Heimat auf Zeit, Taiwan (2014/2015), Uncategorized, Unterwegs

Chinesische Symbolik

„Marie, du beobachtest zu viel“, sagte heute ein Freund zu mir. „Kannst du einen Tag in deinem Leben leben, ohne ein soziales Experiment daraus zu machen?“ Er sagte das, weil ich nicht umhin kam, die Dynamik der Menschen um uns herum zu beobachten. Er hatte am Rande erwähnt, dass er Starbucks möge. Ich stimmte ihm zu. „Hier kann man so viel über Taiwanesen, ihre Interaktion und ihren Lifestyle erfahren.“ „Ich dachte mehr an den Kaffee und die Atmosphäre.“

Also schreibe ich heute einmal über etwas sehr Offensichtliches, das selbst Menschen auffallen muss, die mit Scheuklappen durch die Welt laufen. In Taiwan spielt Aberglaube eine große Rolle, wobei Aberglaube viel negativer klingt, als es an sich ist.

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Blumen spielen eine große Rolle im täglichen Leben

An den Haustüren hängen auf rotem Papier goldene Schriftzeichen, die „Glück“ oder „Wohlstand“ heißen. Bunte Troddeln hängen zur Dekoration und zum Schutz in den Zimmern, in Nischen zwischen Häusern und an Straßenecken sitzen alte Frauen, um den Vorbeigehenden einen Blick in ihre Zukunft zu gewahren. Einmal im Monat verbrennen Ladeninhaber Papiergeld vor ihrem Laden, um ihr Geschäft am Laufen zu halten. Als ich das erste Mal 88$ für einen Drink bezahlte, schluckte ich kurz, denn die 88 hat für mich eine eindeutige andere Bedeutung – doch dann fiel mir ein, dass die 8 hier eine Glückszahl ist. Genau wie jede Tat von Bedeutung ist und von der Vergangenheit beeinflusst bis in die  Zukunft (und das nächste Leben) wirkt, so bleibt auch kein Gegenstand, keine Zahl und keine Farbe ohne Symbolik. Ganz schön anstrengend, war mein erster Gedanke, als mir das Ausmaß dessen bewusst wurde. Aber, nachdem ich über das Offensichtliche gestolpert bin, begann ich wieder zu beobachten: Glücksbringer sind tatsächlich überall; an jeder Ecke leuchten rote Schilder, Bilder von Gottheiten und große Blumenblätter auf Papier. Ich verstand, warum so viele (alte) Frauen rot tragen: Die Glücksfarbe schlechthin. Ich lernte, dass die Angehörigen nach dem Tod eines Familienmitglieds lange Zeit weder Haare noch Nägel schneiden dürfen. Ich erfuhr, dass die Namensgebung in Taiwan eine hochkomplexe Angewohnheit ist: Der Name muss nicht nur gut klingen und geschrieben harmonisch aussehen; sondern er muss auch noch eine gute, positive, wegweisende Bedeutung haben.

Hier sind Blumen als Opfergabe in einem Tempel präsentiert
Hier sind Blumen als Opfergabe in einem Tempel präsentiert

Ich entschied an einem gewissen Punkt, von all diesem Deutungszwang nur das Beste mitzunehmen, denn mir alles zu merken, ist mir viel zu kompliziert (ich merke mir nur das Wichtigste: Keine Stäbchen in den Reis stecken, das bedeutet Tod und keine Uhren schenken, denn das heißt, dass bald die Zeit des Beschenkten abläuft).

Was mich angeht, so grüble ich nicht zu viel darüber, warum passiert, was passiert und was geschehen sollte, damit mir eine rosige Zukunft bevorsteht; aber ich dekoriere mein Zimmer mit kunstvoller Kalligraphie – denn das ist Kunst nach meinem Geschmack. Vor allem aber muss ich sagen, dass ich mich über meinen Namen freue.

Ich habe, um an der Uni registriert werden zu können, einen chinesischen Namen bekommen. Dieser Name leitet sich von meinem deutschen Namen ab: Ke Mei Ya (kœ mɛɪ̯ jaː). Das klingt in unseren Ohren zwar nicht wie Kirchner, Marie Jelenka, aber ich will mich nicht beschweren, denn der Name, der „Marie in Taiwan“ beschriftet, ist mir in den letzten Monaten ans Herz gewachsen und ich werde ihn vermissen.

Ich weiß nicht, wer dafür verantwortlich ist, dass ich diesen Namen trage, aber er oder sie hat ein gutes Werk vollbracht. Die meisten meiner Kommilitonen haben einfach ihren Namen ins chinesische „übersetzt“, da kommen dann die absurdesten Kreationen heraus. Das hätte mir passieren können, indem man mich einfach „Mali“ umtauft; das wäre dann wortwörtlich z.B. Pferdestärke, diese Leistungseinheit. Oder irgendwelche anderen willkürlichen Schriftzeichen, die nichts als Unsinn ergeben.

Aber nein: mein Name ist 柯梅雅.Das sieht auf jeden Fall schon einmal schön harmonisch aus.

Zunächst zu meinem Vornamen: 梅 ist die Pflaume, die Pflaumenblüte im Besonderen. Ich, die Pflaume. Fantastisch.

Nein, aber ganz im Ernst: Fantastisch!

Die Pflaume ist die Nationalpflanze Taiwans und findet sich überall, zum Beispiel im Emblem meiner Uni. Als eine der ersten Pflanzen, die im neuen Jahr blüht, unabhängig von kaltem, ungemütlichen Wetter, steht sie für Widerstandsfähigkeit, Standhaftigkeit und (übertragen auf Menschen) für Willensstärke. Weil sie üppig blüht, aber dennoch schlicht und zurückhaltend, symbolisiert sie Bescheidenheit und Eleganz. Da sie im neuen Jahr blüht, steht sie auch für Erneuerung und Lebenskraft. Und darüber hinaus außerdem für Leidenschaft, ich weiß zwar nicht warum, aber das ist ja nie verkehrt. Der zweite Teil meines Vornamens (雅) wird zu „elegant“ übersetzt. Eine elegante, bescheidene, aber dennoch starke Persönlichkeit wurde mir also zugeschrieben. Ich habe mir sagen lassen, dass es keine Zufälle gibt. Dazu eine klare Verbindung zu Taiwan: ich sagte ja – fantastisch.

Der letzte Teil dieses Textes geht dann nicht mehr um die (Glücks-)Symbolik, sondern mehr um meine eigene, individuelle Interpretation und Deutung.

Mein Nachname (柯) ist typisch taiwanisch, er hat seinen Ursprung in taiwanischen Ureinwohnern. Das ist schon einmal ein schöner Anfang, denn immerhin bin ich wegen Taiwan hier – und nicht wegen China. Besonders erfreut über meinen Nachnamen bin ich seit der Bürgermeisterwahl im November. Der gewählte Kandidat steht für ein neues politisches Klima, für Bürgerpartizipation und für Bodenhaftigkeit. Ich habe ihn kennen gelernt, er ist ein zurückhaltender Mann, fast unscheinbar, aber mit einer guten, inklusiven, progressiven Message. Und er heißt Ke: 柯.Ich kann mich wirklich nicht beklagen.

Und immer wenn mich jemand fragt, welches „Ke Mei-ya“ ich genau meine, dann kann ich immer sagen: „Ke, wie der Bürgermeister, Mei wie Pflaumenblume und ya, na, wie ya halt. Elegant und schön.“

Meine persönliche Lieblingsblüte bleibt jedoch die Kirschblüte, die übrigens eine andere Art ist als die, die wir aus Japans Frühling kennen.
Meine persönliche Lieblingsblüte bleibt jedoch die Kirschblüte, die übrigens eine andere Art ist als die, die wir aus Japans Frühling kennen.

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