Berlin (2015)

Die Heimat eines freien Menschen

Ich sitze auf dem Balkon in der Sonne und bilde mir ein, nur die Vögel im Hof und den Wind in den Bäumen, nicht aber den Lärm der Straße zu hören. Es gelingt mir sehr gut. Als ich morgens aufwachte, vertraute ich der Sonne nicht mit ihrem oft trügerischen Schein, denn ich hätte nicht erwartet im Oktober warme Sonne in Deutschland zu erleben. Ich hatte ganz vergessen, wie schön der Herbst in meiner Heimat sein kann. Deutschland herbstet ganz fantastisch, nahezu malerisch. Die alten Fassaden der Häuser entlang der Bahnlinie, an denen ich morgen vorbei fahre, sehen eingerahmt von gelben Bäumen nicht mehr so heruntergekommen aus wie im Kontrast zu strahlendem Grün. Der Herbst steht Berlin. Ich blicke von meinem Balkon auf ein Stück Rasen zwischen vier Betonblockbauten, wo ein Obstbaum kleine Äpfel auf den Rasen geworfen hat, und freue mich, hier zu sein. Ich freue mich, hier zu Hause zu sein. Ich frage mich: „Ist das Heimat?“ Mein Herz würde sagen „ja“, aber mein Herz hat sich in den letzten Jahren als recht umtriebig erwiesen. Die Luft riecht vertraut, aber die Sonne überrascht. Auf dem Balkon nebenan spricht meine Nachbarin deutsch, Berliner Schnauze allerdings. Es ist mir vor zwei Monaten leicht gefallen, mich in das Berliner Treiben einzufügen, nach wenigen Tagen nur fühlte ich mich beheimatet – im Grunde muss ich sagen, dass das Heimatgefühl meinem Aufenthalt sogar vorauseilte. Meine Ankunft in Berlin fühlte sich beinahe an wie eine Rückkehr, wenngleich ich durch die Stadt ziehe und mal hier und mal dort wohne. Da ich hier einige Wochen – 3 Monate – lebe, bin ich unweigerlich zu Hause, hier in der Hauptstadt, dem internationalen Dreh- und Angelpunkt Deutschlands, wo am Bahnhof Züge und Busse in den von mir so geliebten Osten Europas fahren, wo Polen kaum weiter ist als Holland von meiner Heimatstadt. Aber ist es meine Heimat? Eine zweite vielleicht, oder eine dritte? Ist Deutschland meine Heimat oder Europa? Oder doch nur das heimelige, beschauliche Oldenburg, wo der Wind durch die schönen Vorgarten fegt und jederorts ein freundliches Moin wartet?

Es gibt ein unerklärliches Gefühl des Ankommens. Ich bin eine Nomadin fast, das Wandern liegt mir im Blut, ich kann nicht ohne. Nach wenigen Monaten der Rast zieht es mich in die Ferne, an einen anderen Ort, auf zu neuen Ufern oder auch zurück woher ich schon einmal gekommen bin. Manchmal finde ich mich freilich am anderen Ende der Welt, in der Ferne, und spüre plötzlich den unstillbaren Drang nach Ruhe, nach Stillstand, nach Normalität.

Ist Heimat normal? Was ist normal? Sehne ich mich nach einem Ort? Nein, ich sehne mich nach einem Gefühl, nach einer Lebensweise. Ich sehne mich nach Menschen. Und ein Teil in mir sehnt sich wohl auch nach einem Zimmer mit Bücherwand und einem großen Kleiderschrank.

Wenn mich in der Ferne Heimweh plagt, dann verzehre ich mich plötzlich nach stürmischen Regentagen und nach Schwarzbrot mit Käse. Ich möchte rein gar nichts tun, nichts erleben, nichts lernen ohne ein schlechtes Gewissen zu haben über verpasste Chancen. Ich sehne mich nach Mittelmäßigkeit, nach Einheitlichkeit, nach wiederkehrenden Mustern und Strukturen. Mein Gefühl verlangt Dinge, denen ich nach drei Tagen im Haus meiner Familie in der Stadt, in der ich die bisher längste Zeit meines Lebens verbracht habe, überdrüssig werde.

Menschen fragen mich „wo ist deine Heimat?“. Ich kann es nicht sagen, was mich 360 Tage im Jahr nicht bedrückt. Es gibt keinen Ort, es gibt nur ein Gefühl. Es gibt das Gefühl des Ankommens, des Dazugehörens, des Richtigsein. Ich genieße es, nach einer langen Reise nach Oldenburg zu kommen, wo mich der Garten freut, wo die Katzen warten und wo ich groß geworden bin. Nichts ist so schön, wie eine Umarmung meiner Mutter nach einer langen Zeit, Tee in den Cafés meiner Schulzeit und vertraute Gesichter. Zögen meine Eltern jedoch um, so würde ich glücklich zu ihnen zurückkehren, wo immer sie sich herumtreiben. Es wäre ein anderes Gefühl, aber dennoch ein beglückendes Gefühl der Heimkehr.

Wie so vieles ist der Begriff der Heimat eine Konstruktion. Wir suchen den Trost und den Schutz der Heimat als Rückzugsort und ich kann mich glücklich schätzen, dass ich so frei in dem Umgang damit sein kann. Ich habe die Freiheit, meine Heimat frei zu wählen, ich habe gleich eine ganze Auswahl an neuen und alten Orten. Die Wahl ist einzig mir allein überlassen. Auch ich spreche von Heimat, ich sehe den Begriff nur etwas offener, glaube nicht, dass uns auf Lebzeiten eine Heimat zugeschrieben wird. Es ist auf Dauer anstrengend – schrecklich ermüdend – immerzu Neues zu sehen und zu empfinden. Aber Heimat kann überall sein, solange es nur nicht zu aufregend und mit der ein oder anderen positiven Erinnerung besetzt ist.

Die Frage ist nicht, nach welchem Ort ich mich sehne, sondern nach welchem Lebensgefühl. Wo sehe ich mich jetzt und wo möchte ich mich in einigen Jahren sehen? Welches Gefühl vermisse ich, wenn mich zur Abwechslung nicht Fern- sondern Heimweh plagt? Ist es das Klima? Der gutbürgerliche Trott der Kleinstadt? Die wohltuende Einsamkeit der endlosen Landschaft? Der Blick auf die eigene wachsende Bibliothek? Wiederkehrende Termine, jede Woche das Gleiche?

Heimweh ist oft ein Spiegel dessen, was im eigenen Leben fehlt, ganz unabhängig vom Ort. Es ist eine bewusste oder unbewusste Sehnsucht nach Veränderung des eigenen Lebensstils.

Ich auf meinem Balkon bin wunschlos glücklich, hier könnte ich alt werden. Es ist eine wohltuende Zufriedenheit, keine überschäumende Freude, die meinen Körper zu überwältigen droht. Was ist Heimat? Heimat ist Ausgeglichenheit, Normalität, Ruhe. Welche Faktoren das bestimmen, an welchem Ort das geschieht – das hängt einzig allein ab davon, wo ich dieses Gefühl haben kann. Ob an einem oder an vielen Orten, in einem Land, nur einer Region oder der ganzen Welt. Heimat ist eine Konstruktion, aber für freie Menschen eine mit unglaublich viel Schaffensfreiheit.  

Mehr Heimat geht nicht: der Garten meiner Mama
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