Europa und EU, Junge Power

Junge und Alte Europa-Expert*innen

In letzter Zeit melden sich immer mehr Europa-Expert*innen zu Wort. Einige von ihnen haben interessante Sachen zu sagen, einige plappern interessante Sachen nach und andere vertüdeln sich in den immer gleichen Phrasen. Es scheint mir relativ einfach Europa-Expertin zu werden. Ein gewisses Interesse an der EU, eine relativ aufmerksame Verfolgung der Berichterstattung und ein kleines Bedürfnis daran, etwas zu verändern sind alles, was es scheinbar braucht. Optimal ist aber natürlich ein entsprechender akademischer Hintergrund, Politikwissenschaften oder so. Ich finde, ich bin mit allen Facetten ausgestattet, um Europa-Expertin zu werden.

Nach dieser Selbst-Ernennung besitze ich wenigstens noch genug Demut, mir nicht das ultimative Wissen in allen Bereichen zuzusprechen. Aber wenn es um die Zukunft und die Jugend Europas gehen soll, die logischerweise miteinander verknüpft sind, halte ich mich doch wenigstens nicht weniger kompetent als viele Männer und ein paar Frauen, die um einiges älter als ich und etwas jünger als meine Großeltern sind (oder auch nicht).

 

Vor einigen Jahren habe ich an einer Tagung zur Zukunft Europas teilgenommen. Im Gegensatz zu vielen anderen Events, bei denen ich Ansichten tausche und durchdiskutiere, senkte ich hier den Altersdurchschnitt – es handelte sich nicht um eine reine Jugendkonferenz. Diese Konferenz hatte nun in meinen Augen ein Problem. Das Problem ist die unterschiedliche Perspektive von Menschen unter und über, sagen wir 35 auf die EU. Junge Menschen neigen eher dazu, zu sehen, was noch passieren muss,  wohingegen ältere Personen den Ist-Zustand mit dem vergleichen, was bereits passiert ist. Diese beiden Altersgruppen reden also häufig aneinander vorbei. Wir Jungen kritisieren der Anderen mangelnden Willen zur Veränderung und ihre genügliche Gemütlichkeit und sie werfen uns Naivität und Weltfremdheit vor.

 

Am Ende dieser Konferenz gab es eine Podiumsdiskussion. Ich bin kein großer Fan von Podiumsdiskussionen, wurde allerdings gebeten, eine Frage vorzubereiten. Es kommt nämlich total gut, wenn eine der jüngeren Teilnehmenden, und noch dazu eine junge Frau, den Mund aufmacht. Nun hatte mich dieses Treffen nicht besonders inspiriert und ich wusste nicht, was ich hätte fragen sollen. Bis ich das Podium sah: eine Riege alter deutscher Männer mit Wohlstandsbauch und leerem Haar, die sich mit dem Moderator über Anekdoten ihrer Schaffenszeit unterhielt. Die Herren waren ohne Zweifel aus hochkarätigen europäischen Ämtern eingeladen, aber ich finde es so schade, wenn ein Treffen, das für sich selbst den Anspruch hat, ein breites Spektrum (einer ohnehin viel zu kleinen Gruppe) zu repräsentieren, es nicht schafft, Vielfalt auf ihr Podium zu bringen.

 

Ich machte also den Mund auf und fragte, wo ich, wenn ich mir das Podium anschaute, meine Zukunft in Europa als junge Frau vorstellen könnte – und wie ich dabei unterstützt werden würde, die EU in ihrer Entwicklung zu unterstützen. Ich entlockte den Gästen und dem Publikum ein paar Lacher und wurde mit den Worten, ich solle mich doch bitte für meine Werte einsetzen und jetzt müsse man dann auch wieder über was Wichtiges reden, abgekanzelt. Der Rest der Diskussion, die mehr ein einvernehmliches Gespräch unter Kumpels war, ging dann um was Wichtiges, Geld und so.

 

Ich engagiere mich wirklich gerne und ich weiß, dass ich aktiv mitgestalten muss und will, um die Zukunft in meinen Händen zu haben, aber man kann mir noch so häufig erzählen, dass ich und meine Generation die Zukunft sind und dafür die Verantwortung tragen – wir werden verhältnismäßig wenig bewegen können. Denn wir sind nicht die Gegenwart. Aber relevante Entscheidungen werden in  der Gegenwart getroffen. Es ist also elementar, dass wir auch jetzt Möglichkeiten haben, mitzureden. 

 

Glücklicherweise gibt es von Zeit zu Zeit Persönlichkeiten der Gegenwart, die aufrichtig und ehrlich an einem Austausch mit der nächsten Generation beteiligt sind. Vor kurzer Zeit war ich auf einer anderen Konferenz, diesmal richtete es sich wieder nur an junge Menschen aus ganz Europa, wir trafen uns in Bosnien. Die größte Gruppe stellten engagierte Deutsche. Da diese Veranstaltung vom Deutsch-Französischen Jugendwerk mitorganisiert wurde, waren auch Vertreter aus der deutschen sowie französischen Politik zugegen und in einer kleinen Gruppe hatte ich die Möglichkeit für einen näheren Austausch mit zweien der Herren. In der Runde kam die Frage auf, mit der auch ich mich immer wieder beschäftige: von uns wird erwartet, dass wir etwas tun – aber wie sind diejenigen in verantwortlichen Positionen bereit, uns zu unterstützen und zu stärken?

 

Ich verstehe, dass der Gedanke daran, auf seinem eigenen eingesessenen Sessel Platz für neue, energische Jungspunte machen zu müssen, besorgniserregend sein kann, aber das ändert nichts an dem Umstand, dass wir etwas machen wollen und das nicht schaffen, wenn wir gegen eine Mauer alter Ideen und Wertvorstellungen ankämpfen müssen.

 

Auf dieser Konferenz machte sich der junge Mann aus Deutschland gar nicht erst die Mühe, uns etwas vorzuflunkern, von wegen man würde neue Initiativen stärken und Gelder bereitstellen. Nein, er fuhr eine ganz andere Schiene. Schuld daran, dass es kompliziert sei, etwas zu erreichen, seien nämlich wir. Dieser Kerl erdreistete sich tatsächlich in einem Kreis junger Menschen, davon ca. 50% in der Vorlesungszeit aus Deutschland zu dieser Jugendfriedenskonferenz angereist, die fehlende Initiative und Motivation unserer Generation anzuprangern. Ich weiß, dass ich viele Altersgenoss*innen habe, die sich tatsächlich vor allem um ihre Smartphones und einen vorzeigbaren Facebookaccount kümmern, aber dafür können wir nichts. Anstatt uns also zu erzählen, wir seien alle egoistische Konsumenten, die sich für nichts jenseits ihres Eigennutzes interessierten, finde ich einfach nur dreist. Ich bin niemandem ins Gesicht gesprungen, sondern saß da, habe geschwiegen und mich geärgert. Aber das kann es ja nicht sein, einfach nur rumsitzen und gar nichts tun.

 

Den Ärger in mir tragend bin ich am Abend der Konferenz mit anderen jungen Menschen in die Stadt gegangen, um das zu tun, was wir angeblich ausschließlich tun, wenn man uns die Gelegenheit interkultureller Begegnung gibt (Stichwort Erasmus): das Nachtleben auszukosten und uns um nichts, als unsere eigene Freude am Leben zu scheren (das internationale Beziehungen so am realitätsnahsten erlernt und erprobt werden können, ist ein anderes Thema). Auf dem Weg zur Bar wurden wir von einem jungen Kamerateam überfallen, die uns, wie sich nach den ersten Fragen herausstellte, vorführen wollten. Sie wollten beweisen, dass all die Menschen, die zu diesem Zeitpunkt nach Sarajevo gereist waren, um dem ersten Weltkrieg zu gedenken, im Sinne nur von geheucheltem Schuldbewusstsein und auferlegten Moralvorstellungen gescheucht wurden. Sie wollten zeigen, dass all die Expert*innen im Grunde an Expertise vor allem vorweisen konnten, wie gut sie sich selbst und die leere Hülle ihres Engagements verkaufen können. Ich war froh, ihnen vor laufender Kamera beweisen zu können, dass es auch die anderen gibt, die Guten sagen wir mal.

 

Ich spreche in diesem Text in hohen Tönen von mir selbst, auch wenn sich das nicht gehört, doch ich habe das Gefühl, Demut bringt weder mir noch meinen gleichaltrigen Mitstreiter*innen etwas. Ich zähle mich zu den Guten und ich sehe mich als Expertin für junge Angelegenheiten in Europa. Vor allem aber verleihe ich mir den Expertinnentitel deswegen, weil ich mich nicht dort ausruhe, wo ich jetzt angekommen bin, sondern weil die wichtigste Eigenschaft einer Expertin für mich darin liegt, neugierig zu bleiben. Wenn ich nach Bosnien zu einer Konferenz reise, dann nicht nur, weil ich meinen Senf dazu geben will, sondern weil ich lernen möchte: von der Geschichte, von anderen Expert*innen und auch von den wütenden jungen Bosniern. Wenn ich einen Workshop anbiete oder einen Unterrichtsbesuch veranstalte, dann immer mit dem Wissen im Hinterkopf, dass die Meinung und Gedanken der jungen Menschen dort ebenso wichtig sind wie die meinen und Zeit und Raum zum Wachsen brauchen.

Und wenn ich einen Artikel wie diesen schreibe, dann nicht mit dem Anspruch die ganze Wahrheit oder auch nur einen Teil zu publizieren, sondern weil ich es wichtig finde, dass wir jungen Menschen ein Zeichen setzen, dass wir hier sind und dass wir nicht davor zurück schrecken, unsere Meinung laut und deutlich zu vertreten.

 

März 2015

 

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