Taiwan (2014/2015), Über mich, Wer bin ich?

Deutsche in Taiwan

Ich bin eine deutsche Austauschstudentin in Taipeh und hielt mich mit meiner Entscheidung für eine ziemliche Exotin, jedenfalls bis ich dann hier ankam. Gefühlt jede*r zweite Austauschstudent*in kommt aus Deutschland und dementsprechend kann ich mich, wann immer ich will, mit Deutschen umgeben. Das ist von daher schön, da mir nicht wie sonst im Ausland meine Muttersprache zu fehlen beginnt und ich, falls ich doch zufällig Deutsche treffe für meine fast akzentfreien Sprachkenntnisse gelobt werde (wie damals in Polen). Das ist aber nicht, worauf ich hinaus will.

In Taiwan herrscht allgemein eine große Begeisterung für alles Okzidentale, alles Amerikanische und etwas weiter auch alles Australische – kurz alles „Westliche“. Lebensstil, Werte, Kultur und Aussehen werden bewundert und vielerorts nach allen Möglichkeiten nachgeahmt.

Darüber hinaus hat Taiwan seinen wirtschaftlichen Aufschwung und Erfolg dem Ingenieurswesen zu verdanken (der ASUS-Laptop an dem ich dies schreibe ist das beste Beispiel, außerdem weltweit bekannt HTC-Smartphones und Acer-Computer).

Das sind zwei Dinge, die viele Taiwanesen zu großen Fans von Deutschland machen,German Engineering bringt Augen zum Strahlen, die Deutschkurse an den Unis sind überfüllt und die Wartelisten ewig lang und auf der Reisewunschlisten steht das Land mit großen und kleinen Städten,  Bergen und Meer, Schlössern und Burgen, bunten Festen und fantastischem Essen ganz oben.

Neulich traf ich eine Taiwanerin, die in ihrem Leben schon ein paar Mal in Europa und natürlich daher auch in Deutschland gewesen war. Ich offenbarte meine Nationalität und sie schlug vor Freude die Hände zusammen. „Natürlich bist du Deutsche, das hätte ich gleich wissen müssen, du bist so hübsch und so intelligent.“ Ich dankte bescheiden, wer freut sich nicht über ein nettes Kompliment? Die Dame drehte sich zu meinen Gesprächspartnern um. „Seid ihr auch Deutsche?“, fragte sie mit diesem Funkeln im Blick. Sie verneinten, sie seien Amerikaner. „Oh, das ist auch nicht schlecht“, meinte die Frau und wandte sich wieder an mich. Sie setzte zu einer etwa drei-minütigen Lobesrede auf das Land meiner Geburt an und sparte dabei auch nicht an Worten, um mich mit Komplimenten zu überhäufen. Ich saß etwas verloren auf meinem Stuhl und nickte schweigend. „Du musst wirklich stolz sein, Deutsche zu sein“, sagte sie schließlich und strahlte mich an. Ich lächelte etwas gequält und wechselte das Thema.

Ich bin eine junge Deutsche in Taiwan, habe in den 3 Jahren nach meinem Abitur mehr als 50 Prozent meiner Zeit im Ausland verbracht, lebend und reisend und in meinem Zimmer hängt eine große Europaflagge vor dem Fenster. Ich liebe die deutsche Sprache und ich fühle mich in Deutschland wohl, ich habe nur nicht das Gefühl, dass meine Nationalität der Grund für mein Aussehen, meine Intelligenz und meinen Charakter allgemein seien, wobei wohl noch am ehesten für den Charakter. Meine Urgroßeltern bzw. Großeltern sind geborene Deutsche, doch heutzutage sind die Orte ihrer Geburt nicht mehr Deutschland – heißt das jetzt, ich trage polnische und tschechische Teile in mir oder nicht? Ich habe wie bereits gesagt viele Monate jenseits von deutschen Grenzen verbracht, mal nur einige Tage oder Wochen für eine Konferenz, mal ein paar Monate zum Arbeiten oder Lernen und jetzt für ein Auslandssemester und ich wage zu behaupten, dass sich auf diese Erfahrungen ein großer Teil meines Wissens gründet. Was den Charakter angeht, da zieht das letzte Argument, wobei ich allerdings zugebe, dass ich in vieler Hinsicht ganz wunderbar dem deutschen Klischee entspreche: zielstrebig, organisiert und pünktlich. Gestern sprach mich eine junge Frau in der Cafeteria an, ob ich Deutsche sei – ich säße beim Essen so gerade (ich wusste nicht, dass das was Deutsches ist). Ich trinke zwar kein Bier – aber nobody’s a perfect stereotype nehme ich an. Zu diesen universellen Deutschland-Klischees gesellen sich in Taiwan noch einige Merkmale mehr: Freundlichkeit, Hilfsbereitschaft, Offenheit. Deutsche sind bekannt als fröhliche Menschen, die schon viel von der Welt gesehen haben und viele gute Geschichten auf Lager haben. Die Frauen sind selbstbewusst und unabhängig, die Männer gleichzeitig „männlich“, umsichtig und sensibel (und falls mal einer auftaucht, der diesem Ideal nicht entspricht, bewährt sich nur die alte Weisheit, dass Ausnahmen die Regel bestätigen).

Ich hätte an sich gegen all dies nichts einzuwenden, es ist weitaus besser mit einem starken, weltoffenen Charakter assoziiert zu werden, als mit Kriegsschuld und Piefigkeit, aber ich tue mich schwer mit der Verallgemeinerung einer ganzen Nation – auch wenn ich davon objektiv gesehen profitiere – vor allem, wenn sich das Bild in den meisten Fällen ohnehin auf Reisende gründet, also auf die, die sich dazu entscheiden, ihr Heimatland zu verlassen, um auswärts zu lernen.

Ich helfe jedem und jeder gerne dabei, die deutsche Sprache lieben zu lernen, ich bin Reiseführerin zu den schönen Orten Deutschlands und ich gerate auch durchaus mal über die unzähligen Möglichkeiten der Kartoffel und der Brotvielfalt ins Schwärmen, aber das heißt noch lange nicht, dass ich mich zu Nationalstolz hinreißen lasse.

Ich bin stolz darauf, dass mein Charakter sich über die Jahre und Monate in zahlreichen Ländern,auf verschiedenen Kontinenten und durch den Austausch mit verschiedenen Menschen formt und ich bin stolz darauf, dass ich mich an vielen Orten daheim fühlen kann. Deutschland und mich verbindet kein Stolz, aber ich freue mich darauf, im Frühjahr zurückzukommen – und ich wäre stolz, falls ich irgendwann einmal in einer Position bin, in der ich dazu beitragen kann, wie Deutschland und Europa gestaltet werden.

Oktober 2014

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