Gesellschaft und Werte

(K)eine private Angelegenheit? Warum Religionsunterricht nicht mehr zeitgemäß ist.

Als ich in der 7. oder 8. Klasse war, entschied ich mich gegen den Religionsunterricht und wählte stattdessen das Fach mit dem etwas sperrigen Titel „Werte und Normen“, was nicht einfach war. Mein Religionslehrer sagte: „Du bist trotzdem bei uns immer willkommen, wie auch Gott dich immer mit offenen Armen empfangen wird.“

„Danke“, sagte ich, weil ich ein höfliches Kind war.

Ich habe also die meisten Jahre meines Lebens ohne Religionsunterricht verbracht, war aber dennoch von meiner Patentante zu Genüge mit bunten Kinderbibeln ausgestattet worden. Ich habe die Kinderbibeln in guter Erinnerung gehalten, den Unterricht weniger. Ich erinnere mich an Gewalt im Alten Testament, an bärtige Männer mit Papyrusrollen, dass wir in unseren Mappen mit immer dem gleichen Stift schreiben mussten und dass irgendwann Anhänger irgendeiner religiösen Gemeinschaft in unsere Schule kamen und aus Pappkartons Bibeln für alle auspackten. Vielleicht bin ich gegangen, bevor der Religionsunterricht spannend, gesellschaftskritisch und wahrlich relevant für meine geistige Entwicklung wurde, aber ich habe trotz des WeNo-Unterrichts keine Bildungslücke, weder in weltreligiöser Geschichte noch in christlichen Werten. Von meinem jetzigen Standpunkt spreche ich mich entschieden gegen Religionsunterricht als Pflichtfach aus. Alternativ plädiere ich dafür, den Ethikunterricht (vielleicht findet sich hierfür ja eine Bezeichnung, die das ganze spannender erscheinen lässt) planmäßig auf die Agenda zu setzen. Religion sollte als Wahlfach eine freie Entscheidung voraussetzen. Ich denke, das ist nur zeitgemäß.

Ich wurde keineswegs religiös erzogen, abgesehen von einigen weitestgehend fruchtlosen Versuchen meiner Patentante wie eingangs erwähnt, aber dennoch kann ich in der alljährlichen Christmette die Worte zu Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit problemlos auf mich übertragen. Die Werte, mit denen ich aufgewachsen bin, halte ich für gesunden Menschenverstand. Auf den Postkarten in meinem Jugendzimmer hingen keine Psalme, sondern der kategorische Imperativ und ein Zitat von Hannah Arendt: „Niemand hat das Recht zu gehorchen“. Ohne Zweifel geben Religion und der kirchliche Verbund vielen Menschen Trost und Halt und ich sehe mich in keiner Position, das zu verurteilen – warum sollte ich? Dennoch denke ich, dass Religion nicht in den öffentlichen Raum gehört, dass zwar eine Gemeinde von Religion zusammengehalten werden kann, nicht aber ein Staat, noch dazu in einer globalisierten, modernen Welt. Religion ist, wie das Grundgesetz es sagt, eine freie Entscheidung.

Ich betrachte die Welt aus einer sehr politischen Perspektive, das mag eine Berufskrankheit sein. Unterricht, Lernen und Lehre bilden für mich dabei das Fundament der Gesellschaft. Selbsterklärend ist es elementar, dass in dieses Fundament Werte eingebaut werden, die die Dos and Donts des menschlichen Miteinanders abstecken. Aber dass der Religionsunterricht diese Rolle übernehmen soll, das sehe ich äußerst kritisch.

Das Problem, das ich mit „Religion“ habe, ist der oftmals dogmatisch normative Anspruch. Für mich ein Widerspruch in sich, da Normen an sich keine Regeln sind und deswegen der individuellen Auslegung bedürfen. Religion – bzw. das geschriebene Wort, das ihr zugrunde liegt – allerdings kann allzu leicht so interpretiert werden, dass es im eigenen Sinne eine große Gruppe von Menschen ausschließt. So wird Religion schnell exklusiv, man beobachte zum Beispiel wie sich viele der überzeugtesten Katholiken Europas weigern, Geflüchteten Schutz zu bieten, aus Furcht vor der fremden, bösartigen Religion. Weil in der Religion Patriarchat und Hierarchie angelegt sind und sich im Lauf der Geschichte verfestigt haben, werden leicht Gruppen von dem mobilisiert, was einer von der Kanzel schreit – und das in einer Zeit, in der wir uns unserer Gleichberechtigung und Demokratie loben. Genau wie in einer freiheitlichen Moderne der Hang zu eingestaubten Hierarchien verwundert, stößt es mir bitter auf, wenn Frauen zurück an den Herd geschickt, Homosexuelle zu heilen versucht und Angehörige anderer Religionen als bedrohlich gesehen werden. Religion im öffentlichen Raum assoziiere ich trotz meiner Wertschätzung für den Pastor meiner Mitternachtsmette mit Diskriminierungen, Ausgrenzungen und Patriarchat. Ich weiß, dass diese Worte schnell mit zahlreichen Beispielen widerlegt werden können, aber es nimmt dem Argument nichts. Junge Menschen brauchen keine religiöse Erziehung, um zu reflektierten, kritischen und weltoffenen Erwachsenen zu werden, denn es ist nicht die institutionalisierte Religion, die Werte vermittelt, sondern nur eine zeitgemäße, der multikulturellen Menschheit wohlgesonnene Interpretation des individuellen Glaubens. Dass die westlich-christliche Religion nur deshalb keine terroristischen Organisationen (mehr) hervorbringt, ist nicht ihrer besonderen Friedfertigkeit geschuldet, sondern allein dem Umstand, dass wir in entwickelten rechtsstaatlichen Systemen leben. Es sind nicht die Christen die besseren Menschen und das Christentum die bessere Religion, sondern es ist ein post-nationalistisches, werteorientiertes und humanistisches Weltbild, das wenig Raum für religiösen Fanatismus lässt. Deshalb ist es falsch, evangelische oder katholische Religion als etwas Besonderes, etwas besonders Wichtiges, in der Schule hervorzuheben.

Im Deutschunterricht lernen wir Deutsch, im Matheunterricht Mathe – und im Religionsunterricht Religion? Was vermittelt werden muss, sind Werte, Moral und mögliche Antworten auf gesellschaftliche Herausforderungen. Religionsunterricht dient oft als Ort für Probleme jeglicher Art – aber warum bedarf es dafür der Religion? Die Lehre der Bibel ist als Bezugsrahmen nicht mehr für die breite Gesellschaft relevant, wichtig ist die kritische Auseinandersetzung mit dem Thema. Es wäre falsch, die Religion ein für alle Mal aus dem Lehrplan zu verbannen, trotz allem ist es ja ein spannendes Thema. Religion sollte gelehrt werden, auch weil sich unsere Gesellschaft öffnet und verändert, aber nicht als Lebenslehre, sondern als ein Aspekt in einem allumfassenden Fach.

Ich werde zur Veranschaulichung etwas ausschweifen. Gestern war am 22. Mai der internationale Museumstag, das bedeutete freien Eintritt zu allen Museen in Oldenburg. Mit zwei Schülern, geflüchtet aus Syrien (ich gebe Nachhilfe in Deutsch als Zweitsprache), besuchte ich das Stadtmuseum, das einerseits die Geschichte Oldenburgs einfängt und andererseits einen Einblick in das bürgerliche Leben um 1900 gibt. Die beiden Jungs, 15 und 19 Jahre, blieben vor einem Bild stehen, das ihnen gut gefiel. Es zeigte eine Szene „Adam und Eva finden die Leiche Abels“ und sie wollten alles wissen, was ich ihnen zu der Szene erzählen konnte, also erzählte ich von Neid und Brudermord. „Wie bei uns“, sagte der Ältere. „Aber wir nennen Eva ,hauwa‘.

„Wie traurig“, sagte der Jüngere.

In den Villen, die wir betrachteten gab es viele Räume und viele Bilder, die anschaulich europäische Geschichte zeigten. Innerhalb von drei Stunden stürmten wir von der Antike über das etwas vernachlässigte dunkle Mittelalter (was gab es da schon außer Kreuzzügen und der Pest?) über Reformation, Renaissance, den 30-jährigen Krieg, die Aufklärung und Revolutionen schließlich zu den völkischen Ideologien des 20. Jahrhunderts und Völkermord.

Genug geschweift, zurück zum Thema. Wie erkläre ich zwei jungen Männern mit eingeschränktem Wortschatz all diese Zusammenhänge? Ich setze an einem Punkt an, der uns und unsere Geschichte verbindet: Religion. Im Angesicht der Geschehnisse kommt allerdings die Kirche dabei nicht besonders gut weg. Der Ältere stellte zwischendrin, das war in Bezug auf den 30-jährigen Krieg, fest: „Menschen mit verschiedenen Religionen bekämpfen sich? Wie bei uns.“ Aufklärung und die Revolution begeisterten ihn – Wissenschaft, Kritik am Menschenverstand, Bücher, Kunst und Kultur und der kämpferische Einsatz für die eigenen Rechte. „Fast wie bei uns“, sagte er.

Unsere Religionsgeschichte ist sehr spannend, voller dunkler Kapitel und die Kirche voller Mängel. Das nimmt ihr nicht die Berechtigung „zu sein“, doch meiner Meinung nach hat ein Fach, das Religion einseitig vermittelt in unserem Lehrplan nichts zu suchen. In der Schule sollte über Religionen informiert werden, es sollte eine kritische Auseinandersetzung und der Vergleich der verschiedenen Lehren wenigstens versucht werden. Religionsunterricht sollte als Ethikunterricht ein Fach sein, in dem Anhänger_innen aller Religionen ebenso wie Atheisten in einen regen Austausch über Werte, Gesellschaft, Moral und eben Religion kommen können. Religion ist ein politisch und gesellschaftlich relevantes Thema, weil es viel Potential für Konflikt, für Missverständnis und für Kritik birgt. Doch Religion darf nicht exklusiv vermittelt werden, die katastrophalen Folgen dessen zeigen die Menschheitsgeschichte und Gegenwart anschaulich genug.

Mai 2016

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