Heimat auf Zeit, Taiwan (2014/2015), Uncategorized, Unterwegs

Selbstverwirklichung im Gruppengefüge

Es ist kein Geheimnis, dass in Asien kollektivistische Kulturen vorherrschen und die Gruppe und der Gemeinschaftssinn über dem Individuum stehen.

Das gilt nicht nur für die Menschen: im Datum wird das Jahr zuerst geschrieben, das heißt für heute schreibt es sich 2015-01-06 und die Adresse beginnt mit dem Land, dann folgt die Stadt und ganz  am Ende steht der Name.

Aber natürlich geht es hier um die Menschen. 

Auch in Taiwan gibt es geschriebene und ungeschriebene Regeln, wie man sich zu verhalten hat und welche Rolle in der Gemeinschaft man einnehmen solle, doch hier ist es weniger strikt als in anderen Ländern (ich beispielsweise merke einen großen Unterschied zwischen Japan und Taiwan). Dennoch gibt es die vorherrschende Norm und wer davon abweicht, läuft Gefahr dafür verurteilt zu werden (besonders deutlich ist das nach wie vor in einigen High Schools, wo Haare schwarz und Schüler*innen Single sein müssen). Am Anfang war ich erst verunsichert und dann verärgert, dass alle Menschen, denen ich begegnet bin, mich nach einem Blick kategorisiert haben und dementsprechend meinten, genau zu wissen, wie ich ticke. Ich denke nach wie vor, dass es etwas übereilt ist, mich allein aufgrund der Tatsache, dass ich eine weiße Europäerin bin, zu klassifizieren (und zu bewundern), aber inzwischen weiß ich wenigstens, dass es nicht meine Andersartigkeit ist, wegen der ich in eine Box gepackt werde – sondern dass das einfach eine sehr taiwanische Eigenschaft ist.

In Taiwan nehmen wie gesagt alle eine Rolle in der Gemeinschaft ein. Und damit das ganze Spiel nicht zu verwirrend wird, werden die Akteure simpel gehalten. Es gibt die Nerds und es gibt die Feiermeute, aber die beiden haben wenig gemein (wenn die Nerds feiern, dann gibt es Pizza und Cola in gemütlicher Runde und wenn die Partypeople strebern, geben sie nach zwei Stunden in der Bibliothek auf und legen den Kopf in die Arme). Jedes Accessoire, die Ausdrucksweise, die Sticker auf dem Scooter – jedes kleine Detail fügt sich in ein Gesamtbild ein (und alles, was nicht in dieses Gesamtbild passt, wird ignoriert).

Für mich ist das manchmal etwas nervig, aber im Grunde kann ich mich nicht beklagen, denn zu meiner Box (hübsche, junge Austauschstudentin aus Deutschland) gehören durchweg positive Eigenschaften: weltoffen, interessant, sprachbegabt, modern, modebewusst und intelligent (das wird auch durch die Brille unterstützt). Ich studiere Politik („wow, wie Angela Merkel“), ich lerne chinesisch („so fleißig“), ich liebe Taiwan (und dann gehören mir alle Herzen). Allein durch meine Erscheinung werden mir gewisse Eigenschaften zugeschrieben, die ein bekanntes Bild wiederspiegeln.

Andere junge Menschen in meinem Alter erleben das gleiche in Taiwan: jeder Schritt wird wahrgenommen, beobachtet und analysiert. Das führt dazu, dass ich mich immer wieder mit (vor allem) jungen Frauen unterhalte, die mich mit Fragen bombardieren (weil ich schließlich unglaublich erfahren und aufgeklärt sei), die den eigenen Lebensentwurf betreffen. „Findest du, ich bin erfolglos, weil ich mit 30 noch keinen Job habe?“ „Denkst du, ich bin ein Flittchen, weil ich mit Männern schlafe, ohne mit ihnen zusammen zu sein?“ „Sollte ich Kinder kriegen, bevor ich 30 werde?“ Woher soll denn ich das wissen? Im Grunde ist es ihnen sowieso egal – sie machen, wonach ihnen der Sinn steht und leben so, wie es sie glücklich macht. Aber im Grunde ihres Herzens nagt immer ein kleines Schuldbewusstsein und hämmert das Gewissen, denn sie wissen, dass sie in eine Box gepackt werden. Aber am Ende steht die Frage, welchen tatsächlichen Einfluss die Meinung von außen auf das eigene Leben hat. Balance ist das Zauberwort. So lang man sich im Job richtig verhält. Im öffentlichen Leben. „Sobald ich draußen herum laufe, knöpfe ich meine Bluse lieber ganz zu, aber bei meinen Freunden, da kümmert das niemanden.“ (und ich hätte nicht einmal die zwei Knöpfe, die  sie offen hatte als besonders gewagt empfunden).

 Aber zugleich beobachte ich bei jungen Menschen in meinem Alter unglaubliche Kreativität, Erfindergeist und impulsive Lebensfreude. Das Streben nach Erfolg ist nicht nur deshalb hoch, weil es von der Gesellschaft erwartet wird, sondern auch deshalb, weil sich ein Mensch über den Bildungsgrad und über das definiert, was aus den eigenen innovativen Ideen entwickelt wurde. Auf der Straße tragen die Leute in meinem Alter abgefahrene Outfits und überbieten sich in Cafés gegenseitig mit Plänen für die Zukunft. Sie wissen sich jederzeit zu benehmen, sind höflich und umsichtig – aber kennen gleichzeitig auch alle Schlupfwinkel und Umwege, um sich selbst zu verwirklichen (aber zweifelslos macht vielen Taiwanesen die Selbstverwirklichung in Gruppen oder wenigstens Teams doch mehr Spaß als der Alleingang).

Ich für mich habe außerdem gemerkt, dass ich sowieso einen Freifahrtschein habe. Denn in meiner Ausländerbox bin ich nun mal, aber im Grunde kann ich machen, was ich will und Starrer kann man einfach anlächeln. Oder manchmal etwas grimmig zurückstarren. Aber das ich nicht mein ganzes Leben auf die Waagschale legen musste, ist schon recht entspannt. Und dass mein Leben immer schon bei mir beginnt und von mir mit meinen eigenen Mustern gestaltet wird – da bin ich doch sehr froh drüber.

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