Junge Power

Der Wert des Engagements

Vor einigen Monaten hielt ich einen Workshop vor einer Gruppe engagierter junger Menschen aus ganz Europa. Es drehte sich dabei um die Wichtigkeit des jungen Engagements, um die Besonderheit des Dialogs zwischen jungen Menschen und natürlich vordergründig um die Leidenschaft, mit der ich für die Idee einer geeinten europäischen Gemeinschaft eintrete. „Das ist ja alles schön und gut“, sagte ein junger Teilnehmer mit akurat gebundener Krawatte. „Aber was kriegst du dafür?“

Die Frage überraschte mich, denn sie kam mir in dem Moment absurd vor. Ich hatte mit einem Kollegen 60 Minuten über die Freude referiert, die es uns bereitet, unsere Ideen zu teilen und junge Menschen zu inspirieren. Was konnten wir mehr erwarten? „Wenn ich eine Präsentation über den Europäischen Freiwilligendienst halte“, erklärte ich. „Und danach kommen 7 Schüler*innen zu mir und wollen mehr wissen, und von denen gehen dann drei ins Ausland – dann habe ich das Gefühl, etwas geschafft zu haben.“ Die Antwort befriedigte ihn nicht, er nickte und verließ dann den Workshop.

In den letzten 1.5 Jahren hat sich in Europa viel verändert, ich habe mich auch verändert und meine Einstellung zum Engagement hat sich verändert. Wenn ich vor einem Jahr einer Schüler*innengruppe begegnet bin, um über Europa zu sprechen, dann drehten sich die Fragen um die Konzeption der EU und um die Griechenlandkrise, was schon Brisanz genug hatte, aber doch sachlich durchdiskutiert werden konnte. Wenn ich heute mit Schüler*innen spreche, dann kommen wir schnell auf die fundamentalen Elemente der EU zu sprechen. Da treffen die gröbsten Skeptiker*innen, die von zu Hause nichts anderes mitbekommen, auf hilflose Kontrahent*innen, die die europäischen Werte und Rechte in Gefahr sehen, aber nicht wissen, wie diese in der bestehenden EU noch zu retten sind. Die Debatten sind irrational, emotional und bergen ein riesiges Konfliktpotential. Noch vor einigen Monaten wurde ich als überzeigte Europäerin schlicht als naive Träumerin belächelt, inzwischen bin ich angeblich schlichtweg dumm. Meine Herzensaufgabe, Europa zu vermitteln und der EU menschliches Fundament zu geben, wird zu einer größeren Herausforderung. Ich gehe mit demselben Elan an meine selbsternannten Aufgaben, aber es kostet mehr Energie.

Aber nicht nur die Welt um mich herum hat mich verändert, auch ich habe mich verändert. So etwas passiert bei jungen Menschen zum Glück, vor allem, wenn sie die Welt und das Leben um sich herum mit offenen Augen erkunden. Zwei Dinge habe ich gelernt. Erstens, ich kann es mir erlauben, mich ehrenamtlich zu engagieren und sollte es deswegen tun. Zweitens, aber nicht um jeden Preis. Es gibt heutzutage die Bezeichnung „young professionals“. Ich umgebe mich fast tagtäglich mit jungen Menschen, die teils professioneller ihre Aufgaben erledigen, als alteingesessene Profis. Warum? Weil diese jungen Menschen Energie, Leidenschaft und Mut mitbringen. Leider lässt sich mit diesen Eigenschaften selbst zunächst nicht viel verdienen als Sympathien. Es ist ein recht langer Weg zum Erfolg – vor allem, wenn man Kapitalismus und Hierarchien gegenüber eher abgeneigt ist. Es ist auch als Young Professional möglich, seinen Fuß in die Tür zu bekommen und an Förderungsprogrammen teilzunehmen, bei der Investoren aus der privaten Wirtschaft ihre eigenen Eliten reproduzieren wollen. Aber möchte ich daran teilnehmen? Ist mir der schnelle Erfolg wert, in die Gruppe derer integriert zu werden, die ich kritisiere? Kann ich guten Gewissens an einem solchen Programm teilnehmen, auch wenn ich mir dabei mantramäßig vor mir selbst entschuldige: „Ich mache es, damit diese Gesellschaften sich verändern. Ich bleibe mir treu.“?

Ich habe mich dagegen entschieden, ich bleibe meinen jungen, innovativen Mitstreiter*innen treu. Zu welchem Gewinn? Ich weiß mich in einem Netzwerk voller junger Menschen, die mir nicht nach (gemeinsamen) Erfolgen den Weg abschneiden werden, weil an der Spitze nur Platz für eine*n ist. Ich denke meine Ideen und bin dabei autonom. Ich erreiche junge Menschen aus meiner heraus, mit meiner Botschaft und bin unabhängig und authentisch. Aber, dennoch ist es eine Würdigung meiner Arbeit und der Arbeit meiner großartigen Kolleg*innen, wenn wir mehr bekommen als nur ein Lächeln und ein aufmunterndes Klopfen auf die Schulter. Zu wissen, dass wir Europa greifbarer und erreichbarer machen können, ist wunderbar – zu wissen, dass Menschen in unserem Alter bereits Geld scheffeln, weil sie mit Investments und Geklüngel zunichte machen, wofür wir uns einsetzen, ist manchmal frustrierend.

Engagement ist wichtig. Menschen, die für das Gute, für Solidarität und für das Grundrecht auf die Straße gehen, die ihre mutigen Meinungen präsentieren und sich der Kritik aussetzen, sind wichtig. Menschen, die junge Menschen wert schätzen und ernst nehmen sind wichtig. Der ständige Einsatz meiner Bekannten in allen Ländern Europas ist wichtig und ich schätze sie dafür und ich bin stolz, einen so aktiven Freundeskreis haben zu können. Warum die Lobesrede auf unser selbst? Ich finde – natürlich – gut, was wir machen, was ich mache, sonst wäre es wohl eine allzu ermüdende Arbeit. Mein Engagement nimmt viel Zeit in Anspruch, es vergeht kein Tag, wo ich mich damit nicht beschäftige.

Ich habe es oft erlebt – bei mir selbst und bei Bekannten – dass, je mehr wir uns einsetzen, desto selbstverständlicher es uns erscheint. Natürlich müssen wir die Welt retten, das ist ja wohl klar. Wir verlieren manchmal aus dem Blick, dass es außergewöhnlich ist, sich über die Welt nicht nur zu informieren, sondern auch in genau diese Welt hinauszuziehen, und Gedanken Worte und Worte Taten werden zu lassen.

Und aus genau diesem Grund ist es wichtig und richtig, Engagement anzuerkennen. Aufwandsentschädigungen, Reisen zu spannenden Events – und Auszeichnungen. Wir merken immer erst, wie gut es sich anfühlt, entlohnt zu werden, wenn der Moment gekommen ist. Und weil genau einer dieser Momente gestern war und die Europeers Deutschland, mit denen ich seit 2012 zusammen arbeite, mit der Europa-Lilie der Europa-Union ausgezeichnet wurden, habe ich mich hingesetzt, um diesen Text zu schreiben. Weil ich meinen engagierten Bekannten danken möchte, weil ich meine Freude über die Anerkennung ausdrücken möchte und weil ich stolz bin.

Oktober 2015

Preisverleihung in der Landesvertretung Baden-Württemberg, Foto: Mustafa Eren
Preisverleihung in der Landesvertretung Baden-Württemberg, Foto: Mustafa Eren

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