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Ein Bild von Jordanien

Ich wollte vorurteilsfrei nach Jordanien reisen, doch es gelang mir nicht. Zu sehr werden Stereotype und Vorurteile in Europa gepflegt und beflügelt. „Der Nahe Osten“ wird als Zentrum von Chaos und Gewalt, die Menschen als laut und fundamentalistisch abgestempelt. Vergessen wird dabei das reiche kulturelle Erbe der Region, bevor sie auf ihre Ressourcen und ihre Krisen reduziert wurde. Ich hatte ein Bild in meinem Kopf, verschiedenste Aspekte und wusste nicht, was ich davon glauben sollte, also war ich aufgeregt. Ich wollte das Bild erweitern, verschönern, ihm Realismus beifügen. Und ich war notfalls bereit, es überzumalen und von vorn zu beginnen.

Ich erzählte begeistert von meinen Reiseplänen. „Hast du keine Angst?“, fragte mich fast jede und jeder. Ich hatte keine Angst, nicht einmal ein mulmiges Gefühl, aber ich war voller freudiger Erwartung mit der Vorahnung, mein Weltbild wieder einmal herausfordern zu können.

Auf den ersten Blick war Jordanien vor allem staubig und trocken. Als ich morgens erst vom Betgesang der Muezzine und dann endgültig von der triumphalen Nationalhymne zu Schulbeginn aus dem Bett geholt wurde, präsentierte sich die Stadt (Amman) vor meinem Fenster sandfarben. Im Laufe des Tages wurde der Himmel blauer und strahlender, was den Kontrast zwischen sandiger Welt und leuchtendem Himmel intensivierte, aber die Stadt blieb sandfarben in allen erdenklichen Facetten. Ich habe in meinem Leben zuvor nicht eine solche Vielfalt in trockenen, braunen, weißgelben, ockerfarbenen und beigen Tönen gesehen. Von oben betrachtet war es nicht ansprechend, auch etwas trist, nur aufgefrischt durch rot-grüne Tupfer flatternder Fahnen, ein paar einsame Bäume und Büsche und dem fantastischen Himmel, doch es ist dennoch beeindruckend zu sehen, wie sich die gleichfarbigen Blöcke einer neben, hinter, über dem anderen verschachtelt in die Hügel Ammans fügten, soweit das Auge blickt.

Ich habe von Amman, genau wie von Jordanien, nur einen Bruchteil gesehen. Wir fuhren mit einem ausrangierten sonnengelben Schulbus durch die Stadt und konnten nur durch trübe Scheiben Blicke auf das bunte, fröhliche Treiben auf den Straßen werfen. Erst abends waren wir frei uns treiben zu lassen und hoch und runter von einem Kreisel zum nächsten zu laufen (Ammans Distrikte orientieren sich an Kreisverkehren), wenn die Geschäftigkeit in den Straßen erst anstieg und dann langsam wieder abnahm, bis nur noch wenige Lokale geöffnet hatten und nur noch Bauarbeiter in weißen Hemden am Straßenrand werkelten.

Die Straßen in Amman schlängeln sich dicht beparkt durch Siedlungen, wo in den Kastengebäuden oben jemand wohnt und sich im Untergeschoss kleine Geschäfte und Werkstätten finden. Lange Treppen mit ausgetretenen Stufen verbinden die Ebenen der Hügel, in die sich die Häuser einfinden. Autos jagen hupend an Fußgängern, spielenden Kindern und struppigen Katzen vorbei, es schallt aus ihnen Musik mal leise mal laut, die meistens von Liebe handelt, und oft singt der Fahrer oder die Fahrerin mit, der oder die am Steuer mit seinem Handy spielt, aus den Fenstern recken Kleinkinder ihre neugierigen Köpfe. Über den Köpfen liegt ein Geruch von Abgasen, Trockenheit, würzigen Parfüms, orientalischen Essen und Shisha, die allerorts geraucht wird. Auf Treppen und Bänken sitzen junge Männer, die mich mit ihren Blicken verfolgen, Polizisten und Wachmänner grüßen freundlich und junge Frauen laufen kichernd vorbei an kleinen Läden mit ausladenden Schaufenstern, aus denen wilde Musik tönt.

Ich verbrachte die ersten zwei Tage in Amman und wusste nicht, was ich von der Stadt halten soll. Amman präsentierte sich an jeder Ecke mit einem neuen Gesicht: mal prunkvoll, mal schäbig. Je grüner die Bäume, desto edler der Stadtteil. Große amerikanische Jeeps, aus denen junge Männer mit Sonnenbrillen schnalzen reihen sich an verrostete Rostlauben, deren Fahrer ihre schwarzrauchenden Auspüffe durch den TÜV tricksen, aber im täglichen Stau leiden sie alle gemeinsam, wenn vielleicht nur dann. Am Straßenrand entzückten mit unzählige Buch-Kioske und zahlreiche Mini-Boutiquen, die von Souvenirs über schwarz gebrannte Medien, über Essen, über Haushaltswaren bis hin zu schillendernden Roben mit Strasssteinbesatz alles zu Spottpreisen darboten, was das Herz begehrt. Ich kann und will mit nicht anmaßen, eine Stadt nach zwei Tagen zu kennen, doch mein erster Eindruck sprach weder eindeutig für oder gegen Amman und bis heute habe ich darüber keine Klarheit, aber fasziniert hat es mich allenmal, vielleicht eben weil ich mich nicht dafür entscheiden kann, wie gut es mir dort gefällt.

Was ich jedoch in der kurzen Zeit schätzen lernen konnte, sind die vielen Cafés und Bars, in denen zu viel geraucht wird, aber dafür immer ein tolles Sortiment an alkoholfreien Getränken angeboten wird. Sie alle haben einen individuellen Touch, sei es modern-schlicht-bunt eingerichtet oder mit Wandfliesen in traditionell-arabischen Mustern geschmückt. Ich habe mich schnell in die unzähligen kleinen Buchläden verliebt, wo sich Bücher bis unter die Decke stapeln und am Verkaufstresen alte Männer schweigen oder reden. Ebenso in die Musik auf der Straße, die kreative Streetart an Mauern und Wänden. Die Geselligkeit an allen Ecken. Und selbstverständlich habe ich das Essen genossen, von dem es grundsätzlich immer zu viel gibt. Sowieso habe ich schnell gelernt, dass es in Jordanien ebenso leicht wie schwer ist, das Leben zu genießen, es hängt ganz davon ab, woher man kommt. Aus Europa kommend scheint Amman trotz allem zunächst nicht allzu viel Charme zu haben: zu einfarbig, zu dreckig, zu laut. Doch glücklicherweise wurde ich eines Besseren belehrt, oder belehrte gewissermaßen mich selber.

Aus unerklärlichen Gründen war mir Jordanien vom ersten Tag meines Aufenthaltes nicht so fremd, wie ich es erwartet hatte. Der Klang des Arabischen war recht vertraut, ebenso der Trubel auf den Straßen, die Marktschreier und die feilschenden Käufer. Die Märkte, wo Gemüse, Obst und Gewürze in großen Säcken in engen Gassen verkauft wurden, entsprachen genau meiner Erwartung und die im Grunde sehr fremden Gerüche waren seltsam vertraut. Ich fühlte mich sicher und ich fühlte mich wohl, auch nach dem frühen Einbruch der Dunkelheit. Ich kann nicht sagen, woran es liegt, denn Deutschland und Jordanien sind zwei verschiedene Welten und wenn man von dem einen Land in das andere reist und wieder zurück, dann kommt einem das Leben in der je anderen Welt vor wie eine sagenhafte Geschichte. Im Kontrast entzückt das Fremde, es begeistert. Käme man ungetrübt und naiv nach Jordanien und verbrächte einige Stunden in Gesellschaft eines Jordaniers, so entstünde schnell der Eindruck, man befände sich in der wohl harmonischsten Kultur der Welt. Alle werden zu Freunden, Probleme werden weggeschnackt und innerhalb eines kurzen Argumentabschlags für nichtig erklärt, darauf ein Schulterklopfen und eine Zigarette. Die Hälfte des Landes ist sowieso versippt und verschwägert und wenn nicht der eigene Cousin dort arbeitet, wo man nun in gerade diesem Moment special treatment wünscht, dann doch wenigstens der Freund eines Freundes, der einem garantiert hilft. Das Leben fließt dahin, mit Einfachheit, im Klang von Trommeln und Percussion, gerade in dem Tempo, das einem passt.

Nun ist natürlich lange nicht alles so rosarot, wie es ungetrübt wirkt. Die Realität kommt dem staubtrockenen, etwas verdorrten Anblick viel näher. Es gibt Hierarchien und klare Trennungen zwischen den Schichten, es gibt Armut und Arbeitslosigkeit, Existenznot und ständige Konfrontation mit den Konflikten in den benachbarten Ländern. Es gibt Rassismen, gerade gegenüber den unzähligen Flüchtlingen, es gibt Überforderung in der Politik, die verschwiegen wird. Es gibt eklatante Ungerechtigkeiten in der Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern und junge Menschen haben es schwer, sich und ihre Ideen zu etablieren. Konservative Gedanken prägen die Gesellschaftsstrukturen, die institutionalisierte Religion macht es schwierig, Innovation zu etablieren. Aber dennoch ist Amman eine Stadt und Jordanien ein Land, in dem optimistische Hoffnungen nicht im Keim erstickt werden, in dem die junge Bevölkerung – und wenn zunächst vor allem der privilegiertere Teil dieser neuen Generation – für Veränderung kämpft. Wo junge Menschen kritisch denken und sprechen, die die Welt sehen und von ihr leben möchten. Wo das Parlament genau so wenig überzeugt und wo die Wirtschaft versagt hat wie anderswo, aber wo allgemeines Vertrauen in das Gute im Staat und in die Polizei aus den Menschen spricht.

Ich schreibe diesen Text als eine junge Person, die sich in ihrem Leben nur eben so viel mit dem Nahen Osten beschäftigt hat, wie es durch die Medien ging. Die mit der Region zunächst Kolonialisierung und Imperialismus und dann Konflikte, Kriege und Flüchtlinge verbindet. Die den – durch all diese Auseinandersetzungen – Verlust des Zaubers bedauert, der in so vielen Büchern von poetischen Autor*innen aus der Region beschrieben und beschworen wurde. Ich schreibe diesen Text nach einer Woche, die vergangen ist wie im Flug und mir dennoch vorkommt, wie eine Ewigkeit. Ich hatte erwartet, mein Bild des Nahen Osten zu überdenken und ich bin dabei, mit wilden Pinselstrichen mein ganzes Weltbild zu überpinseln. Es ist mir selten so schwer gefallen, einen Text über ein Land zu schreiben. Denn nie zuvor hatte ich das Gefühl, einem Land, einer Gesellschaft, einer Kultur so wenig gerecht werden zu können. Zu voreingenommen bin ich vielleicht nach wie vor, als dass ich wirklich frei über Land und Leute schreiben könnte. Ich weiß nicht, wie groß der Ausschnitt ist, den ich gesehen habe, wie repräsentativ. Also maße ich mir nicht an, über Jordanien zu schreiben, sondern schreibe darüber, wie es sich mir präsentiert hat – wie es mir von zuvorkommenenden, charmanten und lebensfrohen jungen Jordaniern gezeigt wurde, die sich in Gastfreundschaft gegenseitig überragen.

Ich nehme eine Leinwand und darauf male ich Menschen, denn es sind die Menschen, die mir den Abschied von Jordanien besonders schwer gemacht haben und die mir auch die Augen für Jordanien, für die Städte, für die Sprache, für kulturelle Feinheiten und für politische Realität geöffnet haben. Der Hintergrund ist braun, beige, ocker – sandfarben eben. In der Ferne schlagen junge Männer mit Stöcken Oliven aus unzähligen Olivenbäumen und noch weiter hinten liegt das Tote Meer in einem diesigen Tal. Mein Kopf ist voller Fragen, auf die ich die Antwort wahrscheinlich so schnell nicht finden werde, doch ich bin dankbar darüber, mit einem so guten Gefühl in Jordanien gewesen zu sein und aus Jordanien zurückkehren zu können.

November 2015

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