Japan (2014)

Busabenteuer

Wenn ich aus meinem Südwest-Fenster schaue, sehe ich Berge. Ich habe mich immer gefragt, wie weit diese Berge weg sind, denn ich bin nicht gut darin, Entfernungen zu schätzen.

Es sind 30 Minuten mit dem Bus Nummer 18, der am Bahnhof beginnt und dann am Museum für gegenwärtige Kunst, meiner Wohnung und einem großen Schrein vorbei in die Berge rein bis an die Spitze eines Hügels fährt. Aber ich beginne am Anfang.

Ich war gegen Mittag mit einem Freund an der Universität verabredet. Eine halbe Stunde eher machte ich mich auf den Weg zu der von ihm empfohlenen Bushaltestelle. Ich hatte mir die Schriftzeichen für Kanazawa und Universität eingeprägt und sah sie auf dem ersten Bus, der hielt. Daneben in Englisch in Druckbuchstaben „Kanazawa University“. Um auf Nummer sicher zu gehen fragte ich eine Dame, die sich in Richtung des Busses bewegte, ob der zu meinem anvisierten Stopp unterwegs sei. Hai, hai. Also nichts wie rein da.

Der Bus war vollgestopft mit jungen Menschen, ich stöpselte meine Musik ins Ohr und entspannte. Nach 20 Minuten hätte ich eigentlich an der Uni ankommen sollen. Weit und breit von einem Campus nichts zu sehen. Dafür wurde der Schnee immer höher, Kanazawa immer kleiner und die Straßen, auf denen der Bus in die Höhe schlängelte, immer enger. Wir befanden uns mitten in den Bergen, und mich beschlich das Gefühl, im falschen Bus zu sitzen.

Ich wartete erst einmal ab.

Vorne bei „Destination“ sah ich die Kanji für Kanazawa und Universität. Dachte ich jedenfalls.

Zehn Minuten später schob sich der Bus ächzend und schnaufend eine steile Auffahrt hinauf, um hinter weißen Mauern stehen zu bleiben. Die jungen Leute strömten aus dem Bus und wurden von einem kargen Betonbau verschluckt. Ich sah mich um. So hatte die Universität auf google nicht ausgesehen.

Da stand ich nun also. Ich, die Deutsche, ausgestattet mit kläglichen Japanischkenntnissen irgendwo im kalten, verregneten Nirgendwo umgeben von großen Mauern im Schatten eines Betonbunkers (Das mit dem Schatten ist eine Lüge. Weit und breit war keine Sonne zu sehen). So hatte ich mir mein erstes Busfahren in Japan nicht vorgestellt. Ich genoss für einen kurzen Augenblick den malerischen Ausblick auf Kanazawa, umschlossen von verschneiten Hügeln, ärgerte mich, meine Kamera nicht dabei zu haben und fing dann den Busfahrer ab, ehe er sich mit seinem leeren Bus wieder in Bewegung setzen wollte.

Ich fragte ihn höflich nach meiner Bushaltestelle. Er kratzte sich am Kopf, wiederholte was ich gesagt hatte und lachte laut. Wie sich herausstellte, besteht das Wort Highschool aus ähnlichen Schriftzeichen wie Universität – oder so etwas in der Art. Auf jeden Fall war ich falsch und hatte 420Yen dafür bezahlt, dass ich herausgefunden hatte, dass die Berge näher liegen als ich dachte und Kanazawa von oben kleiner wirkt, als wenn man drin ist.

Der Busfahrer nahm sich meiner an, freute sich diebisch darüber, dass ich Deutsche bin und textete mich munter auf Japanisch zu.

Wir fuhren zum Busbahnhof. Er hüpfte munter aus seinem Bus in das einzige Haus, das vor einer bedrohlich schroffen Felswand stand und winkte mir zu ich solle ihm folgen. Ich folgte.

Mit Händen und Füßen erzählte ich meine Geschichte und entschuldigte mich für meinen Irrtum. Man entschuldigte sich bei mir, dass das Busunternehmen mich in eine so unangenehme Lage gebracht hatte, bot mir einen Stuhl und Wasser an und beratschlagte, was nun zu tun sei, während ich von ihrem Telefon meinem Kumpel, der auf der anderen Seite Kanazawas im Regen auf mich wartete, anrief.

Dann saß ich auf meinem Stuhl und blickte umher. Es hatte sich herumgesprochen, dass ich hier sei, und von allen Seiten strömten Busfahrer, Techniker und andere Leute mit lustigen Mützen herbei, die mich mehr oder weniger unauffällig musterten, sich vor mir verbeugten und kichernd hinter vorgehaltener Hand miteinander redeten. Von Zeit zu Zeit warfen sie Wortfetzen zu mir herüber. Wo ich herkomme, was ich hier tue, ob ich einen Freund habe.

Ich hatte eine prächtige halbe Stunde in der sie mich unterhielten und ich sie.

Inzwischen hatte man mir auch einen Plan bereitgestellt, wie ich zur Universität käme. Mir war die Lust auf Universität vergangen, sodass ich fragte, ob es womöglich einen Bus gebe, der an meinem Haus vorbei fahre – gab es.

Ich wurde an einen jungen Busfahrer verwiesen, der errötend über irgendetwas seine Mütze an die Brust drückte und verbeugte sich. Dann hielt er mir galant die Tür auf, verbeugte sich erneut und mied meinen Blick. Er hatte die Order bekommen, mich bei der von mir gewünschten Station hinauszulassen – und umsonst fahren zu lassen.

Wir drehten eine große Runde auf dem Parkplatz und als wir an dem Haus, das so wacker vor dem Fels stand, vorbei fuhren, hatten sich alle von drinnen an den Fenstern versammelt und hüpften, winkten und lachten.

Noch nie in meinem Leben, wurde ich aufgrund meiner eigenen Schusseligkeit so königlich behandelt.

Manchmal frage ich mich, ob die Höflichkeit der Japaner einfach immerzu bereit steht, oder ob die Narrenfreiheit dieser Art hübschen, jungen Ausländerinnen vorbehalten ist.

Januar 2014

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