Europa gehen. Japan birgt genug Kontraste in sich selbst, um ganze Seiten zu füllen. Ohne mit der Kultur auch nur in Berührung gekommen zu sein, ohne mit einer der freundlich lächelnden Japanerinnen oder der müde eingenickten Japanern in der Metro zu  sprechen, springen diese Gegensätze ins Auge. Dabei sind sie jedoch so präsent, dass sie trotz der Andersartigkeit harmonisch zu sein scheinen und gemeinsam ein beeindruckendes Bild ergeben.

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Zu allererst fällt das auf bei der Architektur. Häuser stehen schließlich überall. Osaka beispielsweise kann mit einer Menge moderner gläserner Wolkenkratzer prahlen. Hektische Menschen in schicken Klamotten wuseln wie Ameisen zwischen ihnen herum und sind zu beschäftigt, um ihre Imposanz zu würdigen. Einige Meter weiter liegt ein Park am Ufer eines Sees. Über dem See thront das Schloss, umgeben von traditionellen japanischen Hütten, Tempeln und anderen Häusern, in denen zwar keiner mehr lebt, aber die doch zu spiritueller Zusammenkunft genutzt werden. Der ganze Ort strahlt eine Ruhe und Harmonie aus, die einen verstehen lässt, warum es ausgebrannte Menschen seit Jahren zu schweigenden Meditationsritualen nach Asien zieht.

Ein weitaus kleinerer, aber dennoch ebenso auffallender Unterschied liegt in den Toiletten. Ich habe niemals in meinem Leben, wirklich niemals, dermaßen saubere öffentliche Toiletten gesehen wie in Japan. Und nicht nur sauber – nein, auch noch vorgewärmt, mit Po-Befeuchtungsstrahl und Soundeffekten. Diese Toiletten würde ich niemals als „Klo“ bezeichnen – denn man fühlt sich beim Pinkeln wie eine Königin. Es sei denn, man hat das Pech, an die anderen Toiletten zu geraten. Diese anderen Toiletten sind weder Toiletten noch Klos. Sie zeichnen sich durch ein steinernes Loch, das man aus dem Boden ausgehoben hat und mit einer Spülung verziert hat, aus. Das ist das Letzte, was ich von einem Land, in dem die anderen Toiletten an die Größe europäischer Duschen reichen, erwartet hätte. Aber wie dem auch sei, wäre ich Bahnhofbauerin, ich würde auch nicht in Hightech investieren.

Der dritte Kontrast, der mir ziemlich schnell auffiel, war die Mode. Ich bin nicht im Stande zu sagen, wie sich die Mode im Osten von dem Stil im Westen unterscheidet. Die jungen Frauen, die ich gesehen habe, sahen alle gepflegt, schick und sehr süß aus. Nun gibt es in Japan Schuluniformen. Das bedeutet: knielange Faltenröcke, strenge Bluse, Pulli, Kniestrümpfe in flachen Schuhen. Richtige Schuluniformen eben. Tags laufen also die jungen Mädels alle streng herum – jedenfalls diejenigen, die mir begegnet sind. Und dann zwischen 6 und 7 passiert etwas, das schwer zu beschreiben ist. Die Schuluniformen lösen sich aus dem Stadtbild und die einzigen Faltenröcke, die noch zu sehen sind, gehen nur knapp über den Hintern. Die Bäckchen strahlen pink, die Lippen schimmern, die Haare sind gelockt, knallbunt (das sind sie zugegebenermaßen immer, aber wochentags geht es etwas unter) und die jungen Damen übertreffen sich gegenseitig mit der Höhe ihrer Absätze. Von der braven Strenge bleibt nichts, verführerisch-niedlich ist angesagt. Nun ist es mehr so, dass dieser Bruch zwischen Schülerinnen und Studentinnen passiert und die einen mehr tags und die anderen mehr nachts leben, doch dennoch – eine solche Transformation ist mir noch nie begegnet, auch nicht in Schuluniformländern. Aber interessant ist es.

Japan ist für mich das Land der Kontraste, der Gegensätze. Ganz eindeutig. Und das, wo ich gerade einen Bruchteil, ein kleines Fragment in einem großen beindruckenden Mosaik zu Gesicht bekommen habe.

Oktober 2013

Goldener Tempel bei Kyoto
Goldener Tempel bei Kyoto

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