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Philippinen

Als ich mich dazu entschlossen habe, einen Flug auf die Philippinen zu buchen um, wenn ich schon nicht im winterlichen Deutschland im Kreis von Freunden und Familie Weihnachten feiern konnte, wenigsten Sonne zu tanken, hatte ich vorher nichts als die wunderbaren Strände vor Augen.

In den nächsten Wochen kamen mir dann allerhand Geschichten zu Ohren: Gekidnappte Touristen, verheerende Taifune, Armut, Chaos und vor allem Trickbetrüger an jeder Ecke, die sich auf Touristen spezialisiert haben. Das positive Gefühl, das ich mit den Philippinen verband, wurde überschattet und Ich flog schließlich ziemlich voreingenommen, misstrauisch und besorgt in Begleitung eines blonden (fast) zwei-Meter-Menschen zwei Stunden südlich Taiwans.

Wir hatten uns allerhand vorgenommen. Das erste, was wir nach unserer Ankunft am hektischen, in Vorweihnachtsstress versinkenden Flughafen in Manila ankamen, war, ein Taxi zu finden, in dem man uns möglichst nichts über Ohr hauen würde. Das zweite war, nach einigen Minuten am Busbahnhof Manilas unsere Pläne über den Haufen zu werfen. Wir wollten in den Norden nach Banaue, zu angeblich umwerfenden Reisterrassen reisen; aber die Reise dauerte nicht wie vorher angenommen 8 Stunden, sondern locker dreimal so lang. Wir stiegen in den nächsten Bus, der in den Norden fuhr. Eine gute Entscheidung.

Wir hatten damit gerechnet, ungefähr drei Stunden unterwegs zu sein, aber das erste, das wir lernten war, dass Strecken auf den Philippinen mehr Zeit brauchen, als wir es aus der Heimat gewohnt sind. Wir kamen mit netten Mitreisenden ins Gespräch und bestaunten das sich ständig verändernde Panorama vor den Fenstern. Häuser, die der Villa Kunterbunt ähnlich sahen, standen neben Bruchhütten mit Wellblechdächern und Holzwänden und die Landschaft war karg und vielfältig zugleich. Wir reisten viel in den nächsten Tagen und die Szenen draußen waren immer die gleichen: grüne Wiesen, wo magere Kühe weideten; Männer, die rauchend im Schatten saßen und verweilten; Melonenstände, die am Straßenrand ihre Ware auf Stroh anboten und eine Landschaft, die abwechselnd karg und voller vielfältiger Frische war.

Wir schafften es, eine Woche auf den Philippinen zu sein und außer uns quasi keinen Ausländern zu begegnen, nur manchmal sahen wir breite Männer mit rosa Gesichtern, die neben einer zarten Philippino-Frau einen Kinderwagen über staubige Straßen schoben. Wo wir hinkamen, begegnete uns Staunen, Menschen blickten zu meinem Begleiter hoch und uns hinterher. Kinder rannten auf uns zu und baten nach Geld, aber gaben sich schließlich mit einem Gespräch und einer Flasche Eistee völlig zufrieden. Die kleinen Lädchen und Marktstände boten überall die gleiche Ware an und die Verkäufer schienen auf ihre Kundschaft zu vertrauen, denn die Marktschreier saßen mit Gleichgesinnten im Schatten und beobachteten das Geschehen. Über die Straßen rauschten in Chaos und Unordnung Tricycles neben alten, bunt bemalten Vintage-Fahrzeugen aus denen Musik schallte. Dazwischen schoben sich dicke amerikanische Kutschen durch den Verkehr, aus denen barfüßige Kinder sprangen und deren Fahrer nicht selten aus dem Wagen heraus zwinkerten und wissen wollten, ob man mich denn mal ausführen könne. „Hey you, wanna have some drinks or are you married?“ “Not yet.”, gab mein Begleiter zurück und löste galant die Situation. „Okay, have fun. Merry Christmas.“ Das Fenster wurde hoch gerollt und das Auto fädelte sich wieder in den Verkehr ein.

Die Philippinen sind ein buntes Land. In dreckigen Straßen leuchten bunte Marktstandschirme in der Sonne, Straßenzüge sind mit Flaggen und Wimpeln geschmückt und Malereien und Bilder zieren Mauern und Hauswände. Die Menschen tragen bunte Kleidung und in der Weihnachtszeit leuchten dazu noch kitschige Dekorationen an jeder Ecke, was sich in der sengenden Hitze absurd anfühlt.

Die Menschen sind lebensfroh und zu Scherzen aufgelegt, aber gleichzeitig sehr entspannt; man könnte fast meinen lethargisch, wie sie mit müden Augen am Straßenrand hocken und in die Ferne starren.

Die Philippinen sind ein Land, in dem ich plötzlich nicht mehr auf das Vertrauen konnte, das ich bisher geglaubt hatte. In dem meine Werte und mein Gerechtigkeitssinn auf die Probe gestellt werden und wo ich unsicher war, was das Richtige zu tun war. Auf den Philippinen habe ich mich nicht sicher gefühlt und war misstrauischer, als das normalerweise meine Art ist und ich schämte mich ein bisschen dafür, denn niemand hat mir etwas Böses gewollt; alle waren nett, hilfsbereit und zuvorkommend. Die einzigen Male, dass man mir mehr Geld abgenommen hat, als üblich, handelte es sich um 20 Cent. Vielleicht 30.

Auf den Philippinen habe ich das erste Mal Armut gesehen. Schäbigkeit. Kinder in schmutzigen Kleidern voller Löcher, die barfuß über heißen Asphalt laufen. Wo in einem Baum am Zaun eines Golfplatzes Kleidung der Familien, die unter der Wurzel des Baumes ihren Lebensraum haben, trocknet. Wo es normal ist, dass Kinder mitarbeiten, uns bedienen und mit schweren Körben am Busbahnhof ihre Waren verkaufen. Wo überall Security ist und mich ihre Gegenwart überhaupt nicht beruhigt. Wo ich mir hilflos vorgekommen bin, weil ich das Gefühl hatte, so viel zu haben, aber damit nichts anfangen zu können.

Eine Reise auf die Philippinen, fernab von ausgetretenen Touristenpfaden auf der Suche nach dem Paradies, fühlt sich an wie eine Zeitreise, nicht nur wegen der alten Fahrzeuge auf den Straßen. Ich bin einem Lebensgefühl begegnet, das mir ungewohnt war, das wir in Europa bereits überwunden haben oder das es bei uns so vielleicht nie gab, ich weiß es nicht. Meine erste Reise in ein Entwicklungsland hat mich überrumpelt. Nach drei, vier Tagen hatte ich mich daran gewöhnt. Und gab es auch auf, Postkarten zu finden. Zu abgelegen waren die Gegenden, in die es uns verschlagen hatte.

Ich habe den kurzen Ausflug auf die Philippinen bei strahlend blauem Himmel an malerischen Stränden und in kleine Städtchen genossen, ich habe viele Fotos geschossen, die prächtig anzuschauen sind. Ich habe fantastische Menschen getroffen und köstliches Obst gegessen (während der Rest der Philippino-Küche eher zu wünschen übrig gelassen hat). Aber einen erholsamen Urlaub habe ich nicht verbracht, dafür habe ich zu sehr die Augen geöffnet bekommen. Eine Reise auf die Philippinen lohnt sich und ist hochspannend, aber wer Entspannung sucht, sollte womöglich die Gesellschaft unendlicher Touristen in Kauf nehmen – und auf vertrauten Touristenpfaden wandeln.

Dezember 2014

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