Europa und EU, Über mich

Europa, die Welt und ich

In dieser kleinen Geschichte von Europa und mir geht es im Grunde um die ganze Welt. Es geht um die ganze Welt, weil Europa nicht ohne den Rest der Welt gedacht werden kann. Genauso wenig kann Deutschland ohne Europa gedacht werden. Und auch ich kann mich selbst nicht ohne Europa denken, aber das ist nichts Neues. Vielleicht lässt sich Deutschland ohne die EU denken, aber an ihre Stelle müsste eine vergleichbare Institution, ein gemeinschaftliches Gefüge treten, das den Staaten Europa ihr freiheitliches Leben ermöglicht ohne dass wir uns Europa nicht mehr vorstellen können.

Ich bin in Deutschland aufgewachsen, aber erst in Polen hatte ich das Gefühl erwachsen zu werden (was ich aus jetziger Perspektive etwas anders beurteilen würde, aber gut). In der Türkei lernte ich erste Lektionen zum interkulturellen Dialog und zu zwischenmenschlichen Beziehungen. „Internationale Beziehungen“ bekamen eine ganz neue Bedeutung in dunklen Kellern unter der Krakauer Altstadt. Wir alle, eine wilde, chaotische, völlig verrückte Mischung aus jungen Männern und Frauen mit und ohne Zielen und Plänen aus allen Teilen Europas, wurden Meisterinnen und Meister auf diesem Gebiet, wenn wir nächtelang das Leben feierten. Meine erste Beziehung ging ich mit einem Iren ein und verliebte mich gleichermaßen in sein Land. Wenngleich ohne Liebe, so pflegte ich doch auch eine sehr innige Beziehung mit Ryainair, deren Standards 2012 nicht mit dem Luxus von heute zu vergleichen sind, aber das war mir egal. Ryanair verband Europa und ich bin für diesen Beitrag zur Europäischen Integration auf ewig dankbar.

Ich folgte meinem Liebsten nach Japan, wo ich mit dem Land nicht warm wurde und gleichzeitig das Verhältnis zu ihm fröstelte. Ehe ich mich versah, war ich wieder Single, doch ich war in Asien und das war wunderbar. Ich verliebte mich sozusagen um und reiste durch Asien. Europa, diesen zusammengewürfelten Haufen hatte ich stets im Blick, immer ein bisschen in Sorge. In Asien verspürte ich das erste Mal so etwas Diffuses wie „Stolz“ für meine Herkunft, meine europäische Herkunft und mein kulturelles Erbe. Ich fragte mich, ob eine europäische Identität irgendwann weltoffenen Menschen ebenso antiquiert vorkommen würde, wie mir heute patriotischer Nationalstolz.

Europa und die Welt hängen unweigerlich miteinander zusammen, das begriff ich erst vollends, als ich in Asien lebte. Natürlich habe ich auch vorher schon gewusst, dass dank der Globalisierung und einer zunehmenden Konnektivität der Weltregionen und -metropolen alles miteinander verwoben ist. Doch in Asien habe ich meine Nähe zu Europa entdeckt, die Rolle, die wir in der Welt haben oder nicht haben oder haben könnten, wenn wir nur wollten. Ich diskutierte auf Hochhausdächern nächtelang europäische Werte und lernte Männer kennen, die mit mir ins Bett wollten, weil ich Europäerin war, also der Inbegriff von Dominanz und Ausgelassenheit. Das fanden sie außerordentlich spannend. In Asien merkte ich, wie unterschiedlich Europäer_innen und Asiat_innen sich wahrnahmen. Wie gleich wir waren, weil wir Menschen sind und wie unterschiedlich ob unserer Sozialisierung. Ich merkte, wie sehr mir Europa fehlte und wie sehr ich mir dennoch auch wünschte, Teile der asiatischen Kultur und des asiatischen Lifestyles importieren zu können. In Europa neigen wir, trotz unserer kosmopolitischen Attitüde, zu einem Eurozentrismus, der andere Kulturen arrogant belächelt und abwertet. Erst durch meine Auslandserfahrung ist mir das deutlich geworden – durchaus auch bezogen auf mich selbst.

Europa habe ich, seit ich mich aktiv damit auseinander gesetzt habe, als mehr begriffen als nur die EU; und auch als mehr als vordergründig Westeuropa (Auch dieser Ausschluss des Ostens beschreibt die eingeschränkte Perspektive, die in Westeuropa so oft Gang und Gebe ist). Vielleicht trübt mich meine Erinnerung, aber ich kann mich nicht daran erinnern, bei Europa jemals den Osten oder gar den westlichen Osten, der eigentlich eher zu Mitteleuropa gehört, nicht mitgedacht zu haben und ich bin meinen Eltern dankbar für ihre weltoffene Erziehung (und vielleicht auch ihre Affinität gegenüber dem Osten).

Ich habe in den letzten Jahren viel über Europa und die EU nachgedacht und mich mit vielen Menschen, mal mehr mal weniger kritisch, damit auseinander gesetzt. Ein großes Problem, das ich für mich festgestellt habe, ist eine Einstellung, die viele Europäerinnen und Europäer nicht über ihre Nase blicken lässt. Die noch der guten Zeit des 18. und 19. Jahrhunderts nachweinen, als alles Glanz und Gloria war und der Nationalstaat als das hippste Staatenmodell überhaupt gehandelt wurde. Überall in Europa wird das gegenwärtige Agieren gegen die EU mit der eigenen Geschichte begründet, als wenn der Anspruch auf Staatssouveränität ein unabdingbares europäisches Privileg sei.

In Asien blicken junge Menschen neidisch auf unseren Individualismus und ich stimme ihnen zu, dass mir das mehr liegt, als gesellschaftlicher Kollektivismus. Aber zwischen Abschottung und absoluter Harmonisierung gibt es ein weites, spannendes Feld voller Gestaltungsmöglichkeiten und Raum für Innovation.

Die jungen Menschen, die ich über die Jahre aus allen Teilen Europas getroffen habe und die manchmal beste Freund_innen wurden, und mich manchmal zur Weißglut trieben, denken problemlos über ihren Horizont, vor allem weil sie aufhören, darüber nachzudenken, wo ihr Horizont ist. Das liegt an der Attitüde, manchmal auch an dem billigen Alkohol. Grenzen verschwimmen leicht, wenn man nicht darauf beharrt, sie regelmäßig nachzuziehen.

Ich finde Europa toll, das kann ich nicht anders sagen. Ich finde auch Asien toll, aber Europa ist meine Heimat, hier will ich bleiben und hier fühle ich mich wohl. Ich halte auch die EU nach wie vor für das Modell der Zukunft Europas. Aber ich bin nicht mehr eine so überzeugte EU-Bürgerin, wie ich Europäerin bin – aber das ist weniger Europa geschuldet, sondern der nationalen Kurzsichtigkeit, die nicht Europa eigen ist – sondern Menschen, die zu viel Angst vor Veränderung und Machtverlust haben.

April 2016

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