Heimat auf Zeit, Taiwan (2014/2015), Uncategorized, Unterwegs

Daan Park im Regen

Es ist Herbst. Morgens bin ich aufgewacht und wusste es, denn ich hatte nicht über Nacht die Decke weggekickt und mich über mein Bett ausgestreckt, sondern hatte sie bis zur Nase hochgezogen und mich zusammengerollt. Es hat die letzten Tage viel geregnet, aber irgendwie fühlte es sich noch immer nicht an wie Herbst, wenngleich meine taiwanesischen Bekannten Stiefel und Mäntel hervorgekramt hatten und „Draußen“ mieden. 

Ich kann mich nicht beklagen, es ist Mitte November, warme Temperaturen und Sonnenschein verwirren meinen Körper. Letztes Jahr zu dieser Zeit habe ich in Zentralpolen gelebt, da hat es ununterbrochen  geregnet und vor zwei Jahren in Ostdeutschland war die Welt schon im Schnee begraben.

Nun hat der Herbst, wie ich ihn kenne, auch Taipeh erreicht. Vertrautes Grau, aber doch so anders. Der Regen riecht anders und klingt anders, die Luft ist nass auch wenn es nicht regnet und der Wind ist nicht mehr als eine kalte Brise. Vor allem aber blühen am Straßenrand noch immer Blumen und die Bäume tragen grüne Blätter. Wenn ich aus meinem Fenster schaue, sehe ich noch immer die gleichen Vögel in den Baumkronen sitzen und tirilieren, sie verkriechen sich nur, wenn der Regen zu stark auf die Erde schlägt. Heute sind die Temperaturen unter zwanzig Grad gefallen, mich fröstelt, wenn ich lüfte.

Ich bin nach dem Mittagessen in den Daan Park gegangen, es ist kein Geheimnis, dass ich diesen Park liebe. Ich habe mich auf eine Bank gesetzt, der Regen tröpfelte leicht auf meinen Hut und einige wenige Menschen eilten mit ihren Regenschirmen vorbei, ein paar lächelten mir zu. Ich lächelte zurück und aß gedankenverloren etwas Kürbisbrot.

Die Dämmerung bricht hier früh an. Wobei, wenn ich darüber nachdenke nicht früher als daheim, es fühlt sich nur anders an, denn mein Körper ist nach wie vor auf Sommer gepolt. Die Dämmerung bricht also früh an, gegen halb fünf an grauen Tagen wie heute und die zwielichte Phase zwischen Tag und Nacht hält eine Weile an. Als ich unter einem großen Baum im leeren Park saß und die Straßenlaternen mit einem kurzen Ruck aufflammten, fühlte ich mich wohl, sicher und sehr behütet, was erstaunlich ist, immerhin saß ich allein in einem schummrigen Park in einer Großstadt, nichts bei mir als mein Kürbisbrot. Über den Palmen schwebten große Vögel, deren Silhouetten sich schwarz gegen die blaugraue Wolkendecke abzeichneten und zwischen den Stämmen schwirrten kleine Fledermäuse. Es war erstaunlich still, denn die Bäume verschlucken den Verkehrslärm und im Park streunten nur einige einsame Seelen in Gedanken versunken über das Gras.

Die Atmosphäre in diesem Moment war schön, aber auf eine sonderbare Art sehr neutral, nur der Geschmack des Brotes brachte etwas Würze in den Abend. Nichts geschah. Gar nichts, nur eine alte Frau fotografierte Blätter und ignorierte mich dabei. Ich saß für mich allein auf dieser Bank, ließ meine Gedanken schweifen und betrachtete das nasse, tröpfelnde Grün.

Ich bin nach einer Weile weitergegangen. Unter den Pavillons standen alter Frauen, schwangen die Arme und dehnten ihre Körper, einige Kinder eilten mit gesenktem Kopf von der Schule nach Hause.

Es gibt in Taipeh eine Straße, Yongkang Street, auf der von mir aus anderen Seite des Daan Parks, die immer voller Leben ist, egal wie das Wetter ist. Sie ist bekannt für das gute Essen und hat mir schon viele Gaumengenüsse beschert. Rund um diese Straße und den kleinen Park, wie sie an jeder Ecke sind, finden sich kleine Gassen mit kleinen Lädchen, die Klamotten und Kunsthandwerk verkaufen. Im Licht der abendlichen Straßenbeleuchtung und mit dem diffusen Nebel des frühen Abends sah es ganz wunderbar aus und war ein fabelhafter Kontrast zu der stillen Einsamkeit im Park zuvor. Menschen saßen in den kleinen Cafés und tranken allein und in Grüppchen Tee und Kaffee.

Als ich in meiner Regenmelancholie dort entlang lief und für mich selbst nicht wusste, ob ich glücklich oder traurig war, bemerkte ich funkelnde und glitzernde Weihnachtsbeleuchtung und einen geschmückten Tannenbaum, der bis zum dritten Stock eines Wohnhauses reichte. Ich beschloss, dass ich mich in einer Stimmung zufriedener Melancholie befand, aß zu Abend und schlenderte im Regen, der langsam stärker wurde, zurück nach Hause.

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