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Nicht von dieser Welt: London

Ich wurde am Flughafen London Stansted an der Passkontrolle beinahe überschwänglich begrüßt. Morgens um sieben war ich in Bremen in einen Ryanair-Flieger gestiegen, der mich um zehn vor sieben in London wieder ausspuckte und als scheinbar einziger Morgenmensch umgeben von gähnenden Gestalten wartete ich in der Schlange an der Passkontrolle. Ein mindestens 60-jähriger Zollbeamte warf einen Blick auf meinen Ausweis. „That is a lovely picture, madam!“, sagte er mit fantastischem britischen Akzent und strahlte mich an.

Er fragte, woher ich gekommen sei. „Ah, she came in from Bremen!“, reimte er dann und hielt meinen Ausweis auf den Scanner. „She did not start in Stuttgart, she did not fly over from Hannover“. Ich habe vergessen, wie er auf Berlin, Cologne und Munich reimte, aber ich trat sehr vergnügt in die inzwischen ziemlich große Vorhalle des Flughafens Stansted.

Über England ging die Sonne in hellen Tönen auf, einige Federwolken am Himmel waren gelb angepinselt, es war ein wunderschöner Tag, mild und frühlingshaft. Wir waren für 36 Stunden in London und Grund der Reise war die Vernetzung für unser europäisches Jugendprojekt Europeers. Aber der größte Teil des Tages stand uns zur freien Verfügung, also begannen wir zu laufen nachdem der Bus uns an der Liverpool Street Station absetzte.

Die Bilanz des Trips?  London lässt sich wunderbar in 2 Tagen erkunden – vorausgesetzt man nimmt Muskelkater in Kauf.

Die Sonne spiegelte sich in den modernen Hochhausgebilden, unter denen wir zur Themse wanderten, in Richtung Tower Bridge. Um uns herum liefen schöne, gut angezogene Menschen mit einem Coffee to go in der Hand und Hipster wie aus dem Modeblog geschnitten. Wir blickten an Fassaden von alten, fantastisch restaurierten Häusern hoch und träumten davon, eine solche Wohnung einrichten zu können, während wir durch ein sehr weltfremdes Stadtzentrum liefen und ich mich mit meinem Rucksack (den ich sehr liebe) und meiner Eichhörnchen-Schneeflocken-Strumpfhose (die ich auch sehr liebe) recht fehl am Platz fühlte. Vielleicht lag es auch weniger an meiner Aufmachung, als an der generellen Ausstrahlung der Straßenzüge, die nur wenigen ein Zugehörigkeitsgefühl zulassen und ich gehöre eindeutig nicht dazu. Ich trauerte aber darüber nicht, sondern wunderte mich über den erstaunlich kleinen Tower of London, während wir in der Morgensonne am Fluss saßen und Käsebrote aßen, die wir – typisch Deutsch – aus Deutschland mitgebracht hatten, um Geld zu sparen. Es war recht leer auf dem Platz zwischen Burg und Brücke. Erstens war es recht früh und zweitens Januar und es rechnet ja keiner damit, einen so wunderschönen Tag im Londoner Winter zu erleben.

Tower of London (vorne rechts) und moderne Monster (ganz links erinnert mich an einen Wal, aber nicht an einen besonders hübschen)

Wir schulterten unsere Rucksäcke und stapften weiter, über die Brücke, unter architektonischen Kunstwerken, die wir mit Skepsis begutachteten, hindurch und ließen uns ein bisschen vom Gefühl und ein bisschen von den Wegweisern leiten. Wir entdeckten den Borough Market, wo wir von den angebotenen Delikatessen probieren konnten (ich aß das erste Mal einen Happen Hirsch) und überquerten dann wieder den Fluss zur St. Paul’s Cathedral, die zu viel Eintritt verlangte (als wenn die Kirche unser Geld bräuchte), um reinzugehen, aber die von außen prächtig genug anzusehen war. Wir begleiteten unseren Weg mit politischen Diskussionen und schlenderten über den Leicester Square und den Picadilly Circus, vorbei an der Nationalgallerie und schicken Botschaften des Englischen Commonwealth Richtung Westminster Abbey und Big Ben. Vorbei an prächtigen Gebäuden, eines imposanter als das nächste mit dem alten Antlitz und den verzierten Fassaden und eines, wo britische Errungenschaften eingemeißelt waren: Recht, Bildung, Demokratie, Gerechtigkeit. Europa, Asien, Afrika, Amerika, Australien.

Selfies kann ich nicht so gut, aber das ist ja der letzte Schrei (vor dem Westminster Palace)

Auf dem Westminster Palace suchte ich (natürlich) vergeblich nach einer EU-Flagge, wie auch im Rest der Stadt und ich dachte mir, dass Parlamentarier ja natürlich größenwahnsinnig sein müssen, wenn sie in einem Palast regieren, der von außen prunkvoller erscheint als der Buckingham Palace.

Zu dem ging es als nächstes, durch den St. James Park wo ich von einer Frau Nüsse in die Hand gedrückt bekam, die mir die Eichhörnchen aus der Hand fraßen. Die Straßen links und rechts des Parks waren mit Wohnhäusern, Reih an Reih, gesäumt wo große Kronleuchter durch die Fenster strahlten.

Unsere Beine machten langsam schlapp und die Mägen brummten, aber nach importierten Butterbroten stand uns nicht mehr der Sinn, also schlugen wir den Rückweg ein, diesmal an noch größeren Häusern, fast schon kleinen Palästen, entlang nach Soho, um umgeben von Hipstern und kleinen Coffeeshops und Cafés, die ebenso in Berlin sein könnten, Mittag zu essen. Gestärkt und erholt begannen wir unser letztes Stück Wanderung an der Stadtluft für den heutigen Tag: Auf zur Tube.

Unten in der U-Bahn-Station traf uns fast der Schlag: 5£ für Ticket. Wir hatten leider keine Wahl und beschwerten uns während unserer gesamten Reise durch das unterirdische Gewirr von Gängen über die Unverschämtheit, nicht einmal die öffentlichen Verkehrsmittel in dieser Stadt für die Allgemeinheit erschwinglich zu machen.

Am nächsten Tag (nachdem wir wieder 5£ gezahlt hatten, um von unserer Projektpartnerin zurück in die Stadt zu kommen), stand außer Frage, ob wir an diesem Tag eine größere Strecke fahrend zurücklegen würden (selbstverständlich nicht).

Der Himmel war an diesem meinen zweiten Tag in dieser Weltmetropole zugezogen und es hatte über Nacht geregnet, also beschlossen wir, in die National Gallery zu gehen bis die Straßen getrocknet waren. Das Tolle an Museen in England ist, dass sie nichts kosten und so liefen wir gemeinsam mit einigen Touristen und vielen adrett uniformierten Schulgruppen durch die Kunsträume (Makabre Interessen werden englischen Kindern übrigens im Grundschulalter anerzogen: eine Truppe maximal siebenjähriger saß auf den Knien vor einem Gemälde, in dem ein Drache zwei Menschen zerfleischt, deren Knochen schon überall verteilt liegen und diskutierten ihre Eindrücke).

Wofür sich London, da es sich anbietet auf öffentliche Verkehrmittel zu verzichtet, wunderbar eignet, ist planloses Herumirren, das allerdings durchaus beabsichtigt sein kann und dazu führt, dass die streunenden Reisenden ganz entzückende Ecken links und rechts der Themse entdecken, die  sonst wohl verborgen bleiben.

Letztendlich war unser letzter Stopp – damit wir auf der Must-See-London-Liste auch wirklich alles abhaken konnten – ein Pub bei der London Bridge, in der wir wiederum begeisterte Europäerinnen zum Gespräch bei einem nachmittaglichen Ale und Cider trafen. Da wir mittags in Chinatown gegessen und dadurch die britische Cuisine komplett versäumt hatten, kauften wir Salt&Vinegar Chips für den Snack zwischendurch und zurück ging es in die Heimat.

In 36 Stunden sind wir (ich habe die genaue Route auf Google Maps abzüglich von einigen Irrungen und Wirrungen nachgezeichnet) 27 Kilometer gelaufen.

London eignet sich fantastisch für einen Spaziergang von Sehenswürdigkeit zu Sehenwürdigkeit, vielleicht auch deshalb, weil einem das normale Leben nicht in die Quere kommt. Alles ist schön, alles ist bewundernswert. Aber tatsächlich ist es nicht nur hübsch anzuschauen, sondern fühlt sich tatsächlich auch sehr gut an. Trotz der emsig arbeitenden Menschen hinter blanken Fassaden herrscht eine entspannte und fröhliche Atmosphäre. Vielleicht weil die Realität effektiv ausgesperrt wird. Ich bin niemals zuvor in einer dermaßen internationalen Stadt gewesen, die gleichzeitig eine dermaßen nationale Ausstrahlung hatte. In Berlin, in Brüssel, in Taipeh, in Tokio, in San Francisco – überall spürte ich die Internationalität an jeder Straßenecke, ich war von der Welt umfangen. In London gibt es nur London. Es gibt die typische Architektur, die sich vielleicht vergleichbar in Irland findet – aber das ist ja eine andere Geschichte. Es gibt rote Telefonboxen, rote Doppeldeckerbusse, Polizisten mit witzigen Helmen, schwarze Taxen, Linksverkehr und Pounds. Es gibt Pubs im klassischen Design, in denen einsame Männer sitzen und beanzugte Herren mit Hut und Regenschirm (es gibt eine klare Männerdominanz, die mich stört!). Überall wird Englisch gesprochen, nur in den drei Straßenzügen von Chinatown dominiert Chinesisch. London ist beeindrucken und sehr zu genießen, mir hat die Stadt aus touristischer Perspektive gut gefallen – aber die Stadt ist auch außerordentlich welt- und lebensfremd und scheint vom Rest Europas, vom Rest der Welt schon durch die eigene Ausstrahlung isoliert zu sein. Was das für unser europäisches Projekt bedeutet? Harte Arbeit und viele Herausforderungen. Innerhalb von Europa jedoch ist es ein interessantes Phänomen – so viel Homogenität an einem Ort. Ob das noch zeitgemäß ist? Ich wage es zu bezweifeln und frage mich, wie lange diese patriotische Ausstellung noch Bestand haben kann. Ich frage mich auch, wie viele Büroräume noch errichtet und bezogen werden und ich frage mich, wie lange sich noch Normalsterbliche in der City of London aufhalten (können). Aber ich bin froh, London gesehen zu haben – die Stadt bekommt ein eindeutiges Prädikat „sehenswert“.

Januar 2016

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