Reisen in Europa

Harte Konkurrenz: von Krakau nach Warschau

Als ich das erste Mal in Polen lebte, kannte ich Krakau, meine neue Heimat, noch nicht gut genug, um sie wirklich wertzuschätzen, doch dafür hatte ich schon genug gehört um eine andere Stadt, Warschau, nicht leiden zu können. Krakau, das hatte man mir erklärt, sei the only place to be in Polen, Breslau sei auch hinzunehmen, aber Warschau, das sei ein grauenvoller Ort und ich täte gut daran, nicht zu viel Zeit dort zu verschwenden. Ich war folgsam und gehorchte.

Nun ergab es sich zu meinem Bedauern so, dass ich eine Praktikumsstelle in Warschau antrat. Mein Bedauern schlug relativ schnell in Neugierde um und ich beschloss, alles zu vergessen, was man mir über die Schrecklichkeit Warschaus eingeprägt hatte und der Stadt unvoreingenommen gegenüber zu treten.

Warschau, das muss ich von vornherein sagen, hat es nicht leicht. Das mühselig wiederaufgebaute Altstadtzentrum steht in Konkurrenz mit dem strahlenden, jahrhundertealten Prunk der Krakauer Altstadt und der Anblick des architektonischen Monsters in einem Mix aus Realsozialismus und griechischer Antike, nur statt leicht umhüllter Sportler mit  Bauarbeitern in Latzhose verziert, lässt Touristenherze nicht unbedingt vor Wonne schneller schlagen.

Doch meiner Ansicht nach ist Warschau eine der am meisten unterschätzen Städte. Warschau ist keine Stadt, die zu Liebe auf den ersten Blick verlockt. Warschau ist eine etwas kantige, eigenwillige und trotzige Schönheit, die erobert werden muss, um sie in ihrer ganzen Vielfalt genießen zu können.

In Warschau trifft sich Polen mit der Welt, über internationale Trinkgelage und Speichelaustausch hinaus. In Warschau leben diejenigen, die auf der Suche nach Prunk, nach Erfolg, nach Großstadtfeeling sind. Hier hat die Bäckerin keine Zeit, einen schönen Tag zu wünschen und der alte Mann am Kiosk erinnert nicht eines der vielen Gesichter, die tagtäglich um eine Zeitung und eine Flasche Wasser bitten. Hier rauschen Menschen aneinander vorbei und sind zu beschäftigt, ihr Ziel im Blick zu behalten, um sich zu entschuldigen oder gar umzusehen, wenn sie ihre Taschen in die Laufenden links und rechts rammen.

In Warschau trägt man sportlich-schick, den Schal nur grad so um den Hals geworfen, eine Hand durchs Haar, die Nase hoch, Puder drauf, ein bisschen Glitzer, etwas Glamour.

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weihnachtlich hergerichtet

Und all dies spielt sich vor der Kulisse fantastischer Fassaden ab, die echter wirken, als sie sind. Vielleicht fehlt die Atmosphäre mittelalterlicher Märkte in den kleinen Gassen, doch die Macht der vereinigten Kraft, die hier an den Tag gelegt wurde, um nicht hinzunehmen, dass all die Pracht zu Asche wurde, die spricht aus jedem Stein.

In Warschau wird die Vergangenheit in Museen und Denkmälern sicher verwahrt und interaktiv-spielerisch zur Schau gestellt, unter freiem Himmel wird einfach gelebt. Da wird geredet, gelacht, getanzt. Entscheidungen getroffen, diskutiert, geschäftig von einem Ort zum anderen gelaufen, mit dem Pappbecher in der Hand, Kaffee Latte.

Und irgendwann ist man an dem Punkt, an dem man kennt, was man sieht, an dem man anfängt tiefer zu graben, teilzuhaben an der Vielfalt. Kleine Restaurants, urige Kinosäle, Kellerclubs, in denen der DJ spielt was ihm gefällt und nicht, was die Welt gerade hört. Man verliert sich in den Bücherläden, die irgendwann in ein Café münden, in schmalen Gassen und in einem der unzähligen Parks, die überall darauf warten, zu ein bisschen frischer Luft und einem gedankenverlorenen Spaziergang einzuladen.

Warschau ist wahrlich die einzige Stadt, die mich bisher überrascht und sich als das komplette Gegenteil meiner Erwartungen präsentiert hat. Ich liebe Überraschungen.

November 2013

Kulturpalast und moderne Wolkenkratzer
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