Gesellschaft und Werte, Junge Power

Der Mehrwert von Jugendprojekten

Innerhalb des vergangenen Monats habe ich an drei Formen von Jugendprojekten mitwirken können: Ein Jugendaustausch (nach Jordanien), eine Konferenz für junge Stipendiat_innen der Friedrich-Ebert-Stiftung und eine trilaterale Jugendbegegnung. 

Der Jugendaustausch brachte unter dem Thema „Flucht und Asyl“ knapp dreißig engagierte junge Menschen aus Deutschland und Jordanien zueinander. Er hatte den Charakter einer Studienreise und kostete das Auswärtige Amt eine schöne Summe. Die Konferenz der FES war groß angelegt, beschäftigte sich in Input-Veranstaltungen und Output-kreierenden AG-Sitzungen mit der Zukunft Europas und kostete die Stiftung eine ebenso schöne Summe. Die Jugendbegegnung ermöglichte 25 junge Menschen aus Polen, der Ukraine und Deutschland,  eine Woche in einer internationalen WG zu leben und sich mit den Massenmedien ihrer Länder auseinander zu setzen.

Alle Jahre wieder entflammt irgendwann irgendwo eine Debatte über den Nutzen und Wert von Investitionen in junge Menschen. Sei es am Stammtisch, im eigenen Bekanntenkreis oder in der Politik. Investitionen in junge Menschen per se ist zunächst selten jemand abgeneigt – oder würde es immerhin nicht zugeben – aber entscheidend ist hier das Format. Bildung sei wichtig und förderungswürdig, Projekte vor Ort ebenso. Aber wie sieht es aus mit all diesen Völkerverständigungsprojekten: Austauschprogramme, Jugendkonferenzen, Jugendinitiativen und der ganzen Bandbreite internationaler Treffen?Was bringt es einer Gesellschaft, wenn von einigen Tausend vielleicht zehn an einem Programm teilnehmen können, das sie weiterbildet? Wo ist der Mehrwert dabei, Geld in Individuen zu stecken?

Unter Skeptiker_innen gibt es viele Argumente gegen diese Projekte. Da ist beispielsweise die Umweltbelastung durch die internationalen Reisen oder das Argument, das Geld könne doch sinnvoller angelegt werden – wo ist der Nutzen, dass ohnehin schon weltoffene und tolerante Menschen noch weltoffener und toleranter werden? Ich sehe das anders. Ja, ich wünsche mir mehr Landfahrten und weniger Flugverkehr, das kann ich nicht bestreiten. Aber sobald es um Geldfragen geht, bin ich raus. Solange Gelder für zwielichtigen Handel, Korruption und Selbstinteressen verballert werden, ist für mich das zahlbare Limit nicht erreicht. Und auch sonst bin ich der festen Überzeugung, dass eine Investition in ein Individuum eine Investition in die Gesellschaft ist. Und eine Investition in die Gesellschaft ist eine Investition in die Welt, die wir dringend nötig haben.

Aber ich möchte konkret auf die drei Projekte der letzten vier Wochen zu sprechen kommen, denn sie sind auf vielfältige Weise ein gutes Beispiel dafür, welchen Mehrwert die Investition nicht nur von Geld, aber auch von Zeit bei Planung und Durchführung bringt. Drei Gründe also von meiner Seite:

Die Ergebnisse und Erkenntnisse dieser Projekte erreichen mehr Personen als die Teilnehmenden.

Natürlich richtet sich ein Austausch primär an die Teilnehmenden. Doch eingebunden sind auch Menschen vor Ort, Menschen in Organisatoren, Menschen in Cafés. Junge und alte Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturen kommen ins Gespräch und sei es nur für einen Moment. In den sozialen Medien werden Fotos verbreitet und kommentiert und vielleicht findet das Projekt sogar Einzug in lokale Medien. Die Teilnehmenden sprechen mit ihren Familien und Bekannten und – wie in diesem Fall – nehmen ganz konkretes Wissen zu dem Thema mit in die „Heimatprojekte“, in die Flüchtlingsunterkünfte z.B., in denen sie sich einbringen. Sie erweitern ihren Horizont und sind in der Lage, in einer Diskussion das nächste Mal vielleicht ein Argument aus einer etwas anderen Perspektive einzubringen, das die ganze Runde zum Nachdenken anregt. Die Reichweite von klein ausgelegten Projekten wird häufig unterschätzt – zu Unrecht.

Austausch führt zu einem Motivationsschub

Gerade bei ohnehin sehr engagierten und politisierten jungen Menschen stellt sich oft die Frage: Brauchen die wirklich noch mehr? Ja, brauchen sie. Ich spreche aus der Perspektive einer jungen Frau, die sich seit vielen Jahren auf vielfältige Art und Weise für Menschenrechte, Gleichberechtigung, Jugendbeteiligung und im Großen und Ganzen für „Europa“ einsetzt. Es ist nicht immer leicht und oft frustrierend. Deswegen ist es manchmal gut und wichtig, den Austausch mit anderen jungen Menschen zu haben, die für die gleichen Themen brennen, aber doch mit ihren eigenen Meinungen, Hintergründen und Vorstellungen die Debatte bereichern. Der Motivationsschub, der sich daraus ergibt, ist essentiell, um am Ball zu bleiben – aber auch, um sich selbst immer wieder zu hinterfragen und nicht nur „Gegner_innen“, sondern vor allem auch sich selbst gegenüber in aller Euphorie und Begeisterung kritisch zu bleiben.

Jedes Projekt fördert kritisches Denken und bringt eine Horizonterweiterung

Was bereits im vorherigen Argument angeklungen ist, soll hier nun den Platz bekommen, der ihm zusteht: Die Förderung von kritischem Denken ist ein essentieller Part jeder Form von internationaler Begegnung. Die Konfrontation mit Neuem, mit Fremden und mit Herausforderungen des interkulturellen Alltags führt automatisch dazu, Aspekte der eigenen Wahrheit und Realität hinterfragen zu müssen. Einhergehend damit ist eine Horizonterweiterung. Egal, wie gebildet, erfahren oder gereist ein junger Mensch bereits ist – solange er oder sie sich keine Scheuklappen zugelegt hat, führt jedes Projekt zu einer Horizonterweiterung. Und davon profitiert letztendlich eine ganze Gesellschaft.

Eine Gesellschaft setzt sich zusammen aus Individuen und deshalb ist es wichtig, diese Individuen dabei zu unterstützen, die Welt zu sehen, in einen Austausch zu gehen, Hürden zu überwinden. Natürlich wird niemals jede Person, die sich an einem Jugendprojekt beteiligt hat, die Welt verändern. Aber das kommt nicht dem Format von Jugendbegegnungen zu Schulden, sondern einfach dem Wesen der Menschen.

Dezember 2015

 Als zufällige Teilnehmerin (ich saß halt grad herum) bei einem japanisch-indonesischen Austausch, 2014 in Kanazawa

Als zufällige Teilnehmerin (ich saß halt grad herum) bei einem japanisch-indonesischen Austausch, 2014 in Kanazawa

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