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Tag 83: Verwirrende Wetterlage

Ich bin fast 3 Monate in Taiwan und habe lange nicht mehr geschrieben, denn ich lag mit einer Gehirnerschütterung flach. Das einzig Interessante an der Sache war, dass ich ein taiwanesisches Krankenhaus kennen gelernt habe, wo es keinerlei Privatsphäre gibt, alles hektisch und laut ist und aber dennoch wunderbar organisiert ist (bis auf den Umstand, dass man selbst bzw. Angehörige schauen müssen, wie man von einem Behandlungsraum zum nächsten kommt) und wo Deutsch-Sein sehr großes Interesse auslöst. Ich habe im Zuge der Gehirnerschütterung fast zwei Wochen vor allem mit mir selbst verbracht, aber glücklicherweise kaum gegrübelt – es grübelt sich nicht gut mit Kopfschmerzen. Aber jetzt bin ich wieder fit! 

Die zwei Wochen des Novembers, die ich verpasst habe, herrschte Herbstwetter. Es war grau, stürmisch und verregnet; nachts fielen die Temperaturen sogar unter 20 Grad und mir fröstelte, sobald ich nicht in meine Decke gewickelt im Bett lag. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das jemals sagen würde, aber ich war froh über das Wetter. Es erinnerte mich an Europa, an daheim und machte es leichter für meinen Körper, gesund zu werden. Doch die melancholischen Regentage, an denen das Leben draußen auf der Straße zum Erliegen kommt, weil alle sich nach drinnen flüchten, sind vorbei. Der Himmel ist wieder strahlend blau, die Sonne scheint, ich trage Kleider und Sandalen; nur nachts nehme ich eine Jacke mit.

Meine innere Uhr ist verwirrt: Die Weihnachtsdekoration und mein Kalender versuchen mir zu verdeutlichen, dass das Jahresende immer näher rückt, aber es fühlt sich nicht so an. Ich habe jegliches Zeitgefühl verloren. Seit zehn Monaten (als ich im Februar das erste Mal nach Taiwan gekommen bin) habe ich fantastisches, warmes Wetter und Temperaturen 20°C plus. Als ich dann im April aus den Subtropen zurück nach Deutschland kam, war Frühling und auf den Frühling folgte der wahrscheinlich umwerfendste Sommer, den die Region Oldenburg je erlebt hat. So sehr ich die Sonne genieße: mein Körper sehnt sich nach Jahreszeitenwechsel, aber ich habe die Hoffnung aufgegeben – und freue mich über jede Regenwoche. Es gibt in Taiwan zwei Jahreszeiten: heiß und nicht ganz so heiß (und in der nicht ganz so heißen Zeit wird es manchmal für ein paar Tage richtig unangenehm). Das Schöne ist, dass immer darauf Verlass ist, dass sich nach spätestens einer Woche wieder die Sonne blicken lässt. Das ist ein Land, in dem es sich im Winter leben lässt (um die schwüle Sommerhitze komme ich zum Glück herum). Ich nehme mal an, mein Körper wird sich im März an die Klimazone gewöhnt haben, wenn es wieder zurück nach Europa geht. Aber ob sich meine innere Uhr irgendwann berappelt, dafür ist keine Garantie.

November 2014

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