Europa und EU, Gesellschaft und Politik, Über mich, Vergangenheit, Gegenwart und Identität(en)

Heimat in Europa

Neulich war ich abends auf eine Party eingeladen. Auf dieser Party waren knapp 30 Leute, die aus ungefähr 20 verschiedenen Ländern kamen. Man würde sie wohl intellektuelle Migrant*innen nennen: junge Erwachsene aus der ganzen Welt, die während oder nach des Studiums nach Deutschland gekommen sind und hier die Akademikerszene mit frischen Gedanken und Lebensfreude aufmischen. Die Party war klasse: alle hatten Spaß, die Männer ließen zu Bollywood-Geträller die Hüften schwingen und hämmerten sich auf die Brust, die Frauen standen in der Küche und tranken polnischen Wodka.

Die Gespräche drehten sich darum, wie effizient und strebsam die Deutschen seien, aber auch wie langweilig. „Wie kann man bloß Spaß auf einer Party haben, auf der alle im Kreis sitzen, pseudointellektuelle Gespräche führen und im Takt trinken?“, fragte ein junger Mann. Ich zuckte mit den Schultern. „Ist mir ein Rätsel.“ Wir unterhielten uns noch ein bisschen und scheinbar kamen bei mir die Deutschen nicht sehr gut weg, denn ich wurde irgendwann lachend gefragt, wo ich denn herkäme und warum ich noch in Deutschland sei. „Oldenburg“, sagte ich, das war die kleinbürgerliche Stadt, in der wir feierten. Ich musste zum Beweis meinen Ausweis hervorkramen.

 

Wenn ich im Ausland bin, dann merken andere Deutsche sofort, dass ich Deutsche bin, aber innerhalb von Deutschland tuen sich alle damit schwer. Ob mich das kümmert? Ich freue mich ehrlich gesagt etwas darüber. Nicht, weil ich nicht mit deutscher Trockenheit identifiziert werden möchte, das ist mir völlig gleich. Sondern, weil ich es schön finde, wenn es nicht ganz einfach ist, mich in eine Schublade zu packen. Auch ich versuche ja oft genug, Menschen ob ihrer Art und ihres Auftretens zuordnen zu können, aber dennoch ist es ein kleiner Triumpf für einen global citizen wie mich, wenn die Einordnung etwas länger dauert. Denn genau wie es für andere schwer sein kann, meine Herkunft zu bestimmen, so ist es für mich nicht immer einfach, zu bezeichnen, wo ich hingehöre. Meine Herkunft und meine Heimat sind in Deutschland, aber ich brenne bereits jetzt darauf, für mein Studium nach Polen zurück zu kehren und ich bin gerne in ganz Europa unterwegs, ohne mich dabei fremd zu fühlen.

 

Und dazu kommt die Tatsache, dass ich das dringende Bedürfnis, Menschen ihres Aussehens nach einer Nationalität zuordnen zu können, absurd finde. Denn dieses Spiel funktioniert in Europa nicht. Wir sind nicht nur zu nah beieinander, wir wurden im Laufe der Zeit auch zu sehr vermischt und vermengt. Ich bin ein glänzendes Beispiel dafür. 

 

Neulich wurde ich am Frühstückstisch in einem Hostel in ein Gespräch verwickelt, warum ich denn so undeutsch aussehe. Ich versuchte mich zu erklären: „Meine Urgroßeltern und Großeltern kommen aus Deutschland. Nur, dass das heutzutage nicht mehr Deutschland ist, sondern Polen oder Tschechien.“ Was bedeutet das für mich und meine Ethnie? Ist mir total egal.

Wie ich mich fühle? Europäisch.

Meine Nationalität: Deutsch.

Wer ich bin? Marie Jelenka Kirchner, manchmal Marysia, manchmal sogar 柯梅雅. Ich halt.  

 

Mai 2015

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