Heimat auf Zeit, Taiwan (2014/2015), Uncategorized, Unterwegs

Tag 40: Gemütlichkeit

Ich sitze im Park und lasse mir die Herbstsonne ins Gesicht scheinen. Oktoberwetter in Taiwan, habe ich festgestellt, ist wie Aprilwetter in Deutschland: unglaublich unbeständig und ziemlich nass. Die letzten Tage war es schwer, einen Fetzen blauen Himmel zu sehen und meine Mitbewohnerin erklärte seufzend, dass ich mich jetzt daran gewöhnen müsste, bei Regen rauszugehen.

Doch seit der Taifun, der das graue Wetter gebracht hat, weiter nach Japan gezogen ist, ist das Wetter wie ausgewechselt. Gestern schon war es schön – heute ist es traumhaft. Der Himmel strahlt blau und es ist gerade warm genug, um sich in einem normalen Sommerkleid richtig gut zu fühlen, aber auf keinen Fall zu heiß. Mir rutscht die Brille nicht mehr schwitzig von der Nase und ich fühle mich rundum gut. Dennoch hat es sich merklich abgekühlt, für abends muss ich eine Jacke einpacken und daheim laufe ich nicht mehr barfuß herum. Aber ich habe keinen Grund zu klagen, es ist Mitte Oktober, bei IKEA haben sie begonnen, Weihnachtsschmuck zu verkaufen und ich kann trotzdem noch immer meine blumigen Kleidchen anziehen und durch die Sonnenbrille im Park unauffällig vorbeilaufende Menschen beobachten.

Von diesem Park, der Daan Park, der direkt vor meiner Haustür liegt, kann ich nicht genug bekommen. Er liegt im Herzen Taipehs und wurde vor vielen Jahren nach dem Vorbild des Central Parks in New York gebaut (auch hier – wie in fast jeder Hinsicht – dienen die Staaten als große Inspiration für Taiwan). Es gibt Wiesen, Pflanzen, Bäume, Palmen, Spielplätze, Turnvorrichtungen, einen Teich, eine Open-Air-Bühne, Vögel und unglaublich viele handzahme Eichhörnchen (mit etwas Glück werde ich im nächsten Leben ein Eichhörnchen im Daan Park, die scheinen ein ganz wunderbar vergnügtes Leben zu haben). Da heute ein so fabelhafter Tag ist und ich noch dazu beinahe frei habe, sitze ich nun hier auf einer Bank, in bester Gesellschaft eines Freundes, und komme meiner liebsten Beschäftigung nach: ich beobachte Menschen. In den zwei Stunden, die wir hier verbracht haben, ist keine einzige Person vorbei gekommen, die nicht in irgendeiner Weise unsere Aufmerksamkeit hat gewinnen können (dazu muss man allerdings auch sagen, dass nur sehr wenig Leute vorbei gekommen sind, die uns im Austausch nicht auch ihre Aufmerksamkeit geschenkt haben). Wenn man in Taiwan lebt, gewöhnt man sich schnell daran, gemustert zu werden und im Gegenzug zurück zu starren. Am besten ist man mit einem freundlichen Lächeln bedient und je nach Situation freut sich die andere Person über ein kleines Winken. Am meisten gucken hier allerdings nicht, wie man erwarten könnte, die kleinen Kinder (die sind zu beschäftigt, die selbstzufrieden die Faszination der Natur zu erkunden), sondern die alten Leute, von denen gerade an diesem Nachmittag unzählige im Park sind.

Uns gegenüber beispielsweise sitzt eine Gruppe alter Männer, bei denen wir nicht sicher sind, ob sie befreundet sind oder dazu gezwungen werden, ihren Nachmittag im Schatten unter dem Baum zu verbringen. Einige unterhalten sich, einige lachen, andere sitzen für sich auf ihrer Bank und hören Musik. Und gerade springen zwei auf und bekämpfen sich mit Gehstock und Regenschirm. Von Zeit zu Zeit kommt eine Ehefrau vorbei und sammelt ihren Mann ein, einige holen ihre Tupperboxen raus und essen, vielleicht ist das so eine Art alter-Ehemann-nachmittags-Treff. Im Großen und Ganzen sehen sie recht zufrieden aus. Sie leben in der Sonne vor sich hin, mal allein, mal gemeinsam und sehen nicht aus, als wenn sie sich mit irgendeinem Stress herum schlagen müssten.

Wenn ich es recht überlege, weiß ich nicht, ob ich, seit ich in Taiwan bin, eine Gruppe von Menschen gesehen, die in ihrer Gesamtheit so entspannt wirkte. Wir in Europa haben ja – spätestens seit Eat.Pray.Love – dieses Bild von dem spirituell-tiefenentspannten Asien und nach meiner Ankunft hatte ich auch das Gefühl, hier liege eine Ruhe in der Luft, die es so in Europa nicht gibt. Doch nach ein paar Tagen weiß ich, dass dem nicht unbedingt so ist.

Hier in diesem Park unter Bäumen, umgeben von Vögeln und Schmetterlingen und mit dieser Sonne, von der ich nicht genug bekommen kann, lässt es sich in der Tat gut leben – aber an sich ist das Leben laut, voll und stressig. Von morgens bis abends wird gearbeitet, gegessen wird zwischendurch – zwar ausführlich, aber dennoch zwischendurch – das Leben stoppt auch in der Nacht und am Wochenende nicht, es verlangsamt sich nur mit etwas Glück ein bisschen. Die Menschen sind immer in Bewegung, scheinen alles mit Sinn und Zweck zu tun, dabei immer darauf bedacht, Erfolge zu erzielen. Selbst die Tänzer*innen, die überall ihre Choreos studieren, sind mit gerunzelter Stirn darauf konzentriert, jeden einzelnen Schritt korrekt zu tanzen, anstatt einfach loszulassen und drauf los zu tanzen.

Eine Freundin fragte mich neulich, wie wir in Deutschland es schaffen, so wenig zu arbeiten, so viel Pause zu machen und trotzdem so erfolgreich zu sein. „Ich verbringe mein ganzes Leben damit, zu meinem Ziel zu kommen, mehr Geld zu verdienen, besser zu werden – aber es funktioniert trotzdem nicht und wenn ich auch noch Pausen machen würde, wäre das das totale Ende.“

Oh ja, die wunderbare deutsche Gemütlichkeit, wie ich sie liebe. Das Streben nach – Nichtstun, jedenfalls für einen kleinen Moment, Kunst und Kultur zu keinem Zweck als für die Seele.  Ich bin mir sicher, dass man das hochtrabend mit verschiedenen Philosophien bedeutender Philosophen erklären könnte, aber das überlasse ich – gefahrlaufend altklug daherzukommen –anderen (was Konfuzius wohl dem „Recht auf Faulheit“ hätte abgewinnen können?). Was ich aber auf jeden Fall merke, ist, dass das Leben hier in der Tat ermüdend ist. Wenn ich wollte, könnte ich rund um die Uhr daran arbeiten, mich zu optimieren. Ich könnte mehr lernen, mehr studieren, mehr Student Clubs besuchen, mehr Kultur mitnehmen, mehr Sightseeing betreiben – und immer, wenn ich Hunger bekomme irgendwo irgendetwas essen. Ich könnte meine Einkäufe nachts um zwei erledigen und morgens um fünf schon wieder frühstücken gehen. Ich könnte mich zu so viel zwingen, von dem Wunsch getrieben, alles zu machen. Zugegeben, ich habe es ein bisschen versucht in dem aufregenden Treiben mitzuhalten – und bin kläglich gescheitert. Daraufhin lag ich eine Woche krank im Bett und habe Disney-Filme geschaut. Ich werde mich wohl damit abfinden müssen, dass ich mich in eine Kultur, in der vorrangig harte Arbeit zählt, niemals richtig einfinden kann – aber glücklicherweise habe ich nicht das Gefühl, dass mir großartig etwas abhanden geht. Ich verbringe weiterhin meine Tage im Schatten unter Palmen, erfreue mich an den Schmetterlingen und den Menschen, die vorbei kommen und träume in den Tag.

Naja, und danach arbeite ich weiter, um zu erreichen, was ich erreichen will: fehlerfreie chinesisch-Texte. Wenn es bloß nicht so viele  potentielle Fehler gäbe, all diese Striche! Diese Schriftsprache hält ein Volk auf jeden Fall auf Trab.

Oktober 2014

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