Japan (2014)

Kälte

Japan ist ein Land, das technisch auf dem neusten Stand ist. Das macht sich in allerlei kleineren und größeren Dingen bemerkt. Nicht nur Türen und Toiletten sind mit Hightech ausgestattet, auch Kassen sind Supercomputer, die das gereichte Geld einziehen und das Wechselgeld ausspucken, in Einkaufsstraßen wird man mit Shoppingsoundtrack berieselt und die Ampeln zwitschern jederzeit, jederort munter vor sich hin.

Japan ist auch ein Land, das in einigen Teilen im Winter ziemlich unangenehm nass-kalt werden kann und tief einschneit.

Das ist zum Glück halb so tragisch, denn die „Japan Technology“ hat in allen Schnitten, Farben und Mustern Heat-Tech-Kleidung entwickelt, die effektiver als jede von mir bisher probierte Ski-Unterwäsche jedes Körperteil warm hält und auf die die Japaner mächtig stolz sind. Dazu gibt es Wärmepflaster, die die eigene Körperwärme speichern und wieder abgeben und natürlich das altbewährte Zwiebelsystem. Verlässt man das Haus, kann einem die Kälte nichts anhaben.

Kommt also der Schnee. Ich erinnere mich an die guten alten Zeiten, in denen die Temperaturen daheim unter 0 Grad sanken und es schneite. Schnee bedeutete in der Folge auch immer zugefrorene Straßen und das bedeutete mit etwas Glück für mich schulfrei.

Schulfrei und Japan passt in meinem Kopf nicht zusammen und in der Tat ist auch hier die Japanische Technologie uns Deutschen einen Schritt voraus. Die Mittelstreifen jeder häufig befahrenen Straße sind in Kanazawa mit dem „yusetsu sochi“, dem Schneeschmelzsystem, ausgestattet. Mit Lichtern bestückte, in den Boden eingelassene Minifontänen spritzen bei Schneefall unentwegt Wasser (mit irgendetwas Besonderem drin) auf die Straße und verhindern ein Zufrieren. Während ringsum alles mit Puderschnee bedeckt wird, bleiben die Straßen frei und sicher, der Verkehr läuft wie gewohnt und alle können in die Schule und zur Arbeit gehen. Fantastisch.

Nun hat aber der Winter bei all seiner Idylle in den hübschen japanischen Gärten und auf den sauberen Straßen einen Nachteil. Und dieser Nachteil überwiegt ganz eindeutig meine Faszination für Heat-Tech-Klamotten und das Schneeschmelzsystem.

Japans Wohnungen und Häuser sind schrecklich isoliert. Oder gar nicht.

Die Wohnung meines Freundes ist gar nicht isoliert.

Als ich im September das erste Mal hier in Kanazawa war, waren draußen 30 Grad, die Schwüle des Sommers war weitesgehend verflogen und wir genossen die Nachmittage und Abende auf Balkon und Dachterasse, den Blick auf die verblauenden Berge in der Ferne gerichtet. Alle beneideten meinen Freund für seine Wohnung. Innenstadtnah, riesengroß und dann um die Hälfte herum einen Balkon. Traumhaft.

Jetzt ist nicht nur die Schwüle weg, sondern auch die Wärme. Das Thermometer zeigt um die 0 Grad,  tags etwas mehr, nachts etwas weniger, der Wind pustet und die weißen Berge betrachten wir nur durch die Fenster, die 90 Prozent der nach Südosten gerichteten Seite der Wohnung einnehmen. Diese Fenster sind einfach verglast, nicht isoliert und ziehen wie Hechtsuppe.

Die Wohnung liegt im obersten Stockwerk, darüber ist nur Dach und ist mit 80 Prozent Außenwand ausgestattet – daher der tolle Balkon. Die Wände sind nicht gedämmt.

Zu allem Überfluss haben wir auch keine Heizung. So etwas gibt es nicht hier in Japan.

Es gibt Klimaanlagen und Ventilatoren, die man multifunktionell im Sommer zum Kühlen und im Winter zum Wärmen nutzen kann, aber sie trocknen die Luft noch mehr aus als Heizungen und sollten noch dazu nicht unbewacht laufen. Außerdem kommen sie auch nur bedingt gegen ungedämmte Wände und Winterwind an.

Das heißt also, wenn ich eingepackt in 10 Lagen wärmender Kleidung durch den Schnee nach Hause gestapft bin, komme ich in eine Wohnung, die kälter ist als das Draußen. Ich mache die Klimaanlage an, setze mich unter meinen Kotatsu, einen Tisch mit beheizbarer Tischplatte und taue langsam auf. Und wenn ich gerade alle Körperteile wieder spüre, muss ich aufs Klo.

Als ich gerade erst in Japan angekommen war, stellte ich gewohnheitsgemäß mein Make-up ins Bad. Am nächsten Morgen konnte ich mich nicht schminken, da sowohl meine Wimperntusche als auch mein Eyeliner angefroren waren. Ich setzte mich frustriert aufs Klo und betrachtete die Muster, die mein weißer Atem in der Luft bildete.

Meine Frühstückspläne wurden von der Eisschicht auf Äpfeln und Möhren durchkreuzt, ich musste erst eine Menge heißes Wasser darüber laufen lassen, ehe ich sie zu einem Salat schnippeln konnte.

Diese klägliche Ausstattung an Wärmezubringern sorgt dafür, dass von Dezember bis Februar Erkältungen und bösartige Grippen um sich greifen, mehr noch, als ich es aus Deutschland gewohnt bin. Doch die einzige Lösung dafür scheint zu sein, Gesichtsmasken zu tragen sobald man das Haus verlässt, um seine Krankheiten nicht herumzuhusten (was auf jeden Fall eine gute Sache ist, aber ein bisschen Winter-Home-Technik sollte doch drin sein, oder?)

Es ist in Japan nicht erst seit ein paar Jahren klimaveränderungsbedingt kalt und der Winter dauert auch nicht nur drei Wochen.

Von Anfang Dezember bis Ende Januar zittern die Japaner jammernd unter ihren Wohnzimmertischchen, akzeptieren, das die Hälfte der Wohnung nicht nutzbar ist und verbrauchen doppelt so viel Wasser wie sonst, da es eine halbe Ewigkeit dauert, ehe der Duschstrahl wärmer als die eigene Körpertemperatur ist.

Das hätte ich nicht erwartet.

Ich möchte nicht sagen, dass es keine Freude ist im Winter in Japan zu leben. Aber ein verzaubertes, anmutendes Winterwunderland ist es nur aus der Ferne.

Januar 2014

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