Japan (2014)

Japanische Begeisterung

Nachdem ich mir vor meiner Ankunft in Japan einiges über Land und Leute angelesen hatte, war in mir der Eindruck geweckt, Japanerinnen und Japaner seien durchaus nette Menschen, jedoch etwas oberflächig.  Mein Eindruck war nicht unbedingt falsch, jedoch auf jeden Fall unvollständig.

Hier in Japan wird nicht über Gefühle geredet, gar nicht, und wenn überhaupt, dann über positive Gefühle. Das ist für mich, die ich gerade aus einem Land komme, in der als Antwort auf die Frage „wie geht’s?“ Seelenleben und Befindlichkeiten der letzten 5 Jahre ausgepackt werden, eine Umstellung.

Die richtige Antwort auf „wie geht’s“ ist hier „fantastisch, danke“ – Lächeln (wobei die Frage auch nicht „wie geht’s?“ sondern vielmehr „geht’s gut?“ lautet).

Das scheint nicht allzu aufrichtig zu sein, doch es hat weniger mit Oberflächigkeit zu tun, als damit, dass man andere Menschen nicht mit den individuellen Problemen belästigen möchte. Die Sorge, jemanden zu stören oder auch nur den geringfügigsten Schaden zuzuführen, beschäftigt Japaner und Japanerinnen rund um die Uhr, „sumimasen“ steht ihnen immerzu ins Gesicht geschrieben. Sumimasen, Ich bin Ihnen auf den Fuß getreten;Sumimasen, ich würde gerne vorbei; Sumimasen, ich habe eine Frage; Sumimasen, ich bitte Sie meine Einkäufe zu scannen; Sumimasen, danke, dass Sie die Anstrengung auf sich genommen haben, mir die Tür aufzuhalten. Ein lächelndes Sumimasen ist so viel wert wie ein ehrliches Danke in Deutschland.

In Japan werden vielleicht Gefühle verborgen, aber dafür bekommt man ununterbrochen ein aufrichtiges Lächeln geschenkt. Die Freude darüber, dass ich arigatou gozaimasu und nicht danke sage. Dass ich meinen Chai Tee bei Starbucks auf Japanisch bestellen kann – Sojamilch inklusive. Dass ich das zweite Mal im gleichen Restaurant esse. Dass ich lächle. Dass ich bin.

Es ist schön, immer wieder angelächelt zu werden. Das hebt die Laune und muntert mich nachhaltig auf. Und dieses Lächeln, das ist nicht nur ein schnelles Zucken in den Mundwinkeln. Das geht von einem Ohr zum anderen, legt die Augen in Falten und wird häufig von Begeisterungsrufen und tiefen Verbeugungen begleitet.

Direkt nach der ersten Freude über Kleinigkeiten folgt dann die Begeisterung über – eigentlich über alles andere. Und diese Begeisterung ist keine Floskel, diese Begeisterung gründet sich in echtem Interesse, tiefer Neugierde und einer großen Freude am Leben.

Zunächst sehe ich anders aus. Ich bin keine Japanerin, sondern Deutsche. Mein Haar, das in Deutschland dunkel ist, ist hier hell. Es ist gewellt. Meine Augen sind groß und blaugrau, irgendwie hell halt. Alles ist anders und das finden Japanerinnen wunderschön. Das wird mir gesagt, ehe ich mich vorgestellt habe. So eine hübsche junge Frau – wo ich denn herkäme?

„Ich komme aus Deutschland.“ „Wow – Deutsche? Fantastisch!“ Das geht runter wie Butter. Ich bilde mir zwar auf meine Nationalität nicht viel ein, aber ich habe es noch nie in meinem Leben erlebt, dass eine ganze Nation mein Land super findet.

Dann geht’s weiter. Es gibt ein paar Sätze, die ich aus Höflichkeit auswendig gelernt habe und ein paar, damit ich mich in einem Land, in dem kaum Englisch gesprochen wird, vorstellen kann. Ich sag also wie sehr es mich freut XY kennen zu lernen und dass ich Marie heiße und jetzt hier wohne. Mein Gegenüber klatscht vor Freude in die Hände, strahlt und bescheinigt mir, dass ich ein überaus talentierter junger Mensch sei und unglaublich gut japanisch spräche. Umstehende Personen nicken zustimmend.

Um mit meiner freien Zeit möglichst viel anzufangen, habe ich vor begonnen, am Kulturprogramm der International Lounge teilzunehmen. Mein erster Kontakt mit japanischer Kultur war Oshie, eine Art Stoff-Mandala. Ich kämpfte einige Stunden mit Kleber, Watte und Stoff, um irgendwann eine Prinzessin in Kimono vor eine wasserfarbene Berglandschaft kleben zu können. „Wow! So schön. Fantastisch!“ Bestätigendes Nicken von umzu. Dazu muss ich aber sagen, meine Prinzessin war wirklich gut gelungen. Ich freute mich diebisch über das Lob.

Auf jeden Fall hatte ich die Japanerinnen, die munter schwätzend selbst mit Stoff und Faden hantierten, beeindruckt. Ich war eine junge Deutsche, schön, so wortgewand und unglaublich talentiert. Das muss einem ja gefallen.

Ich wurde zum Mittagessen eingeladen. 7 japanische Damen mittleren Alters und ich an einem vollgeladenen Tisch voller Dinge, bei denen ich nicht einmal beim Anschauen – geschweige denn beim Probieren – hätte sagen können, um was es sich handelte. 7 japanische Damen luden mir den Teller voll und ich saß schweigend da, lächelte, nickte und schlürfte mithilfe meiner viel zu langen Stäbchen Nudelsuppe. Von ganz hinten am Tisch ein Begeisterungsruf und ich verstehe Marie-san und hashi. Es geht um mich und um mein Talent dabei, mit Stäbchen zu essen. Ich grinse verkrampft. 7 japanische Damen sehen mich neugierig mit aufgerissenen Augen an. Alle Aufmerksamkeit auf mich. Oh Gott.

Ich verkrampfe, mein Stäbchen fällt aus der Hand, auf den Tisch und springt dann – während meine Suppe überall hinspritzt – in das Auge meiner Nachbarin.

Sumimasen“ murmle ich errötend.

7 japanische Damen brechen in brüllendes Gelächter aus. Ich lache mit und nehme meine Stäbchen wieder in Position.

Man kann nicht alles können, aber sicherlich alles lernen.

Januar 2014

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