Junge Power

Antwort auf die Kritik an meiner Naivität

Ich hatte neulich die Möglichkeit in einem Kreis junger Erwachsener mit großen Zielen und Ambitionen über Gott und die Welt zu diskutieren und das Gespräch kam, da sich das in meiner Gegenwart anbietet, relativ schnell auf „Europa“. Als Studentin der Europastudien wurde plötzlich von mir erwartet, eine Lösung zu jedem Konflikt der Europäischen Union parat zu haben und jeglicher Kritik Paroli bieten zu können. Sobald ich dann aushole, und meine philosophischen Ideen eines wirklich vereinten Europas der Bürgerinnen und Bürger präsentiere, werde ich von der nächsten Generation Intellektueller und eventuell bald wichtiger Menschen belächelt. Visionen zählen in diesen Kreisen oft wenig, oder haben auf jeden Fall nicht den gleichen Wert wie Fakten. Ich werde als junge Frau mit viel Kampfgeist, den ich leider auf idealistischen Quatsch verschwende, abgeschrieben.

Mir passiert das immer wieder. Kaum oute ich mich als überzeugte Europäerin, werde ich mit jeder Baustelle der Europäischen Union konfrontiert, mit dem Anspruch, ich solle doch bitte das Zaubermittel dafür aus der Tasche zaubern und vor allem mit dem ganzen Geschwätz über die ferne Zukunft aufhören. Ich rede ungern über Dinge, von denen ich wenig Ahnung habe und vor allem versuche ich nicht, mich mit leeren Phrasen aus der Affäre zu ziehen. Dennoch sage ich, was ich denke und lasse mich dafür auch gern kritisieren, so lange die Kritik nur berechtigt und konstruktiv ist. Ich verfüge über etwas Wissen, vor allem aber habe ich eine Meinung, die ich in der Hoffnung darauf, Diskussionen anzuregen, teile.

Ich bin 21 Jahre alt und im vierten Semester eines sehr offenen Studiums – wer wäre ich, wenn ich den Anspruch hätte, Wahrheiten oder Lösungen zu präsentieren?

Ich tue, was ich besonders gut kann: aus meiner Perspektive und mit meiner jungen Energie und Leidenschaft den Ist-Zustand zu analysieren und zu schauen, was sich verändern müsste. Dafür nehme ich in Kauf, als naiv oder träumerisch in Verruf zu geraten. Das ist schade, aber wenn das die Antwort auf womöglich etwas abwegige Gedanken ist, dann muss ich damit umgehen. Ich werde aber nicht deswegen dazu übergehen, „auf den Boden der Tatsachen“ zurück zu kommen.

Ich weiß, dass Jugendarbeitslosigkeit ein großes Problem, die Sprachbarriere eine Herausforderung und der Aufmarsch rechtspopulistischer Parteien und Gruppen nicht zu unterschätzen ist. Aber nur, weil ich mich dafür entschieden habe, die EU als meinen Schwerpunkt zu legen, heißt das nicht, dass ich mich mit all diesen Bereichen auskenne. Ich habe den Anspruch, einen Überblick und Lösungsansätze zu jedem dieser Bereiche und darüber hinaus noch weiteren zu haben und zu kennen, doch anstatt so zu tun, als wisse ich über alles Bescheid, gebe ich lieber direkt zu, dass ich Lücken habe, die zu füllen ich gerne bereit bin.

Ich weiß, wie die EU rein theoretisch funktioniert und wer für was zuständig ist. Ich kenne die vertragliche Entwicklung und Grundlage und weiß, worin sich EU, Schengengebiet und Euroraum unterscheiden. Ich habe fundiertes Wissen im Bereich der Migrationspolitik, habe mir vieles zur europäischen Identität angelesen und ausgedacht und versuche, so viel wie nur möglich über die Osterweiterung zu lernen. Doch reines Wissen ist nicht alles, das zählt. Neugierde, also das Verlangen danach, das Wissen zu erweitern und an der Realität zur erproben und Leidenschaft, für das einzustehen, was richtig und wichtig erscheint, das sind die Dinge, die zählen.

Was bringt es mir, wenn ich alles Wissen der Welt anhäufe, obwohl ich doch nur in einem verstaubten Zimmer voller zerfledderter Bücher sitze? Dann kann ich womöglich Parabeln und Theorien für jedes Problem der Welt bereitstellen, aber ich werde nie erfahren, ob sie in der Realität anwendbar sind. Wer dahingegen das Wissen, das ihm oder ihr gegeben ist, nutzt, um damit, gepaart mit Erfahrung, Fantasie und Mut, Gedanken zu entwickeln und Strukturen zu denken, die es so noch nicht gegeben hat, der oder die trägt etwas zur Veränderung der Welt bei.

Um auf mich zurück zu kommen. Ja, ich weiß, ich wirke manchmal, als spielten für mich und meine Zukunftsmodelle die Herausforderungen der aktuellen Politik keine Rolle; als würde ich blind darauf vertrauen, dass in naher Zukunft die Menschheit urplötzlich bekehrt zum Frieden finden würde – bis in alle Ewigkeit. So ist es nicht. Aber ich habe mich nicht darauf spezialisiert, die Ursachen der Wirtschaftskrise erklären zu können. Mir geht es um die Gesellschaft, um Identitäten und um Wechselwirkungen zwischen Menschen verschiedener Kulturen und Gruppen. Mein Feld ist die Jugendarbeit, insbesondere die Bildungsarbeit. Ich möchte nicht nur reines Wissen vermitteln – unser Schulsystem stellt genug Infos zum Vergessen zur Verfügung. Mir geht es darum, das Denken zu verändern, die Fähigkeit zur Kritik und Selbstkritik zu vermitteln und zu zeigen, wie einfach es ist, um die Ecke zu denken und über den eigenen Gartenzaun zu blicken. Aber um  das zu erreichen, muss man manchmal etwas über die Stränge schlagen, Dinge vereinfachen oder sehr weit ausholen.

Ich bin sehr überzeugt von der Notwendigkeit des Träumens und von der Wichtigkeit verrückter Ideen. Manchmal lasse ich mich etwas gehen, denn es macht mir viel Spaß, über das Unmögliche zu sinnieren. Vielleicht kommen dabei die gegenwärtigen Konflikte gelegentlich etwas zu kurz, aber ich denke, nur wer groß genug träumt, kann auf lange Sicht tatsächlich etwas bewirken.

Ich jedenfalls bleibe mir und meinen Prinzipien treu: Ich träume groß, um meine Gedanken in Schwung zu kriegen und fange im Kleinen an, etwas zu tun.

Juli 2014

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