Japan (2014)

Schuhe

Als ich das erste Mal ein japanisches Haus betrat, stieß ich mir den Fuß. Ich war so sehr mit ausschweifenden Begrüßungsfloskeln beschäftigt, dass ich die große Stufe kurz nach der Türschwelle übersah. Es tat zum Glück nicht zu sehr weh – ich hatte Schuhe an.

Was ich kurz darauf lernte, war, dass diese Stufe genau zu diesem Zweck da ist: um alle daran zu erinnern, dass „Draußen“ an dieser Stelle aufhört und das „Drinnen“ beginnt. Der Dreck von Draußen hat Drinnen nichts zu suchen. Jenseits der Stufe stehen flauschige Slipper bereit, in die man von den Schuhen wechseln kann. Alles in schöner Ordnung. Mir gefällt dieser Brauch, gerade wenn es draußen wie aus Eimern gießt.

Doch in Japan geht das Schuheausziehen noch viel weiter.

Im Restaurant werde ich gebeten, meine Schuhe neben der Tür stehen zu lassen; vor der Umkleidekabine stehen schicke Slipper mit Absatz bereit und ein Puppentheater betrete ich auf Socken.

In der International Lounge in der ich tagein tagaus japanische Sprache und Kultur kennen lerne, rutsche ich in etwas zu kleinen, etwas zu weiten Schlappen herum, die ich allerdings vor der Toilette ausziehe, um wiederum in noch kleinere, viel zu enge Schühchen zu schlüpfen. Aber nirgendwo riecht es nach nassem Hund oder anderen undefinierbaren, modrigen Gerüchen, die von Schuhen verströmt werden und von daher nehme ich es gerne in Kauf.

Eines Tages besuchte ich meinen Freund in der Schule, in der er arbeitet. Ich hätte eigentlich damit rechnen müssen, aber ich tat es nicht – und war umso überraschter, als ich plötzlich gebeten wurde, meine Schuhe in einer der unzähligen Schuhboxen zu verstauen und in Hausschuhe – passend zur Schuluniform – zu steigen. Auf meine Überraschung reagierte man umso überraschter. Junge Menschen verbrächten immerhin so viel Zeit in der Schule wie Erwachsene auf der Arbeit. Und dass man auf der Arbeit die Schuhe ausziehe, sei doch wohl selbstverständlich. Klar, wenn man darüber nachdenkt schon.

Bei mir tat sich irgendwann eine Frage auf. Ich weiß schließlich von meinen Freundinnen – und manchmal auch ein bisschen von mir – wie viele Frauen ihre Schuhe auf das restliche Outfit abstimmen – oder das Outfit auf die Schuhe.

Die Schulmädchen hier dürfen sich ohnehin nicht kreativ im Style ausleben (ein Bekannter erzählte von strenger Maßregelung zweier Schülerinnen, da ihre Haare nicht schwarz waren), doch umso mehr Wert legt die Japanerin augenscheinlich jenseits der 20 auf ihr Schuhwerk. Die jungen Frauen stöckeln auf den abgefahrensten Schuhen durch die Straßen – und das wird dann an der Türschwelle einfach aufgegeben? So besonders wichtig ist diese Frage nicht. Aber durchaus irgendwie interessant.

Und jetzt, wo ich darüber nachdenke – die Japanerinnen legen eindeutig mehr wert auf ihre Socken als „unsereins“.

Januar 2014

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