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Worte über meine Generation

Ich lebe seit einigen Wochen in Taiwan. In Taiwan habe ich Freunde. Wir sind Freunde, weil wir uns für die gleichen Dinge interessieren und weil wir alle unser Leben zwischen Uni oder Beruf, Projekten, Freunden, Liebe und dem Fernweh balancieren. All diese Dinge verbinden uns.

Was uns auch verbindet, ist der dringende Wunsch danach, Veränderungen zu erreichen, wo Veränderungen notwendig sind. Wir setzen uns für Menschenrechte und Demokratie ein und selbst wenn unsere kulturellen Hintergründe unterschiedlicher nicht sein könnten, so verfolgen wir doch die gleichen Werte.

Uns verbindet auch, dass wir der gleichen Generation angehören. Einer Generation, der man weltweit Faulheit, Lethargie und gesellschaftspolitisches Desinteresse nachsagt und über die sich täglich jemand in irgendeinem Feuilleton auslässt.

Ich habe mich daran schon gestört, als sich mein Engagement vor allem auf die Europäische Integration konzentrierte, habe aber nie die Worte oder die Motivation gehabt, dem etwas entgegen zu halten. Und plötzlich finde ich mich mehrere tausend Kilometer von Europa entfernt vor einem besetzten Parlament wieder, inmitten junger Menschen meines Alters, die sich von ihrer Regierung übergangen, betrogen und verraten fühlen und das nicht auf sich sitzen lassen wollen. Ich kann ihre Kampfparolen nicht mitrufen, denn die chinesische Betonung ist der reinste Horror, aber ich teile ihre Meinung, ihren Ärger und ihren Kampfgeist.

Meine Generation, das habe ich für mich im Stillen schon immer gedacht und jetzt voller Wucht gespürt, ist eine Generation voller Tatendrang, voller Kampfgeist und voller Freiheitsliebe. Wir denken nicht in Ländergrenzen, die Welt steht uns offen und wir profitieren davon, pflegen Freundschaften über den Globus verteilt und sprechen mehrere Sprachen. Wir sind auch eine Generation, die nachhaltig denkt, wenn sie sich Gedanken über die Zukunft macht. Und zwar die Zukunft unserer Länder, unserer Kontinente, unserer Welt. Egoismus ist ein Schimpfwort.

Das, wofür meine Generation in Taiwan gerade auf die Straße geht, ist, was von alten Menschen in grauen Anzügen als Utopie abgestraft wird. Irgendwann im Alter haben sie die Kunst des Groß-Denkens unter Aktenordnern vergraben und verurteilen in ihrer eigenen Lethargie die kraftvolle Forderung nach Demokratie, Mitbestimmung und Menschenrechten.

Ganz zu Beginn, als ich das erste Mal bei dem Protest in Taipeh aufkreuzte, gewann ich den Eindruck, es ginge hier vor allem um nationale Interessen, um Nationalstolz, kurzum um Taiwan als eigenständiges Land. Je mehr ich mit jungen Menschen redete, desto eindeutiger merkte ich, dass es in der Tat um Unabhängigkeit geht – doch Unabhängigkeit in einem freiheitlichen Sinn. Es geht darum, in einem Land leben zu können, in dem ein demokratisches System besteht, in dem freie Meinungen geäußert werden und in dem die Bürgerinnen und Bürger dieses Landes frei ihre Zukunft gestalten können, ohne von einer vorherigen Besetzungsmacht beeinflusst oder gar kontrolliert zu werden.

Diese jungen Erwachsenen können sich mit nationalistischen Reden und Hasstiraden gegen China ihrer Elterngeneration, die laut in ein Mikrophon gebellt werden, nicht identifizieren. „Ich habe nichts gegen Chinesen, ich habe viele chinesische Freunde und sie sind ganz fantastische Menschen“, sagte mir eine Bekannte. „Ich habe nur etwas gegen die chinesische Regierung und ich habe auch etwas gegen meine eigene Regierung und gegen noch ganz viele andere Regierungen auf dieser Welt, denn sie entsprechen nicht dem, wie ich mir eine Regierung vorstelle.“

Unsere Generation verbindet auch, dass wir in stabilen Zeiten aufgewachsen sind. Zwar erinnern sich in Europa östlich von Deutschland die jungen Erwachsenen noch an eine Zeit vor der Europäischen Union, aber dennoch sind sie in Sicherheit und Freiheit aufgewachsen. Bis vor einigen Monaten hätte niemand von uns damit gerechnet, plötzlich vor den Toren unserer Festung der Rechtsstaatlichkeit, Sicherheit und Demokratie wieder einen Krieg fürchten zu müssen. Aber das ist ein anderes Thema. Wie auch immer, ähnlich geht es jedenfalls den jungen Taiwanesen. Sie gehören zwar offiziell der Republik China an, wissen für sich selbst aber ganz genau, dass sie Taiwanesen sind und in einer Demokratie leben. Unsere Generation muss sich – in diesen Ländern – nicht um die Grundlagen kümmern. Wir haben die Verantwortung, die Details auszutüfteln und das wissen wir.

Denn wenngleich die Verhältnisse aus denen wir kommen, es uns ermöglichen, gut ausgebildet ins Leben zu starten, mangelt es an der Qualität der Dinge, die wir so wertschätzen: abstrakte Dinge wie Demokratie, Gerechtigkeit und Gleichberechtigung auf der einen Seite – und auf der anderen Seite ganz eindeutige Dinge wie ein Arbeitsmarkt, der es uns und unseren Gleichaltrigen ermöglicht, uns nicht nur zu verwirklichen sondern auch irgendwann bevor wir 30 werden zu Hause auszuziehen um auf eigenen Beinen zu stehen.

Wir wissen, dass es unsere Zukunft ist, die von Menschen, die womöglich nicht mehr allzu lange leben, und auf jeden Fall kürzer als wir, ohne groß zu überlegen verspielt wird. Es ist auch unsere Zukunft, die gar nicht im Blick dieser Spieler ist, da sie egoistisch auf ihren Selbstnutzen bedacht sind. Nationale Souveränität, Machtansprüche, ökonomischer Eigennutzen.

Ich war in den letzten Tagen voller Enthusiasmus bei den Protesten in Taipeh dabei.

„Warum machst du das für uns?“, fragte eine Freundin.

„Ich sehe nicht, warum Nationalität ein Grund sein sollte, nicht für Demokratie und Gerechtigkeit einzustehen“, antwortete ich.

Unsere Geburtsstädte trennen Länder, Meere und Kontinente, aber wir haben die gleichen Vorstellungen und die gleichen Träume. Und zusammen haben wir Power.

Mir war das mit der Power nicht so klar, bis ich heute Nacht inmitten junger Menschen – die Schaulustigen waren gemeinsam mit der Sonne verschwunden – vor dem hell erleuchteten Parlament saß. Wir haben Power, denn wir sind alle zusammen. Wir wollen Veränderungen, wir wollen Wandel und vor allem wollen wir Fortschritt. Wir wollen in einer gegenseitigen Gesellschaft leben, an der jedes Individuum teilhaben kann. Wir haben Power, weil unsere Generation weltweit für die gleichen Dinge aufbegehrt, und wir nicht davor zurück schrecken unsere Forderungen groß – utopisch – zu formulieren.

Ich habe heute lange mit einem jungen Mann geredet, der mich über die Sonnenblumenrevolution ins Bild setzte. Unabhängig davon sprachen wir über vieles, über das Leben in anderen Ländern, über das Kämpfen und darüber, wie wichtig Zusammenhalt ist. Zum Schluss sagte er, wie stolz er auf unsere Generation sei.

Ich bin immer vorsichtig mit Stolz, da meiner Erfahrung nach Menschen allzu leicht stolz auf etwas sind, wofür sie keinerlei Berechtigung haben. Aber ich muss ihm zustimmen.

Unsere Generation ist etwas, auf die es sich lohnt stolz zu sein. Wir mögen vielleicht nicht alle Revolutionäre sein und selbst ich könnte auf Anhieb an jeder Hand zehn Bekannte aufzählen, auf die nichts der letzten 1000 Worten zutrifft. Aber darum geht es ja nicht. Es geht darum, dass es in unserer Generation von jungen Menschen wimmelt, die bereit sind, ihre Energie für eine gerechte, vereinte und demokratische Welt zu opfern.

Und ja, ich bin stolz, diese Generation unterstützen zu können. Egal in welchem Land.

März 2014

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