Heimat auf Zeit, Taiwan (2014/2015), Unterwegs

Tag 1: Ankunft und Rückkehr

Es ist ein Uhr nachts, also sieben Uhr abends, und ich kann nicht schlafen. Die Außentemperatur hat sich auf 33 Grad abgekühlt, im Zimmer surrt die Klimaanlage und die Luftfeuchtigkeit ist so hoch, dass jede Bewegung in einem Schweißausbruch endet.

Ich bin zurück, wieder in Taipeh, Taiwan, aber noch kann ich es nicht richtig fassen, hier zu sein kommt mir unwirklich vor.

Mein letzter Besuch liegt ziemlich genau fünf Monate zurück. Als ich das erste Mal nach Taipeh kam, hatte ich die Wochen davor in Japan gelebt und hatte das Land fluchtartig verlassen, da ich mich dort wie ein Zootier gefühlt hatte, von allen bewundert, begafft und fotografiert, immer mit Sicherheitsabstand. Ich flog vom kalten Japan ins damals angenehm warme Wintertaiwan und verliebte mich auf den ersten Blick. Vor allem war für mich, im Kontrast zu Japan, Taiwan unglaublich entspannt, offen und vor allem: westlich. Ich traf Menschen, die nicht nur Fragen stellten, sondern auch Antworten gaben; die mir die guten und schlechten Seiten ihres Landes aufzeigten; die für Gerechtigkeit und Demokratie kämpften (>>Sonnenblumenbewegung) und die Englisch mit mir sprachen. Alles, was mir in Japan gefehlt hatte, fand ich in Taiwan wieder. Ich war glücklich und wusste, dass ich in diesem Land leben und lernen wollte.

Doch zunächst rief mich die Pflicht zurück nach Deutschland, wo ich nach einem Ausnahme-Weltenbummler-Semester ganz normal zurück an die Uni ging und der Bequemlichkeit halber nach drei Jahren wieder zu Hause einzog. Vom trubeligen Taipeh ging es zurück ins beschauliche Oldenburg und das erste Mal in meinem Leben erlebte ich einen Kulturschock. Wer hätte das gedacht? Ich bin unversehrt durch die Türkei, Polen, Japan und Taiwan gekommen und dann kriege ich die Krise in der Heimat? Ich hatte nicht damit gerechnet und brauchte über einen Monat, um anzukommen. Und plötzlich, nach einigen Wochen, als ich endlich meinen Platz in Deutschland wiedergefunden hatte, ging es bereits erneut darum, die Zelte abzubrechen und die nächste große Reise vorzubereiten: fünf Monate Austauschsemester in Taiwan, dazu zwei Reisemonate in Südostasien. Doch ehe dieser Text in die falsche Richtung geht: Ich bereue nichts. Ja, ich gebe zu, dass es dieses Mal schwieriger war als sonst zu gehen und mich von verschiedenen Menschen zu verabschieden. Doch so kompliziert es ist, Menschen zurückzulassen und mit einem etwas schweren Herzen und Tränen zu gehen, umso schöner ist doch der Gedanke daran, was alles nach der Rückkehr auf einen wartet. Doch daran dachte ich nicht als ich aus meinem Flieger stieg und zum ersten Mal die schwüle, stickige Luft atmete. Ich ließ meine Blicke schweifen und dachte nur mit einem klammen Gefühl: „Was zur Hölle hast du gemacht, Marie?!“

Doch dann saß ich im Taxi in die Stadt, links von mir das Meer, rechts die grünen Berge und über mir der rot-gelbe Sonnenuntergangshimmel und ich wusste, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Ich sah mich um und mein Herz schlug schneller bei jeder Straße, jedem Gebäude, jeder Brücke, die ich erkannte, wo ich schon gewesen war. Kurz bevor ich an einem Herzkollaps starb, waren wir da: ich stand mit Koffer, Rucksack und Tasche vor dem Hostel, wo vor acht Monaten meine Beziehung zu Taiwan begann.

Die Hitze machte mir das Atmen schwer, Autos und Roller rauschten auf der Straße vorbei, man betrachtete mich neugierig, in den kleinen Restaurants um zu herrschte reger Betrieb und die großen Leuchtreklame an den Hauswänden leuchteten und blinkten. Ich sah mich so um und dachte: „wo bin ich?!“

Im Hostel hat sich nichts verändert, an den Betten hängen jetzt nur Namensschilder. Ich trug mein Gepäck die schmalen Stufen hinauf, fiel meinen Bekannten um den Hals und kletterte in eines der Hochbetten, mein Wifi verband sich automatisch. Ich ging in den 7/11-Laden gegenüber, kaufte Jasmintee und ein Reisbällchen. Die Verkäuferin war noch immer dieselbe. Ich trat wieder auf die Straße, ein älterer Herr winkte mir zu und lächelte, und ich schaute und schaute. Alles war so gleich und doch so anders. So wunderbar, bunt, lebensfroh, faszinierend und aufregend. Ich verglich Taiwan nicht mehr mit Japan, wozu es im Vergleich tatsächlich nicht so extrem over the top und unglaublich asiatisch-voll ist. Eben war ich noch in einer Stadt gewesen, in der sich Backsteinhäuser an Villen aus dem letzten Jahrhundert an moderne Einfamilienhäuser reihen und nun war ich hier. Fremde Klänge in meinen Ohren, unbekannte Gerüche in der Nase und die Augen völlig überwältigt von den sich ständig verändernden, farbenfrohen Bildern.

Später saß ich, altgewohnt, mit den Mitarbeiter*innen des Hostels und einigen Gästen in der Lounge um den kleinen Tisch, aß mein Reisbällchen und trank meinen Tee. Plötzlich kam ich mir vor wie eine Zeitreisende, zurück in die Vergangenheit. Ich fühlte mich genau wie vor einem halben Jahr und doch irgendwie ganz anders, ein seltsames Gefühl.

Überwältigt bin ich um zehn ins Bett gefallen, habe zwei Stunden Schlaf nachgeholt, der mir nach meiner 24-Stunden-Reise dringend fehlt und bin wieder aufgewacht. Seitdem liege ich wach und denke darüber nach, wie kurios all das ist. Ich bin in Taiwan, ich werde tatsächlich hier leben, in einer völlig anderen Welt, in der es für mich so vieles zu lernen und zu entdecken gibt; in der ich mich auf das, was ich bisher gelernt habe nur bedingt verlassen kann; wo sogar mit anderen Fingern gezählt wird. Ich kann es kaum erwarten, mit dem neuen Kennenlernen anzufangen. Was kann ich mich glücklich schätzen, dass ich diese Möglichkeit habe.

September 2014

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