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Wien

Ich muss zugeben, dass ich erst etwas skeptisch war, nach Wien zu reisen. Seit ich als Touristin von Paris bitter enttäuscht wurde, bin ich vorsichtig bei Städten, von denen nicht nur die, die dort waren, sondern auch die Filmindustrie, die Literatur und die Kunstszene schwärmen.

So viel gleich zu Beginn: meine Skepsis war völlig ungerechtfertigt. Innerhalb einiger kurzer Tage hat Wien es mit Leichtigkeit unter meine persönlichen Top 3 europäischer Hauptstädte geschafft. In unbestimmter Reihenfolge teilt sich die Stadt diesen Titel nun mit Budapest und Dublin.

Wie kommt es zu dieser Ehre?

Die Architektur

Wien ist ein wahres Prachtstück, eine reine Wonne für die Augen, vor allem jetzt im Spätsommer im goldenen Sonnenlicht. Natürlich hat die Stadt das Glück, jahrhundertelang Kaiserresidenz gewesen zu sein und ist von oben bis unten mit stuckverzierten Habsburger Bauten bestückt, die sich – in dekadentem Luxus – gegenseitig genug Platz und Raum zum Atmen und Flanieren lassen. Die Gebäude der Stadtmitte sind teils so prunkvoll, dass schon kleinere Schlösser um zu nahezu winzig erscheinen, wenn sie zweistöckig über nur einem Kilometer Parkstreifen gebaut sind. Ich kann mich an all den facettenreichen Fassaden, die stolz für sich allein oder in Reihen stehen, nicht sattsehen. Vielleicht ist es die gelungene Einfügung ins Stadtbild, vielleicht auch das lebendige Gewusel von Touristen und Anwohner*innen, dass der Prunk trotz allem zwar imposant, nicht aber zwingend übermäßig protzig wirkt.

Die reich verzierten Ornamente finden sich bis weit über Schlösser und Parlamente hinaus an den Fassaden der Häuser und um als Passant*in nicht von prachtvollem Stein erschlagen zu werden, säumen Bäume die breiten Straßen und schmücken Blumen den Mittelstreifen. Immer wieder laden kleine oder größere Parks und Wiesenflächen zum Innehalten, Ausruhen und Rosenschnuppern ein und wer zu fein oder zu rückengeschädigt für Rasenrast ist, wird mit Holzbänken an jeder Ecke bedient.

Um mit dem Lauf der Zeit mitzuhalten, ragen aus dem Stadtbild gläserne Hochhäuser hervor, die UNO hat in raffinierter Architektur an der Donau eines ihrer Headquarters gebaut und teure Hotels locken mit edlen Bars in schwindelnden Höhen, von denen man den Sonnenuntergang über den Bergen und Kirchtürmen betrachten kann.

Um der vielfältigen, fortschrittlichen und innovativen Kunstszene Wiens gerecht zu werden, wurde die ohnehin schon imposante Architektur noch mit dem bunten Schwung Hundertwassers aufgewertet und so funkeln Spiegelmosaike in verwaschen-bunte Wände eingelassen in der Sonne, die durch die Blätter der auf uneben gepflasterten Boden wachsenden Bäume, fällt. Das extravagante Haus fügt sich in die Fassaden der umliegenden Gebäude ein wie ein Paradiesvogel in einem Taubenschwarm, also eigentlich gar nicht, aber verleiht der Gegend doch einen ganz besonderen Charme.

Mein persönliches Hundertwasser-Highlight: Der Innenhof des „Kunsthaus Wien“. Unter Bäumen und Kunst Biolimo trinken, Flammkuchen essen und Durchatmen.

Das Touristenprogramm

Als Besucherin in Wien kommt man nicht daran vorbei, Sightseeing zu machen. Wie beschrieben ist schon ein einfacher Stadtspaziergang ein reines Kulturerlebnis. Geschichte und Kunst lassen sich ganz nebensächlich und beiläufig erleben. Dennoch lohnt sich ein gezielter Ausflug, sei es in eines der unzähligen Museen, Konzerte oder – und das ist Touristenprogramm ganz nach meinem Geschmack – in eines der Kaffeehäuser. Was wäre Wien ohne eine Sachertorte nach dem Schnitzel?

Für alle, die sich die Wiener Oper nicht leisten können, gibt es Ballett und Oper in milden Sommernächten für lau auf Leinwand gestrahlt unter dem herrlich ausgeleuchteten Rathaus. Kostenlose Bildung vom Feinsten.

Geschichtsinteressierte (und gesellschaftspolitisch engagierte) werden allerdings vielleicht wie ich über Zweierlei stolpern: Das kantige „S“ der S-Bahn, das unverkennbar dem „SS-S“ gleicht und den „Mohr“ aus Kolonialzeiten, der Süßwarenläden ziert. Die Österreicher scheinen die Geschichte etwas lockerer zu nehmen als wir Deutschen. Aber womöglich liegt das einfach daran, dass sie alles etwas gelassener und gemütlicher betrachten als andere. Immerhin hat ihnen ihre weltpolitisch neutrale Position damals den Wienern eines von vier UNO Headquarters eingebracht, das architektonisch vor allem drinnen vor allem dunkel erscheint, aber dennoch spannend zu besichtigen ist.

In Wien habe ich übrigens einen Bildbetrachtungsrekord aufgestellt: den auf schwarzer Wand inszenierten „Kuss“ von Gustav Klimt (im Schloss Belvedere) habe ich so lange betrachtet, wie vorher kein Kunstwerk (allerdings hätte ich mir den Audioguide sparen können).

Die Atmosphäre

Das Erste, das mir in Wien auffiel, war die Stille. Nach einer Nachtfahrt zum Flughafen und einem Flug in den frühen Morgenstunden, schlief ich schließlich in der Sonne auf einem Hügel ein, während sich unter mir am Ende eines Weinbergs das Panorama Wiens erstreckte. Ich hatte einen herrlich entspannten Mittagsschlaf in vollkommener Stille (sofern einen tirilierende Vögel nicht stören).

Nun befand sich mein Hostel auch über der Stadt, wie gesagt auf einem Hügel, zwischen dem Schloss Wilhelminenberg und dem Wienerwald, doch die Ruhe hält bis in die Stadt an. Natürlich ist das Treiben im Zentrum nicht so idyllisch ruhig und friedlich wie die Stille auf dem Berg, aber für eine Großstadt bin ich beeindruckt. Es ist nicht leer, aber doch genug Platz. Es ist nicht direkt leise, aber auch nicht ohrenbetäubend laut. Und vor allem ist es durchaus sehr touristisch (Postkarten gibt’s an jeder Ecke), aber dennoch habe ich das Gefühl, Wien kennen lernen zu können und meine eigenen Lieblingsplätze entdecken zu können. Wenn man vor dem Stephansdom oder der Oper nicht grimmig genug entlang läuft, wird man zwar von mindestens zehn „Mozarts“ angequatscht, ob man nicht eine billige Karte für eine klassische Show erwerben wolle, aber ansonsten kommt man recht unbeschadet durch das Gewimmel.

Ganz besonders toll für mich: eine nachmittägliche Pause im Volksgarten, um unter Rosenbüschen die vorbeischlendernden Menschen zu beobachten und danach ein „Jugendgetränk“ im Museumsquartier, in dem Menschen allen Alters zusammenkommen, quatschen, lachen, entspannen oder groß angelegte Outdoor-Spiele aufbauen. Wo Lesungen und Konzerte stattfinden und an jeder Ecke kleine Cafés sind. Das Interessanteste dabei: Das Museumsquartier ist die ehemalige Winterreithalle – ich könnte mir keine bessere Neuverwendung altkaiserlicher Einrichtungen vorstellen, als ein frei zugänglicher Volks-Raum für Kunst und Begegnung.

Die Menschen

Eine Stadt lebt immer von den Menschen, die sie bewohnt. Ich kenne nicht viele Österreicher*innen (jetzt schon ein paar mehr) und hatte daher nicht wirklich ein Bild von ihnen, außer, dass sie immer viel langsamer als ich reden.

In der Tat scheinen die Wiener*innen alles eine Spur langsamer zu machen. Sie laufen gemächlicher, reden in mäßigem Tempo und leben ihr Leben ganz gemütlich und voller Genuss.

Entweder schlendern sie durch ihre wunderschöne Stadt oder wenn es doch etwas schneller gehen soll, flitzen sie auf Cityrollern (diesen kleinen, silbernen Fußtrittrollern) von einem Ort zum Anderen (ich habe noch nie zuvor Bankangestellte oder Senioren auf Cityrollern gesehen). An der Kassa gibt’s einen kleinen Plausch; wenn etwas nicht ganz so ist, wie es soll stimmen sie bedauernd zu und entschuldigen sich voller Ruhe und fragt man nach dem Weg, gibt es immer noch eine kleine Geschichte dazu. Aber am besten lässt sich das Wesen der Wiener*innen wohl in einigen Geschichten einfangen.

Am ersten Abend war ich von einem Bekannten zu ein paar Drinks in kleiner Runde in eine Bar eingeladen (der Dachboden am Volkstheater, auf jeden Fall zu empfehlen). Ich kam an und kannte niemanden. Nach fünfzehn Minuten wurde mir langweilig, sodass ich rumzufragen begann, ob jemand zufällig meinen Bekannten kennen würde. Es kannte ihn niemand, doch alle, mit denen ich sprach, waren herrlich gesprächig und ich hatte eine ganz wundervolle Zeit, bis mein Bekannter in gewohnter Unpünktlichkeit auftauchte.

An einem anderen Tag trat meine Mama, die nicht die besten Augen hat (und deshalb bei der Wiener Operntour als „Gast“ eingeladen wurde, was sie ganz wunderbar freute), auf den Hund eines Punks. Der Punk war ziemlich alt, ziemlich stachelig und kein bisschen nachtragend, während meine Mama sich immer wieder entschuldigte.

Ich bin hier bisher so außerordentlich netten Menschen begegnet, dass heute, als mir eine pampige Kellnerin begegnete, eine absolute Ausnahme darstellte.

Vielleicht liegt es an der Schönheit der Stadt, die abfärbt, die entspannte Gelassenheit oder einfach an der internationalen Mischung (die womöglich noch aus Kaiserzeiten herrührt) – aber mir sind hier auch außerordentlich viele attraktive Menschen begegnet.

Als letzter Aspekt zu den Menschen Wiens eine Sache, die mir erst aufgefallen ist, als meine Mutter mich darauf hinwies. Überallorts, vor allem aber in den öffentlichen Verkehrsmitteln, wird in Wien darauf hingewiesen, dass man doch bitte „achtsam“ sein solle. Achtsamkeit ist, so unser beider Meinung, ein ganz wesentlicher Bestandteil aufmerksamen Miteinanders. Und in der Tat sind uns viele Menschen begegnet, die ganz besonders „achtsam“ waren. Mit einer für uns beeindruckenden Selbstverständlichkeit wird sich gegenseitig geholfen und unter die Arme gegriffen, stets begleitet von einem netten Spruch und einem freundlichen Lächeln.

Wenn Wien nichts zu bieten hätte als seine Einwohner*innen, wäre es schon ein ganz fabelhafter Ort zu sein, aber mit all der Zierde, Dekoration und dem Drumherum ist es eine traumhafte Stadt auf Kurz oder Lang. Ich war zum ersten Mal in Wien und ich freue mich schon darauf, zurück zu kommen.

August 2014

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