Japan (2014)

Die perfekte Frau

Ich habe in Kanazawa das Glück und die Ehre eine Japanerin zu kennen, die eine fantastische Frau ist. Sie sagt, was sie denkt, beharrt stur auf ihrer Meinung, zeigt, was sie fühlt, ist herzig und offen, sie lacht laut, reißt mit tiefer, rauer Stimme derbe Witze, zieht an, was gemütlich ist und wirft mit Lebensweisheiten um sich. Sie ist eine ganz wunderbare Person. Ich kann Stunden mit ihr verbringen; Tee trinken und über alles reden. Diese Japanerin ist die unjapanischste Frau, die mir auf allen japanischen Inseln bisher begegnet ist. 

Ich schreibe diesen Text, nachdem ich meine Ansichten nicht nur mit anderen Ausländerinnen und Ausländern, sondern auch mit ihr ausgetauscht habe. Es ist einfach, in einem Land vorbeizuschauen und vorschnell allerhand Dinge zu verurteilen. Ich hebe mir Kritik nach Möglichkeit bis zu einem Zeitpunkt auf, an dem ich das Urlaubsgefühl überwunden habe. Ich bin nach einem Monat in Japan an diesem Punkt angekommen.

Also werde ich jetzt über japanische Frauen in ihren Zwanzigern schreiben. Nicht über jede individuelle Frau, sondern über diejenigen, die mir immer und immer wieder in den Straßen Kanazawas begegnen.

Ich selbst bin jung, unabhängig und sehr auf Gleichberechtigung bedacht. Ich werde gerne wegen meines Witzes, meiner Erzählungen oder meiner Ansichten wahrgenommen. Ich habe auch nichts gegen gelegentliche Wertschätzung meines Aussehens oder Stils, doch in Japan musste ich mich daran gewöhnen, dass man mich ununterbrochen als „süß“ bezeichnet. In meinen Augen sind Hundebabys, Honig und Kinderfilme sind süß. Junge Frauen können zum Beispiel taff, witzig, intelligent, weltoffen und meinetwegen hübsch sein. Doch Frauen in Japan tun alles in ihrer Macht stehende, um so zuckersüß kindlich wie nur möglich rüberzukommen. Das Ideal dafür sind Manga-Figuren – diese knallbunt gemalten Strichfrauchen, die noch weniger Taille als Barbie haben und aus riesengroßen Augen teilnahmslos die Welt betrachten. Der japanische Anspruch nach Makellosigkeit und Perfektion scheint sich auch auf das Aussehen der Menschen auszuwirken – wieso sollte es auch anders sein?

Die jungen Frauen eifern Zeichnungen und bearbeiteten Fotografien nach und versuchen scheinbar alles, um auch im realen Leben gephotoshoppt auszusehen. Körperbehaarung wird an allen Stellen weggelasert, abgesehen vom Kopf, wo die Augenbrauen rasiert und nachtätowiert, die Wimpern um das Dreifache verlängert und die Haare gefärbt, geglättet, gewellt und zurechtgelegt werden.

Die makellose Haut wird unter drei Schichten Make-up versteckt, der Mund kirschrot aufgeplustert und auf die Wangen kommen zwei pinke Rougebällchen. Umhängt mit allerhand Klunker geht es weiter zum Outfit. Wenn ich durch Kanazawas Straßen laufe, sehe ich alle  halbe Minute eine junge Frau, bei der ich die Augen aufreißen muss vor etwas verschrecktem Staunen. Die Ketten betonen ein massives Dekolleté (das meiner Shoppingerfahrung in der Damenabteilung nach zum Großteil aus Polstern besteht), eine schicke Jacke schmiegt sich um die Wespentaille und ein kleines Höschen reicht gerade über den Hintern. Dazu Schuhe (gern Overknee, jetzt wo’s so kalt wird) mit himmelhohen Absätzen, auf denen 70% der Frauen nicht laufen kann. Damit all das nicht zu sexy wirkt, werden die Augen ununterbrochen hilflos aufgerissen und die Beine eingeknickt und eingedreht, sodass die Fußspitzen gegenseitig ihre Blasen bemitleiden können. So richtig süß eben. Es geht aber noch süßer. Mit Tellerröcken, Kniestrümpfen, Schleifchen und Teddybär. Da sieht eine Frau Anfang 30 schwuppdiwupp wieder aus wie gerade 16. Und das ist immerhin worauf jeder Mann total abfährt – angeblich.

Darum geht es jedenfalls – um den Mann. Eine Frau in Japan verbringt teils einen Großteil ihres Tages damit, sich aufzuhübschen, die Haare zu drehen und Schuhe, Kleidchen und Schmuck aufeinander abzustimmen – damit ihnen möglichst reiche Kerle lüsternd hinterherblicken und sie bei nomihadai („all you can drink“) abfüllen. Ich entschuldige mich übrigens jetzt hier an dieser Stelle bei allen japanischen Frauen. ごめんなさい. Ich für mich finde es nur so unvorstellbar, dass das große Ziel ist, süß zu sein. Ich will mir nicht ausmalen, ununterbrochen süß zurückhaltend zu sein und dann den Rest des Lebens als Hausfrau zu „arbeiten“, wo mir vorgegaukelt wird, ich sei fantastisch unabhängig, weil mein Mann so viel arbeitet, dass ich diejenige bin, die ganz alleine für Haushalt und Kinder verantwortlich ist. Chefin im Haus als Lebensziel? Nein danke.

Aber damit ist noch nicht Schluss. Eine richtig tolle Frau ist nicht nur süß, sondern auch unscheinbar, unaufdringlich und zurückhaltend. Sie trägt mit Piepsestimme ihre Anliegen vor (wenn überhaupt), nickt zustimmend und kichert ununterbrochen über alle Halbwitze vornehm hinter vorgehaltener Hand.

Die perfekte Frau ist ein naives, hübsch anzuschauendes Püppchen, das im Arm hängend eine gute Figur macht (aber, wie ich gehört habe, zu Hause spätestens im zweiten Ehejahr zum keifenden Monster wird) und auch nach den ersten 2 Kindern noch aussieht wie deren große Schwester.

Ich finde es wichtig, dass wir alle die Möglichkeit haben uns genauso anzuziehen und zu verhalten, wie wir es wollen. Ich habe hier in Japan nur allzu oft das Gefühl, dass es – wie alles andere – einfach nur auf die eine Weise geht.

Nun ja, das ist nicht wahr. Es gibt auch andere ganz schrille Gestalten. Gothics zum Beispiel. Ich fand es nie erfrischender, einem Gothic zu begegnen.

Januar 2014

Für dich vielleicht ebenfalls interessant...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.