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Eine traurige Anekdote zur Homophobie

Ich habe vor einigen Monaten in einer europäischen WG gelebt. In dieser WG lebten vier junge Menschen aus vier verschiedenen Ländern in Europa. Wir verstanden uns alle prächtig, wenngleich wir sehr verschieden waren, das begann in unserem (damaligen) Beziehungsmuster. Ich war seit einigen Monaten in einer Beziehung mit einem Iren, meine Mitbewohnerin pflegte eine intensive Freundschaft zu einem jungen Mann, der alles für sie getan hätte und der eine Kerl, hochattraktiv, flirtete mal hier, mal da, um schlussendlich eine feste Beziehung einzugehen. Ja, und dann war da noch der vierte junge Mann, Ende zwanzig, der, wenn ich mich nicht verzählt habe, gleich drei Beziehungen pflegte und parallel dazu noch zwei, drei weitere Frauen pro Woche nach Hause brachte.

Ich lebte in dem Zimmer neben ihm und er machte keinen Hehl aus der meist nächtlichen Freude, die er dank der großbusigen Damen in seinem Bett erleben konnte. Um nicht weiter ins Detail gehen zu müssen ein Zitat eines Freundes, der mich besuchte: „Das Geräusch von Haut auf Haut hat mich vom Schlafen abgehalten.“ Ich denke, es ist nicht verwunderlich, dass dieser Kerl, sich wenig um die Herzen scherte, die er brach.

Wir lebten einige Wochen recht zufrieden miteinander in dieser Wohnung, bis eines Tages das Gespräch auf Homosexualität kam, ich weiß nicht einmal mehr, wieso. Jedenfalls eröffnete ich die Debatte mit der Empörung darüber, dass gleichgeschlechtliche Paare in Deutschland nach wie vor nicht die gleichen Rechte genießen, wie die altbekannte Männchen-Weibchen-Konstellation.

„Hm, ich finde das okay“, sagte Mitbewohner Nr. 1 (jetzt in Beziehung). „Ich meine, das ist ja nicht so ganz normal.“ Immerhin wirkte er nicht sehr überzeugt in seiner Aussage. „Alle haben die gleichen Rechte, wir sind alles Menschen!“, widersprach die Mitbewohnerin.

„Nein“, sagte Mitbewohner Nr. 2 fest entschlossen. „Ihr Mädels versteht das vielleicht nicht“, meinte er. „Aber ich als Mann muss bei Schwulen immerhin immer Angst haben, wer weiß, was die mit mir machen.“ Todesblick von mir. „Ich mein, Lesben sind geil“ Zungeschnalzen. „Aber Männer. Widerlich.“ Schnauben von meiner Seite. „Außerdem ist es unnormal, abartig, krank. Stellt euch vor, die machen in aller Öffentlichkeit rum und das breitet sich aus. Plötzlich sind alle schwul, wir haben eh schon zu wenig neue Babys.“  Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich ihn für einigermaßen clever gehalten und auch einigermaßen umgänglich.  „Und sowieso, ne.“ Er schüttelte sich. Voller Entrüstung warf ich ihm Homophobie vor. Er schüttelte den Kopf. „Nein, ich bin nicht homophob, aber ich kann die halt nicht ab.“ (hä?) „Und außerdem kenn ich Schwule, gegen die hab ich nichts.“ (Jaja, die alte Ausrede).

Ich wusste an sich schon, dass bei diesem jungen Mann nichts mehr zu holen war und fragte nur zur Bestätigung meiner eigenen Erschütterung: „Das heißt, du hältst gar nichts davon, wenn homosexuelle Paare Kinder hätten?“

Er riss die Augen auf. „Auf keinen Fall. Erstens braucht ein Kind einen Vater und eine Mutter. Und außerdem…“ Cut hier. Erklärung des Titels. Ich habe es Anekdote genannt, wenngleich dieser kurze Text alles andere witzig ist. Aber das abschließende Argument meines Mitbewohners war so absurd, dass es auf eine bizarre Art und Weise urkomisch wirkte. Also, folgendes Argument von einem Endzwanziger, den allein ich in sechs Wochen mit mindestens drei Dutzend verschiedener Frauen hab hören können: „Und außerdem sind Schwule unfähig, eine Beziehung zu führen. Die vögeln rum wie die Karnickel, übernehmen keine Verantwortung für andere Menschen und sind bindungsunfähig. Das hast du bei Normalen nicht.“

Ich bin dann aufgestanden und in mein Zimmer gegangen. Die Atmosphäre in dieser Wohnung war für die letzten Wochen etwas angespannt.

Es ist traurig, erleben zu müssen, wie  unreflektiert und beschränkt Menschen in ihrem Denken sein können. Wirklich traurig.

August 2014

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