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EU Integration und Erweiterung

Als ich 17 Jahre alt war und überlegte, was ich nach dem Lebensabschnitt „Schule“ mit meinem Leben anfangen sollte, fiel meine Wahl auf einen Europäischen Freiwilligendienst in Polen. Ich wollte aus den Grenzen meiner Kleinstadt ausbrechen und hatte das Gefühl, dass mir Deutschsein allein nicht gerecht würde, ich war auf der Suche nach mehr Vielfalt. Es lag für mich auf der Hand, mehr zu erkunden als das Gewohnte, ich wollte Abenteuer, aber davon auch nicht zu viel; ich wollte Neues und gleichzeitig die Möglichkeit, mich mit Vertrautem zu umgeben. Meine Wahl fiel auf Polen, so nah und doch so fremd für mich. 

Ich zog also aus, das Abenteuer beginnend, mit dem Zug aus dem Norden Deutschlands in den Süden Polens. Was für eine Reise als Auftakt für wunderbare Monate. Ich habe in Polen mit Leichtigkeit eine zweite Heimat gefunden, überrascht darüber, dass ich oft vergaß, nicht in Deutschland zu sein, bis mich die zischelnde Sprache daran erinnerte.

 

Bevor ich damals endgültig für einige Monate gen Osten zog, drehten sich meine aufgeregten Gespräche immerzu um die bevorstehende Reise. Die meisten meiner Bekannten in der Kleinstadt, in der ich groß geworden bin, waren noch nie östlich der Oder gewesen und hatten allenfalls alte Familienbande in die Region. Innerlich führte ich frustriert Strichlisten und führte ein Vorurteile-gegen-Polen-Bingo: Autodiebstahl, Wodkatrinker, Kälte, Rückstand und eine grauenvolle Infrastruktur. Ich ließ mich nicht beirren, sondern setzte es mir zum Ziel, mich selbst und alle anderen von der vielfältigen Schönheit Polen zu überzeugen; es gelang mir mit Leichtigkeit.

 

Die Europäische Union hat inzwischen eine beachtliche Größe und gerade in Krisenzeiten neigen Menschen dazu, einfache Gründe zu finden, um Probleme zu erklären. Die große Vielfalt Europas vereinfacht Lösungsfindung und Krisenbewältigung sicherlich nicht, aber das liegt weniger an dem tatsächlichen Umfang, als an den Entscheidungsträger*innen. Die Europäische Union fußt auf einer progressiven Idee, auf einem innovativen Traum von einer besseren, vereinten Welt; geträumt und initiiert in einer kriegsmüden Zeit des Aufbruchs. Die Gemeinschaft des letzten Jahrhunderts hat sich inzwischen zu einer Union mit tiefgreifenden politischen Kompetenzen entwickelt, die nach wie vor Länder zum Beitritt reizt. Doch vordergründig dreht es sich in den Entscheidungen und in der Motivation, dabei zu sein, um Wirtschaft, Finanzen und Machterhalt einflussreicher Individuen. Natürlich sind offene Grenzen verlockend, aber im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen die ökonomischen Freiheiten, Möglichkeiten und Profit.

 

Die Gewährleistung wirtschaftlicher Rahmenbedingungen für erfolgreichen internationalen Wettbewerb ist essentiell, um auf der Weltbühne mitspielen zu können und den Lebensstandard in der eigenen Region sicherzustellen. Doch gerade in der Krisenzeit, in der sich alles in der Europäischen Union um Geld zu drehen scheint, ist es wichtig, die Perspektive zu wechseln.

 

Kritiker der EU-Erweiterung sprechen immerzu von den entstehenden Kosten und rechnen alle Entwicklungen gegeneinander auf. Was dabei übersehen wird, ist der größte Gewinn, den wir von Zuwachs aus allen Richtungen haben: Menschen, ihre Ideen, ihre Hintergründe, ihre Kulturen und ihre Sprachen. Der Wert von Dingen, die nicht in Nummern verzeichnet werden können, wird unterschätzt.

 

Von jungen Menschen wird heutzutage viel erwartet: wir sollen alles können, alles gesehen haben, multilingual kommunizieren und zielstrebig unsere Pläne verfolgen. Aber gleichzeitig mit diesen himmelshohen Ansprüchen werden wir für irrationale Spinnereien, wie zum Beispiel der Glaube in erfolgreiche Erweiterung, belächelt. Im Grunde dreht sich die ganze Frage um Erweiterung um Machtkämpfe: wer darf mitmachen und wer nicht? Meiner Meinung nach könnten viele Herausforderungen, bei deren Bewältigung sich die EU seit Monaten und Jahren im Kreis dreht, angegangen werden, wenn nicht nur die Theorie, sondern auch die Praxis gemeinschaftlicher würde. Das heißt, dass Vergrößerung nicht die Addition neuer Probleme bedeutet, sondern an erster Stelle einen Zuwachs von Möglichkeiten. Das hieße auch, dass entsprechende Länder anders in das System der EU integriert werden müssten.

 

Jetzt gerade stehe ich, die ich weitere Vergrößerungen der EU auf dem europäischen Kontinent für erstrebenswerte halte, einer übereilten Erweiterung skeptisch gegenüber. Es darf nicht um Größer, schneller, besser gehen, sondern wir brauchen stattdessen Tiefe, Leidenschaft und überzeugtes Engagement für die Sache. Der nächste Schritt muss sein, die EU in sich selbst zu integrieren und zu vertiefen. Das bereits erwähnte Gemeinschaftsgefühl muss etabliert werden und nationale Denkmuster, die wichtige politische Entscheidungen beeinflussen, müssen überwunden werden.

 

Wenn ich meine Gedanken schweifen lasse und mir den Luxus erlaube, einen Idealzustand zu erträumen, sehe ich eine Union, in der 28+ Staaten in einem gemeinsamen politischen System füreinander einstehen; in der nicht über die einen und die anderen, sondern nur über die Gemeinschaft diskutiert wird; in der eine Willkommenskultur besteht, die sich über ambitionierten Zuwachs freut. Unsere Welt wird nicht nur durchrationalisiert und verwirtschaftet, sondern im selben Moment auch von negativen Gedanken dominiert. Es ist immer einfacher, nur das Kleinste anzustreben oder sich gleich mit dem Ist-Zustand zufrieden zu geben – aber es bringt die Welt nicht voran, weder in guten noch in schlechten Zeiten.

 

Ich wäre nicht die weltoffene, ambitionierte und lebensfrohe junge Frau, die ich bin, wenn ich nicht in unter anderem in Polen gelebt und gelernt hätte. Ich hätte niemals die Vielfalt Europas so schätzen gelernt und gleichzeitig hätte ich auch nicht die Bedeutung meiner deutschen Wurzeln erkannt. Ich hätte immer meine einseitige, deutsche Perspektive auf die Welt gehabt, denn nur offene Grenzen geben die Möglichkeit, mit Leichtigkeit Perspektiven zu wechseln.

 

Vor einigen Monaten hatte ich die Gelegenheit zum ersten Mal jenseits der östlichen EU-Grenzen nach Bosnien und Herzegowina zu reisen. Ich habe ein wunderschönes Land mit einer komplizierten, aber hochspannenden Geschichte kennen gelernt, in dem ich mit einigen Menschen aneinander geraten bin und in anderen neue Freund*innen gefunden habe. Ich wünsche mir für mich und für meine Miteuropäer*innen, dass wir die Möglichkeit haben, zu wachsen. Unsere Länder sind voll von motivierten jungen Menschen, die von engstirniger, verstockter Politik, die immerzu an nationale Gewinnmaximierung denkt, genug haben. Die Vereinigung dieser jungen Menschen allein sollte Grund genug für Erweiterung sein – wie schade, dass von uns immer nur erwartetwird, die Welt zu verändern, ohne uns die tatsächliche Kompetenz dazu zu geben.

Aber ich bleibe dabei, Mitstreiter*innen über den ganzen Kontinent zu finden: zunächst für die Integration und dann für die Erweiterung.

 

März 2015  

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