Europa und EU, Gesellschaft und Politik, Vergangenheit, Gegenwart und Identität(en)

Über europäisches Miteinander

Der Grund, weshalb ich mich seit vielen Jahren für Europa engagiere, ist, dass ich Menschen mit meiner Leidenschaft einerseits und mit Argumenten andererseits für Europa begeistern möchte. Und dabei spreche ich ganz bewusst von Europa und nicht von der Europäischen Union und meine mit dem Einen auch nicht das Andere. Wenn ich von Europa spreche, dann ziehe ich keine Grenzen, auch keine imaginären und ich möchte mich aber auch nicht auf die Debatte um die Grenzen Europas einlassen. Es sei nur so viel gesagt, dass Europa nicht an den Grenzen der EU aufhört und dass ich es unerhört finde, dass insbesondere die westeuropäischen Länder sich das Recht nehmen zu entscheiden, wer zu Europa gehören darf und wer nicht – wer zu dem schwammigen Sammelsurium europäischer Werte beitragen darf und wer nicht.

Der Grund, weshalb ich mich also so sehr für Europa engagiere, liegt in dem großen Potential, das ich in Europa sehe; auch Potential für die EU. Ich habe es nun mit meiner Masche, die sich aus den Kulturwissenschaften ableitet, nicht immer leicht, immerhin dominiert die neoliberale, kapitalistische Ökonomie das europäische Denken. Aber das ist uns keine Hilfe – nähmen wir die Wirtschaft zum Beispiel, dann hätten wir die Grenzen Europas schon lange überwunden, Nationalität spielte keine Rolle mehr. Wirtschafts- und Kulturwissenschaften sind sich spinnefeind. Ich bin jedoch der festen Überzeugung, dass wir in Europa nur Fortschritt erleben, Lösungen finden und Visionen Realität werden lassen können, wenn wir uns zuallererst auf Europa an sich konzentrieren und in Europa auf Kultur und Geschichte. Auf Sprachen, Traditionen, Erinnerungen und gemeinsame Vorstellungen.

Wirtschaft und Politik sind elementare Instrumente, um das effektive und erfolgreiche Funktionieren einer Gesellschaft, eines Staates oder einer Gemeinschaft zu garantieren. Letztendlich fußt all das aber auf einem Fundament: Der Kultur dieser Gesellschaft, dieses Staates, dieser Gemeinschaft. Ich spreche von Sprachen, Traditionen, Erinnerungen und Vorstellungen, ich klammere ganz bewusst „Werte“ aus. Was sind schon Werte? Was sind „europäische Werte“? Der Begriff findet tretmühlenartig Einzug in jede europäische Diskussion, ich bin der schwammigen, nichtssagenden Auseinandersetzungen überdrüssig. Werte sind ein Konstrukt. Und zwar ein abstraktes Konstrukt, das sich aus einer bereits abstrakten Konstruktion erschließt: der Identität. Wir beispielsweise leben angeblich im christlichen Abendland. Ich bin aber nicht christlich. Ich habe trotzdem nichts dagegen, beim Sonntagsfrühstück Kirchenglocken zu hören. Ich habe auch nichts dagegen, wenn nebenan eine Moschee gebaut wird. Ich habe etwas dagegen, wenn jemand etwas dagegen hat, dass ich mich bewusst gegen die Religion entscheide. Ich bin nicht stolz darauf, aus dem christlichen Abendland zu kommen, von dem aus die Krieger auszogen, um alle Welt zu christianisieren. Man nannte das damals noch nicht Terrorismus, aber das ist ja auch egal, denn es liegt lange in der Vergangenheit, lassen wir Moos drüber wachsen. Gute Christen, böse Muslime. Identifiziere ich mich mit Europa, weil ich Christin bin? Natürlich nicht. Ich identifiziere mich mit Europa, weil ich mich in diesem breiten, freiheitlichen Spektrum dort ansiedeln kann, wo ich will. Das sind für mich an erster Stelle Europäische Rechte, um hier mal vom Abstrakten zu den Fakten zu kommen. Identität entwickelt sich aus den Legenden, Mythen und weitergegebenen Erinnerungen einer Generation an die folgenden. Dabei verfolgt sie keine rationalen Regeln. Sie klammert sich zwar an Außengrenzen und folgt einem Sinn von unerschütterlicher Überheblichkeit („Wir sind besser, als alle anderen“), doch besonders viel Sinn ergibt die Manifestation von Identitäten nicht. Natürlich – Menschen brauchen einen Bezugspunkt, ein Rudel, in dem sie sich wohl und sicher fühlen. Doch dass unsere (nord-)deutsche Identität nun ausgerechnet Bayern und Schwaben mit einbezieht und Niederländer ausschließt, das ist rein rational betrachtet äußerst kurios. Natürlich, die Sprache. Aber sonst? Das Konzept von nationaler Identität stützt sich darauf, dass Menschen genug Vertrauen in eine große anonyme Masse haben, um ihr zu vertrauen und sich ihr zugehörig zu nennen. Warum haben wir kein Problem damit, uns mit 80 Millionen Deutschen zu identifizieren, aber wehe, es kommen ein paar Franzosen und Polen dazu? Warum vertrauen wir darauf, dass uns die Deutschsprachigen, die 10 Zugstunden entfernt leben näher und gleicher sind als die Niederländer, die eine Zugstunde entfernt leben? Grenzen zu überqueren ist nicht (mehr) schwer, wir sind uns nicht fremd. Die gefühlte Fremde rührt vor allem daher, dass wir uns nicht einlassen wollen auf andere Erinnerungen, andere Wahrnehmungen von Geschichte und Gegenwart – und das beginnt bereits im eigenen Land.

Wenn ich mich für Europa engagiere, dann tue ich das mit einigen Visionen vor meinem Auge. Vielmehr einer großen Vision, die sich aus zahlreichen Aspekten wie ein Mosaik zusammen setzt. Ich wünsche mir ein Europa, in dem nicht die Abgrenzung, der Wunsch nach dem Besser-Sein, der Größenwahn und der aus irgendwelchen mystifizierten Ereignissen abgeleiteten Nationalstolz die eigene Identität bestimmen. Ich sehne mich nicht nach einem Europa, in dem die Menschen alle zu Nomaden werden und von einem Ort an den nächsten ziehen. ich wünsche mir einfach ein Europa, in dem offene Grenzen auch von heimatverbundenen Menschen als kulturelle Bereicherung und nicht als Bedrohung betrachtet werden. Ein Europa, in dem europäische Werte nicht als Aufnahmeprüfung, sondern als lebendiger, sich ständig wandelnder Schatz, ein europäisches Allgemeingut, verstanden werden.

Europas – und der EU – größter Feind sind die erstarkenden Konzepte von Dominanz und Unterwürfigkeit, die nationale Beziehungen im 19. und 20. Jahrhundert prägten. So läuft das in der Wirtschaft, im Wettbewerb, im Kampf. Doch das ist nicht das kulturelle Erbe, auf das wir blicken könnten: Freiheit, Gleichheit, Gewaltfreiheit, Partizipation und Offenheit. Diese Konzepte gilt es zu bewerben, zu vermitteln und zu leben. Denn nur, wenn dieser ganze Machtkampf innerhalb Europas zwischen verkopften Egomanen sich in einen nachhaltigen Austausch auf Augenhöhe wandelt, haben die Bürgerinnen und Bürger Europas die Möglichkeit, sich einander wirklich anzunähern. Und erst auf Grundlage einer starken europäischen Gesellschaft werden politische, soziale und wirtschaftliche Reformen auf Ebene der EU langfristig erfolgreich sein.

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