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Internationale Verantwortung (Flüchtlingskrise)

Als bei uns schon der Herbst einbrach und in Jordanien noch bei 25 Grad Sandstürme über das Land fegten, besuchte ich im Rahmen eines Austausches mit einer Gruppe engagierter junger Menschen aus Deutschland und Jordanien das Zataari Camp. Das Zataari Camp liegt im Norden Jordaniens in einer Wüste, wenn man durch die kahle, staubige Landschaft dorthin fährt, weisen irgendwann die Straßenschilder nach „Syria“.

Im Zataari Camp leben 80.000 geflüchtete Syrer, es waren zwischenzeitig noch mehr, doch das sprengte die Kapazitäten. Seit fünf Jahren steht das Camp, langsam werden auch die letzten Zelte durch Container abgelöst, langsam wächst der Unmut und die Hoffnungslosigkeit und langsam entwickelt sich das Camp zu einer Stadt, mit einem Boulevard, mit Straßennamen und mit Schulen und Werkstätten. Handel ist an sich nicht gestattet, doch die UN drückt ein Auge zu und lässt die Menschen Menschen sein, wenigstens so gut es geht.

Wir besuchten dieses Camp mit einem kleinen Bus und ich fühlte mich recht unwohl wie wir mit dem quietschgelben Gefährt, ein ausrangierter Schulbus, durch die staubigen Straßen fuhren, wo Menschen herumlungerten und Kinder mit großen, blauen UNO-Rucksäcken von der Schule schlurften und unserem Bus hinterher winkten.

Das Zataari-Camp ist nur eines von unzähligen Flüchtlingslagern in Jordanien, aber angeblich das wohnlichste, es verfügt über die beste Infrastruktur. Aber großartig ist das Leben nicht, vor allem seit mehr und mehr internationale Mittel für Entwicklungspolitik gestrichen werden – die UNO weiß nicht mehr, von welchem Geld sie die Menschen ernähren soll. Diese Schuld trifft auch uns. 1970 war bereits das Ziel vereinbart worden, reiche Länder sollten 0,7% ihres BIP als Entwicklungshilfe zahlen. Noch 2015 sind wir davon weit entfernt, knapp 0,4% wendet zum Beispiel Deutschland auf – internationale Tendenz absteigend.

Das Leben in Syrien ist nicht lebenswert, zweifelsohne. Das Leben im Zataari-Camp ist sicher (aus Perspektive eines jungen Mannes aber auf jeden Fall sicherer als aus der Perspektive einer (jungen) Frau), aber ist es lebenswert?

Wir trafen in einem Container auf abgezäunten Gebiet des Norwegian Refugee’s Council, die Ausbildungen für junge Menschen als z.B. Friseur_in und Schneider_in ermöglichen mit Lehrer_innen, einige nicht viel älter als wir, ein Drittel mit dem Gedanken spielend, nach Europa aufzubrechen. „Schlimmer als hier kann es nicht werden, zu verlieren gibt es nichts.“

„Was wollen sie denn mehr?!“, fragt der Mob. „Sie haben ein Dach über dem Kopf, sie sind sicher, warum schmarotzen sie dann in Deutschland?“

Die Menschen, mit denen wir gesprochen haben, haben ihre Ansprüche auf ein Minimum geschraubt. Sie haben ihre Hoffnung aufgegeben, nach Hause zurückkehren zu können. Sie haben die Hoffnung aufgegeben, dass es das zuhause überhaupt noch gibt. Was sie wollen, was sie von uns wollen, sind Antworten. Antworten auf die Frage: „Warum tut niemand etwas?“

Wir saßen also in diesem stickigen Container ohne Frischluft in einem Stuhlkreis, tranken Mokka mit einer Note Kardamon. Auf der einen Seite sie und auf der anderen Seite wir und wir fragten uns, was wir antworten sollten. Ob wir sagen sollten, dass die westliche Politik kein Interesse hat, das Leiden der Welt zu beenden, weil sich daraus innerhalb einer Legislaturperiode kein erkennbarer Nutzen ergibt? Dass es ziemlich viele bei uns ziemlich kalt lässt, was im Nahen Osten passiert, solange die Terroristen schön dort bleiben? Dass Egoismus Entscheidungen beeinflusse und nicht Menschlichkeit oder ein internationaler Blick?

Ich bin noch immer in den Reihen derer, die laut „refugees welcome“ rufen. Ich kann vor Wut kaum an mir halten, wenn Fackeln geschwungen, Parolen gebrüllt werden und wenn immer und immer wieder wie im Mantra wiederholt wird, dass wir keinen Platz haben.

Mir platzt der Kragen, wenn großmäulig die Wahrung unserer Rechte und unserer Demokratie gefordert wird, von Menschen, die im Laufe ihrer selbstbefriedigenden Amtsperiode aus den Augen verloren haben, was unsere Rechte und die Werte unserer Demokratie, Rechtsstaatlichkeit und Weltoffenheit sind. „Man wird ja wohl mal…“, nein darf man nicht. Natürlich darf man sagen, dass die jetzige Situation vielerorts ein Trauerspiel ist, aber man darf nicht sagen, dass die Geflüchteten, die eine Odyssee hinter sich gebracht haben, um wenigstens ein bisschen Menschenwürde zurück zu gewinnen, aus dem wunderbaren Deutschland eine Tragödie machen. Die Tragödie läuft seit langem, bisher haben aber alle auf ihren kleinen Bildschirmen Katzenvideos geguckt und nichts von der Außenwelt mitbekommen. Die Tragödie wurde verlagert, das Ende ist offen. Das ist ja das Schöne: Wir haben Einfluss darauf, was passiert.

Einfluss nehmen müssen aber auch die, an die sich der fragende Appell der Lehrer_innen aus Zataari eigentlich richtete: Politikerinnen und Politiker, in Deutschland und Europa. Wir machen bereits, was wir können. Wir helfen Ankommenden, wir diskutieren mit jungen Menschen, wir unterrichten Deutsch. Aber das Weltgeschehen liegt, so frustrierend das ist, nur minimal in unseren Händen. Uns bringt man bei, bei Schulungen und Trainings, keine Angst zu haben, großartig zu denken und zu handeln. Vom Leben lernen wir, dass es um Geld und Macht geht. Uns bringt man in der Schule bei, dass wir in einer Demokratie leben, dass wir auf unsere Menschenrechte stolz sind, dass wir alle gleich sind, in der Realität, naja.

Als wir mit unserem gelben Bus durch die Sandlandschaft zurück nach Amman fuhren, fragte ich mich, wie die Scheuklappen aussehen, mit denen diese ach-so-wichtigen Menschen von Welt durch ebendiese Welt laufen. Glauben sie sich eigentlich selber, was sie anderen weismachen zu versuchen? Wahrscheinlich schon, dachte ich mir und dieser Gedanke war außerordentlich frustrierend.    

Wenn doch Gutes-tun nur so profitabel wäre, wie Böses-tun. 

Januar 2016

Der Blick auf das Camp durch unsere Gardinen
Der Blick auf das Camp durch unsere Gardinen

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