Berlin (2015)

Berlin. Mein wunderbar, herrlich entspannt aufregendes Berlin.

Meine ersten Erinnerungen an Berlin reichen in eine Zeit zurück, in der ich ungefähr 5 Jahre alt war, so ganz genau kann ich das nicht mehr sagen, auf jeden Fall war ich klein. Ich reiste mit meiner Mutter in die Hauptstadt, um Freunde zu besuchen und erinnere mich sehr lebendig an drei Dinge. Erstens, dass wir die Stufen zu einer Bäckerei hochstiegen, wo Berliner nicht Berliner hießen. Zweitens, dass ich niemals den Blick vom Boden heben durfte, weil ich sonst in einen Hundehaufen getreten wäre. Die ganze Stadt war voll davon und anderem Dreck. Drittens erinnere ich mich an eine Aufführung des Tschaikowsky-Balletts Schwanensee, wo ich in der Pause in den Orchestergraben guckte, wo ich mich beeindruckt in weiche Sitze kuscheln konnte und wo irgend so eine Frau ganz zu Beginn von einem Mann auf einen Tisch gelegt wurde und Blüten von ihrem Kleid zupfte, woraufhin sie immer nackter und nackter wurde. Meine Erinnerungen an Berlin waren also vielfältig und geprägt von einer gewissen Exotik.

Das nächste Mal, dass ich nach Berlin reiste, war zehn Jahre später. Mit einer Gruppe von Mitschülerinnen und Mitschülern fuhren wir zu einer Jugendkonferenz. Die Konferenz an sich war interessant, aber das wahre Highlight war der eigentliche Aufenthalt in Berlin. Ich habe meine Kindheit erst in einer beschaulichen, etwas piefigen Kleinstadt im Süden Deutschlands verbracht und dann bei Diepholz, was keineswegs eine Steigerung war. Als Teenie dann lebte ich in einer netten, aber auch sehr überschaubaren Kleinstadt im Norden Deutschlands, was im Vergleich zum Diepholzer Landleben ein großer Fortschritt war. Nun aber war ich in Berlin und in Berlin war das Leben. Ich war voller Aufregung, als wir in den Bahnhof einfuhren und sehr überrascht, als wir dann durch Berlin liefen: alles war so sauber, so nett und nahezu hübsch. Berlin wurde in meinem Gedanken noch weiter aufgewertet. Berlin war Coolness. Berlin war die Stadt, in der ich leben wollte, wenn ich alleine leben würde. Denn Berlin – da war ich mir sehr sicher – würde seine eigene Coolness auf mich abfärben, das jedenfalls war die einzige Erklärung für mich, warum alle Berliner so umwerfend und die Berliner Männer so gutaussehend waren. Wie gesagt, ich war ein Teenie aus einer kleinen Stadt mit einem Heißhunger auf das Leben und die Welt und da war Berlin nun einmal genau was ich brauchte.

Seit 2009 bin ich jedes Jahr mindestens einmal in Berlin gewesen. Mit Berlin habe ich im Laufe dieser sechs Jahre nur positive Erinnerungen verbunden, die sich zu denen aus dem Kindergartenalter fügen. Zwar stellte ich irgendwann fest, dass die Männer nicht unbedingt attraktiver, die Menschen im Allgemeinen ganz sicherlich nicht freundlicher und die jungen Leute auch nicht cooler als anderswo sind, aber die Atmosphäre in Berlin – die ist für mich noch immer einmalig.

Als ich 17, und das heißt noch auf der Suche nach Coolness, war, lebte ich zwei Wochen in Berlin. Jeden Morgen, wenn ich mit meinem Fahrrad zur Arbeit radelte – stilecht über den Alex und unter der Weltzeituhr entlang wie Daniel Brühl in Good Bye Lenin – wusste ich, dass ich irgendwann einmal hier leben wollte. Ich wusste es auch, wenn ich im Open-Air-Kino von Mücken zerstochen wurde und Glühwürmchen bewunderte und ich wusste es garantiert, wenn ich in wilden Kneipen abends Club Mate trank. Das war damals noch eine Berliner Sache. Inzwischen trinkt man das ja überall, was mir irgendwie die Lust daran genommen hat.

Inzwischen ist einige Zeit ins Land gezogen und ich bin nicht mehr so sehr auf der Suche nach Coolness. Dennoch hat mich die Faszination für Berlin nicht verlassen. Jedes Mal, wenn ich in die Stadt komme – so kitschig das klingt – überkommt mich ein Gefühl von Glück und von Heimkehr und von Ankommen. Das ist verrückt, denn ich habe schließlich abgesehen von zwei supercoolen Wochen nie in Berlin gelebt und auch meine Eltern oder Großeltern nicht, aber dennoch ist da so eine Bindung. Berlin hat seine Besonderheit etwas verloren, denn inzwischen war ich so oft hier und auch so viel an anderen aufregenden Orten, doch einzigartig ist es geblieben. Vielleicht gerade, weil ich an so vielen anderen Orten gewesen bin.

Jedenfalls lebe ich nun in Berlin und genieße das Leben. Weil ich Worte liebe, egal ob in geschriebener oder in gesprochener Form, schreibe ich über alle interessanten Ereignisse in meinem Leben Tagebuch. Das mache ich einerseits, weil ich wie gesagt Worte liebe und andererseits, weil ich so meinen Mitmenschen von Zeit zu Zeit eine Kommunikationspause einräumen kann.

Am 1. August 2015, es war der Tag an dem ich mit zwei Koffern und einem Rucksack nach Berlin zog, schrieb ich: „Ich sitze in einem Zimmer mit hoher Decke und blicke auf einen blauen Himmel, an dem einige fadenscheinige Wolken kaum auffallen. Um mich herum lebt Diversität, ich kann endlich wieder polnisch hören und sprechen, was mich sehr glücklich macht.“ Zwei Tage später hatte ich bei über dreißig Grad meinen ersten Arbeitstag in einem sehr sympathischen, europapolitischen Verein namens Bürger Europas und schrieb nur: „Bei Hitze kann man in einer großen Stadt nicht sehr gut atmen“, ehe ich mich auf mein Bett schmiss und keuchend alle Viere von mir streckte.

Ich verbrachte die erste Woche mit Bekannten von früher. Aus jedem meiner Lebensabschnitte war irgendjemand in Berlin: Schulfreunde, Leute von meinen ersten Konferenzen und von meinen jetzigen Projekten, ein Kommilitone aus Taiwan, meine damalige polnische Mitbewohnerin aus Warschau, ich begegnete sogar spontan einem Studienkollegen aus Chemnitz auf dem Tempelhofer Feld. Es war wie eine Reise durch meine eigene Vergangenheit vor der faszinierenden, internationalen, kunterbunten Kulisse des sommerlichen Berlins.

Eines Abends, nachdem ich mich mit einem Freund über gute alte Zeiten ausgelassen hatte, wurde ich von einer Gruppe junger Menschen nach dem Weg gefragt. Ich habe keine Ahnung von Wegen in Berlin, aber sie fragten „where is the tower?“ und meinten den Fernsehturm. Da musste ich nur nach oben gucken und fand ihn und schlenderte vom Hackeschen Markt mit ihnen die paar Meter, damit sie sich nicht wieder verlaufen würden. Das Witzige an der ganzen Geschichte war, dass sie eine Gruppe von einem internationalen Workcamp waren, die sich darüber beschwerten, so viel arbeiten zu müssen. Das war jedoch nicht das Witzige, auf das ich hinaus wollte. Das eigentlich Absurde an der Geschichte war, dass von der Truppe zwei aus Taiwan stammten (wo ich bis April studiert habe), zwei aus der Türkei (wo ich nach dem Abi gearbeitet habe) und einer aus Polen (wo ich 2011 eine neue Heimat gefunden hatte und seitdem jede Gelegenheit nutze, dorthin zu reisen). Einzig aus Japan war niemand dabei (aber in Japan hatte ich mich ohnehin nie so wohl gefühlt) und stattdessen war noch ein Franzose im Bunde, der am lautesten über die Arbeit klagte. Ich habe eine liebenswerte Patentante aus Frankreich und fühle mich dem Land daher eh mehr verbunden, als es mir mit Japan jemals möglich sein wird. Diese zufällige Begegnung jedenfalls, die fast an den Rand des Unmöglichen grenzt, ist für mich die perfekte Metapher dafür, weshalb und wofür ich Berlin liebe.

Berlin sollte man für seine reiche Geschichte schätzen, für die unglaubliche Entwicklung der letzten zehn, zwanzig Jahre. Für die Kultur, die klassische sowie die neue, innovative Nischenkunst. Man sollte es für die Offenheit, die Toleranz und das kunterbunte Kuddelmuddel schätzen, ebenso für die Kreativität, die Inspiration, den Erfindergeist. Was ich aber am meisten liebe, ist die Internationalität und das nicht nur, weil ich authentische ausländische Küche sehr genieße. Normalerweise ziehe ich von einem Land zum nächsten, denn ich brauche einen gewissen Grad an Internationalität um mich wohl zu fühlen. Ich brauche Multikulti um mich herum, um aufzublühen. Ich brauche Geschichten aus anderen Ländern, um neugierig zu bleiben und mich nicht zu langweilen. Deswegen reise ich seit einigen Jahren immer wieder um die Welt: ich bin auf der Suche nach dem Fremden, dem Unbekannten, dem Neuen. Und plötzlich bin ich in Berlin, wo so vieles vertraut und selbstverständlich ist, wo ich mich nicht erst einfinden muss, sondern wo ich mir einfach einen Platz suchen und dann dort stehen bleiben kann, um zu machen wonach mir der Sinn steht. Ich bin in Berlin, in Deutschland, und es ist erstaunlich normal und dennoch nicht langweilig. Ich bin umgeben von der Welt. Ich bin umgeben von Gestalten aus meinem Leben und ich habe dennoch die ganze Zukunft, wenn man es so großartig ausdrücken möchte, vor mir ausgebreitet. Berlin, habe ich das Gefühl, passt genau zu mir, es ist absolut meine Stadt. Und das Schöne ist, dass ich nicht die einzige bin, dessen Stadt es ist. Berlin ist Allgemeingut, wenn man den überteuerten Wohnraum aus den gehypten Vierteln abzieht. Aus genau diesem Grund ist Berlin so vielfältig, so wandelbar und so charmant.

Das Schönste an Berlin ist jedoch, dass ich mir ganz frei aussuchen kann, was ich tun oder lassen möchte. Keine Zwänge im Gruppengefüge. Kein Kodex. Ich kann mich in den internationalen Großstadttrubel stürzen, doch ich kann auch mit einem Buch unter einem Baum Ruhe finden. Ich kann zwar den Straßenlärm  vor meinem Fenster und unter meinem Balkon nur ausblenden, aber dennoch kann ich mich der ganzen Aufregung entziehen und mich auf mich konzentrieren. Berlin bringt für mich eine Ruhe mit sich, was womöglich nicht unbedingt einleuchtend ist. Die Menschen scheinen auch zum größten Teil nicht gerade entspannt so lange sie laufen und dann wiederum trifft man die Ruhe selbst in Cafés und Kneipen, die dann irgendwann von Trinkgelagen wieder unterbrochen wird.

Aber unabhängig von allen anderen bringt Berlin mir eine Ruhe mit, weil es mir konstant erscheint; weil ich mich nicht darum sorge, dass mir etwas davon läuft und ich etwas verpassen könnte. Auch deshalb, weil ich mir aussuchen kann, welchen Trend ich mitmache und welchen nicht – interessiert ja eh keinen. Weil ich ohne großen Aufwand „anders“ sein kann, denn Konformität gibt es hier nicht.

Berlin ist einfach da, einfach so, wie es gerade passt und das macht das Leben hier ganz wunderbar, ganz herrlich entspannt aufregend.

August 2015

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