gegen Diskriminierung

Richtiges Mädchen oder richtige Feministin?

In der ganzen Debatte um Emanzipation und Feminismus erlebe ich häufig, dass es gar nicht so sehr um Gleichberechtigung geht, sondern vielmehr darum, dass junge Frauen beweisen wollen, dass sie ganz anders als die bisherigen Frauen sind. Ich kann „Frausein“ nicht definieren, aber ich weiß, dass es mehr als Mutter und Hausfrau beinhaltet. Immerhin bin ich eine Frau, die sich mit diesen beiden Rollen nicht identifizieren kann.

Es gibt unendlich viele Bücher, in denen vermittelt wird, wie Frauen ihre Rhetorik verbessern, ihre Körpersprache perfektionieren und auf der Karriereleiter nach oben klettern können. Es gibt Ratgeber, wie wir mit Sexismus umgehen sollen und wie wir schlagfertig kontra geben können. All diese Texte zielen meistens auf eines ab: wie werde ich eine richtig erfolgreiche Frau, zunächst im Beruf und dann auch mit dem Rest. Eine Freundin sagte neulich: „Ich finde Feminismus an sich echt gut, aber ich will einfach keine Karriere machen, also kann ich auch keine Feministin sein.“

Nun kann man natürlich argumentieren, dass sich in dieser Debatte nur zeigt, was sich gerade durch die ganze Gesellschaft zieht: Das Streben nach immer mehr, immer höher, nur das Beste ist gerade gut genug.

Was gehört dazu, eine Feministin zu sein? Gute Frage.

Ich habe in meinem Leben viele tolle, junge Frauen kennen gelernt. Sie alle hatten Ziele und Pläne in ihrem Leben, mit und ohne Partner oder Partnerin, beruflich und familiär. Diejenigen unter ihnen, die besonders für Emanzipation kämpften, hatten oft eines gemeinsam: ihre Kindheit.

Aufgewachsen im Garten oder Innenhof, viel getobt, viel gelesen und viel gesundes Essen, nie verhätschelt und immer das angezogen, was halt grade oben lag. Richtige Ökokinder.

Diese jungen Frauen unterscheiden sich dennoch in zwei Gruppen. Die einen, die es bei oberem belassen. Und die anderen, die meinen, „sie seien damals nie ein richtiges Mädchen gewesen.“

 

Ich bin als Tochter zweier Studierender sehr entspannt aufgewachsen, auch ein richtiges Ökokind, Kindheit auf dem Land. Ich hatte Puppen und Bauklötze, einen Bauernhof und mein heißgeliebtes Piratenschiff, die Soldatenfestung von Playmobil und Barbies mit viel zu vielen Klamooten. Ich habe getanzt, geritten und Kampfsport gemacht und nebenher gelesen und gemalt. Bis zur vierten Klasse war ich alle zwei Wochen in einen anderen Kerl verknallt, und zum Glück war ich auf genug Schulen, dass mir nie langweilig geworden ist. Ich war mit Jungs gleichermaßen super befreundet und habe sie gehasst und bei Kloppereien habe ich geschlagen, gebissen, gezwickt, geschrien und wenn ich verlor, geweint und gezickt. Meine Mama hat darauf geachtet, dass ich nicht zu rosa glitzerig angezogen war, aber das hole ich jetzt alles nach. Meine Berufswünsche gingen über Hexe, Piratin, Journalistin und Chemikerin schließlich zur Anwältin über, um jetzt irgendwas mit Internationaler Politik im Visier zu haben. 

                                                                                                                  

Lange Rede, kurzer Sinn: Ich denke nicht, dass es etwas ausmacht, wie viel „Mädchen“ in einem steckt, um „Feministin“ sein zu können. Was für ein Quatsch. Was zählt, ist, dass man genug Selbstvertrauen an den Tag legt, das eigene Leben allein zu meistern. Dass man genug Rückgrat besitzt, für seine Werte einzustehen und dass man die Menschen im eigenen Umfeld im Blick hat. Dass man es nicht nötig hat, seinen Erfolg am Misserfolg anderer zu messen und nicht nur lebt, sondern auch leben lässt.

Natürlich leitet sich Feminismus vom „Frausein“ ab, aber Sprache ist ebenso wandelbar wie Gesellschaft. Feminismus bedeutet nicht, dass ein Geschlecht dem anderen überlegen ist oder dass sich das eine dem anderen angleichen solle, sondern einzig und allein, dass wir in einer  selbstbestimmten, gleichberechtigten Gesellschaft leben können. 

August 2014

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