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Menschen in Viet Nam

In der ersten Tagen in Vietnam war ich angeschlagen, also habe ich nicht viel vom Land gesehen, dafür viel von der großen Backpackergemeinde, deren Mitglieder ich schnell entweder bei den Hotpants/Tanktops oder alternativ bei den Elefantenhosen einkategorisierte. Erste waren auf das wilder Nachtleben und schwitzige Nächte in quietschenden Hostelbetten aus und letztere auf unbegrenzte Weite, Selbst(er)findung und Grenzenlosigkeit, gepaart natürlich mit kultureller Horizonterweiterung. Internationale Beziehungen pflegten alle, nur unterschiedlicher Art. Ich kam mit allen immer mal ein bisschen ins Gespräch und wusste daher schon am zweiten Tag genug über Vietnam und den Rest Südostasiens um glaubwürdig vorgaukeln zu können, alles gesehen zu haben (was ich natürlich nicht tat).

Aber hier soll es nicht um Reisende, sondern um Vietnamesen in Vietnam gehen.

Die Reisenden, egal mit welchem Ziel in Vietnam, hatten zum Großteil eines gemeinsam: die waren von den Vietnamesen und ihrer Mentalität nicht allzu angetan (und schwärmten dafür umso mehr von den Khmer in Kambodscha). Nachdem ich mein Abenteuer endlich begonnen und am laufenden Band Vietnamesen kennen gelernt habe, erkannte ich schnell, was die Reisenden befremdete – konnte und kann mich ihnen aber nicht anschließen.

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Ich finde Vietnamesen sind ein wunderbares Volk. Wenn man durch die Straßen läuft, wird man von alten Frauen, deren Bluse aller Wahrscheinlichkeit nach das gleiche wilde (Blumen-)Muster wie die Hose hat, unterm Dreieckshut skeptisch betrachtet und Männer schielen einem ohne Gesichtsregung hinterher, wenden sich dann ab und spucken auf den Boden oder trinken einen Schluck Kaffee, der auf einem kleinen Plastiktisch vor ihnen steht und wegen der vielen Eiswürfel langsam verwässert.

Es ist wahr, dass man in Vietnam nicht von überschwänglicher Freundschaft und strahlendem Lachen empfangen wird, egal, wie wunderbar das Wetter und die Landschaft um zu ist.

Es stimmt auch, dass die Vietnamesen hartnäckigen Geschäftssinn an den Tag legen und in allem einen potentiellen Businesscoup sehen – aber ganz ehrlich, wer kann es ihnen verübeln? In einem Land, wo der Tourismus innerhalb kurzer Zeit so einen Boom hingelegt hat und ein lukratives Geschäft verspricht, liegt es auf der Hand, daraus größtmöglichen Gewinn zu ziehen. Vor allem für fleißige, innovative Menschen, wie sie in Vietnam leben.

Als ich hinten auf einem Motorrad durch das malerische Idyll des Zentralgebirges fuhr und es sich ein bisschen nach Fliegen anfühlte, kam mir plötzlich in den Sinn, wie ich die Vietnamesen am besten beschreiben konnte: mit dem rauen Charme, den sie an den Tag legen. Ich habe die dortige Mentalität schnell zu schätzen gelernt, denn ich bin eine Freundin der Authentizität. Ich bin, trotz anfänglicher Skepsis und Blicken aus zusammengekniffenen Gesichtern, niemandem begegnet, der oder die sich nicht als überaus freundlich, offen und herzlich entpuppt hätte (und Individuen anderer Art gibt es in jeder Gesellschaft). Mit einem einfachen Lächeln habe ich im ganzen Land Freunde gemacht, mit ehrlicher Neugierde von allen gelernt und mit aufmerksamer Freundlichkeit war ich überall willkommen. Die Menschen, mit denen ich Gelegenheit hatte, mehr als nur ein paar freundliche Blicke zu wechseln, waren fantastische Personen, alle mit einem großen Bedürfnis danach, ihre Geschichten zu erzählen, mit Interesse am Westen und mit verschmitzt-schelmischen Humor, der alle Erzählungen würzte und vielsagende Blicke untermalte. Selbst in den am abgelegensten Regionen traf ich auf Menschen, die ihr nachmittagliches Nickerchen in schattigen Hängematten unterbrachen, um ein paar Sätze mit mir zu wechseln, und sei es nur die Kleinigkeit die aus lange vergangenen Schulzeiten hängen geblieben ist.

Man ließ mich auf Plantagen und in Gärten herumturnen und versorgte mich mit frischem Obst, Tee und Kaffee. Und auch an Komplimenten wurde nicht gespart, doch nicht nur mein Aussehen wurde kommentiert – ich wurde einige Minuten aufmerksam betrachtet und dann voller Ernsthaftigkeit für meinen klaren, intelligenten Blick, mein offenes Lachen und meine warme Ausstrahlung komplimentiert. Dinge, über die sich Gedanken gemacht wurden. So gewinnt man mein Herz mit Leichtigkeit. In den Komplimenten schwang kein Neid, kein „ich wär so gerne weiß“, das mich in Ostasien oft in Unbehagen versetzt. Die Vietnamesen sind bescheiden, aber schon doch grundlegend mit sich zufrieden zu sein.

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Doch die Zufriedenheit hört auf, wenn die Gespräche eine politische Färbung bekommen. Neid offenbart sich, wenn es um die Möglichkeiten geht, die mir ob meiner Herkunft gegeben sind, doch die jungen Vietnamesen verwehrt bleiben. Es hat mich zugegebenermaßen überrascht, wie reflektiert und kritisch junge Menschen trotz der einseitigen Geschichtsdarstellung und Berichterstattung die Geschehnisse und die politische Realität in ihrem Land betrachten und analysieren. Ich wusste nicht, was für einen großen Einfluss vietnamesische Künstler*innen im Ausland auf den Widerstandsgeist der Menschen, die sich im eigenen Land begrenzt und gar gefangen fühlen und uns Europäer*innen für unsere offenen Grenzen und die unendlich erscheinende Freiheit beneiden, haben.

Es ist ein komisches und mir bis dahin unbekanntes Gefühl, in der Sonne vor einer unwirklich schönen Kulisse zu sitzen und sich mit gesenkter Stimme über Geschichte und Gegenwart zu unterhalten, obwohl doch weit und breit niemand zu sehen ist, außer ein alter Mann, der sicherlich kein Englisch versteht. Ich habe mich das erste Mal bei dem Gedanken ertappt, ob es mich – oder meine Gesprächspartner*innen – in Gefahr bringen könnte, was ich höre und sage. Das Gefühl hat mir nicht gefallen.

Mir wurden Geschichten über soziale Ungerechtigkeit, über Menschenhandel, über Menschenrechtsverletzungen, über verschwundene Menschen, über Gehirnwäschen, über Korruption und immer wieder über das unbändige Bedürfnis nach Wahrheit und Freiheit erzählt, immer mit einem bitteren Beiklang in der Stimme und mit etwas hoffnungsloser Frustration im misstrauischen Blick. Ich habe viele Menschen getroffen, die im Grunde ihres Herzens rebellieren und sich im Stillen ihre Nischen für Widerstand und für ein selbstbestimmtes Leben gesucht haben. Die Fremdsprachen lernen, um zur Inspiration Kontakt und Austausch mit Menschen wie mir haben zu können, unwissend, dass sie mich mit ihrem Kampfgeist, den rebellischen Gedanken und ihrem umsichtigen Verstand ebenso inspirieren.

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Aber ich habe auch andere Menschen getroffen. Ebenso offen, ebenso freundlich, ebenso kommunikativ. Die aber Vietnam – „my country“ – lieben, die sich nichts besseres vorstellen können, die toll  finden, dass der Staat sich so viel kümmert und die froh sind, in einem Land zu leben, in dem jeder Arbeit finden kann. Ihre Geschichten und ihre Wahrnehmungen widersprechen dem, was ich zuvor gehört hatte. Doch sie alle eint der Wunsch danach, in die Welt zu ziehen. Einige suchen einfach nur etwas Ablenkung, Aufregung, Abenteuer außerhalb der Region, in der sie immer gelebt haben. Andere wollen, dass die wahre Geschichte Vietnams in der Welt erzählt wird und nicht die Version der Amerikaner. Und wieder andere wollen wissen, wie es sich anfühlt, Europäerinnen zu lieben. Egal, was der Grund sein mag: Neugier auf Neues trifft man überall, ebenso ungeheure Lebensfreude und Abenteuerlust. Egal, wohin man kommt; welche Entscheidung man nicht treffen kann: die Antwort ist „why not“ und ein zwinkerndes Lachen. Ja, warum eigentlich nicht? Ich bin jung und das Leben ist schön, vor allem in bester Gemeinschaft gut aufgelegter Menschen.

Gerade Männer jeden Alters scheinen ihre Tage und Nächte damit zu füllen, trinkend in Cafés am Straßenrand zu sitzen und Karten zu spielen, aber trotz der Langeweile, die dieser Zeitvertreib ausstrahlt, sind sie stets zu (derben) Witzen aufgelegt und froh über alle Ausländer*innen, die gewillt sind, einige Drinks mit ihnen zu teilen. Ich habe lange nicht mehr so viele Scherze gehört, so viel gelacht. Erfrischend.

Man mag über Vietnamesen sagen, was man will, aber verschlossen sind sie nicht, ebenso wenig unfreundlich; man muss sich die Freundschaft nur gewissermaßen verdienen. Doch der Preis ist nicht sehr hoch.

Und wenn einem trotzdem zu anstrengend wird, nett zu lächeln, dann empfehle ich einen Ausflug nach Da Lat in das Dalat Family Hostel. Da wird man – ob man will oder nicht – von der Liebe und Zuwendung der Family wortwörtlich erdrückt (ich wollte nicht so sehr. Ich ziehe die anfangs kühle Distanz der restlichen Vietnamesen herzlichen Umarmungen und Wangenknuffen eindeutig vor).

März 2015

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